Brutale Gegenwart als Märchen erzählt – Märchenspiegel der Aramesh

Engelskirchen. Eigentlich hat sie sich bisher vor allem als Lyrikerin hervorgetan. Aber jetzt ist Barbara Naziri ohne jede Frage ein glänzendes Debüt als Märchenerzählerin gelungen.
Wenn überhaupt, dann hat natürlich sie als Deutsch-Iranerin mit jüdischen Wurzeln die entsprechenden literarischen „Gene“ und kann aus morgenländischer sowie jüdischer Erzähl-Tradition nahezu grenzenlos schöpfen.

Wort- und metaphernreich erzählt sie von den grausamsten Erlebnissen und damit von der traurigen Gegenwart zweier Kinder, die im Jugendamtsjargon als sogenannte unbegleitete Minderjährige aus morgenländischen Kriegsgebieten Richtung Westen fliehen müssen, da ihre Eltern ihnen kein sicheres Zuhause mehr bieten konnten. Sie vertrauen sich Schleppern sowie anderen erwachsenen Flüchtlingen an, stoßen in den Ländern, die sie zu Fuß oder mit dem Zug durchqueren immer wieder, aber nicht nur auf hilfreiche Menschen.

Am Ende finden das Mädchen Aramesh und der Junge Darius nach der langen und entbehrungsreichen Flucht in Deutschland eine Pflegemutter, die ihnen sehr zugetan ist und die Gewohnheiten ihres Landes nahebringt.

Barbara Naziri beherrscht in ihren Märchen eine fast mühelos wirkende bildhafte Sprache und eine insgesamt leicht schwingenden Sprachmelodie, die scheinbar aus harten Gegenwart herausführt, um wenig später umso emotionaler in die grausame Wirklichkeit zurückzukehren.

Gekonnt übersetzt sie die Alltags- in eine Märchensprache, die Kindern sowie Erwachsenen die Nöte von den beiden jungen Flüchtlingen einfühlsam und verständlich näher bringt. Neben dem Rahmenmärchen über die Flucht der Beiden, entdeckt das Mädchen Aramesh in den Splittern ihres Märchenspiegels, die sie als Teile ihrer zerstörten Heimat mitnahm, immer wieder neue Märchen, die sie in diverse zumeist tröstliche Fantasiewelten eintauchen lässt. Die Figuren in den Erzählungen müssen manche Abenteuer bestehen, die allerdings stets märchenhaft gut ausgehen.

Selbstverständlich ließ die Lyrikerin Naziri es sich nicht nehmen, in den Märchen ihren fantasievollen Figuren immer wieder wohl klingende Zaubersprüche, Verwünschungen und Verheißungen in gereimter Form in den Mund zu legen.

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