Da staunen selbst Professoren und Informatiklehrer: Computer sind mini, aber oho

Mini Computer, aber schwer oho. – Fotos: Karl Dittrich

Unna. Mit zehn neuen Kleinstcomputern können Schüler/innen des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Informatik ganz neu entdecken. Wenn einer mal staunt, was ein PC, ein Notebook, ein Tablet, ein Smartphone – also Informatiksysteme – so alles können, dann ist das eigentlich schon viel. Die meisten – auch jungen – Menschen nutzen ihre Informatiksysteme wie Geräte, die an eine Steckdose angeschlossen werden. Woher der schwarze Kasten da unterm Bildschirm oder das in der Hand die gigantische Leistungsfähigkeit nimmt, was wirklich vorgeht im Inneren, das ist unseren Blicken verborgen – und allzu gern geben sich die meisten von uns mit dieser Tatsache zufrieden.

Aber muss es nicht selbstverständliches Bildungsziel einer auf Zukunftstechnologien setzenden Gesellschaft sein, informatisches Grundlagenwissen für eine viel größere Zahl von Menschen zu vermitteln – als Einmaleins des 21. Jahrhunderts? Erst recht sollte das für Absolventen eines gymnasialen „MINT“-Zweiges gelten, für junge Menschen also, die auf ihrem Weg zur allgemeinen Hochschulreife besonders in Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften gefördert und gefordert wurden.

Kleinstcomputer sind ein ideales Medium, um solche Ziele entschlossen anzusteuern. Kleinstcomputer am besten für jeden Schüler. In Großbritannien versteht die bbc ihren öffentlich rechtlichen Bildungsauftrag genau so: Eine Million Minicomputer (microbit) stellt der Sender britischen Jungen und Mädchen zur Verfügung – damit die besser und leichter verstehen, was in den schwarzen Kisten vorgeht. Eine sinnvolle Investition in die Zukunft der Wissensgesellschaft, davon sind die bbc-Verantworlichen absolut überzeugt. Deutsche Rundfunkanstalten dagegen können mit dem Thema bisher wenig anfangen, wie unter anderem eine Umfrage des Fachmagazins ZDNet belegt.

So sieht das auch Professor Dr. Ludger Humbert, im Raum Hamm/Unna zuständiger Ausbildungsleiter für angehende Informatik-Lehrkräfte an weiterführenden Schulen. An seinem Seminar an der Universität Wuppertal reifte der Plan, Unterrichtskonzepte für die Arbeit mit den Kleinstcomputern Calliope mini zu entwickeln und Informatik-Lehrer/innen für diese Zukunftsaufgabe fit zu machen. „Seinen“ Referendaren stellte Humbert erste Prototypen des Minicomputers zur Verfügung – und warb für die Idee, mit einer etwas größeren Anzahl von Geräten direkt in die Unterrichtspraxis zu starten. Martin Matzat, Informatik-Referendar am Unnaer Geschwister-Scholl-Gymnasium, ergriff die Gelegenheit beim Schopf – und so verfügt das GSG jetzt als vorerst einzige weiterführende Schule in NRW über die technische Ausstattung für die Eroberung der Zukunft in dem immer bedeutender werdenden Fach Informatik.

Die Einplatinen-Computer Calliope mini laden zum Programmieren auf – im wahrsten Sinn – überschaubarem Niveau ein. Schaltprozesse werden anschaulich, Schrittzähler oder Zufallsgeneratoren sind konstruierbar – und kleine Spiele spielen sich viel spannender, wenn die Nutzer sehen, warum es wo blinkt. „Es handelt sich um ein vollständiges System, mit dem ich alles machen kann“, erklärt Prof. Dr. Humbert. Im Gegensatz etwa zu einem Smartphone aber greifen die Nutzer nicht einfach auf eine alles könnende App zu, sondern gestalten ihre digitale Welt selbst.

„Eine wirklich hervorragende Ergänzung des Unterrichts“, schwärmt auch Andreas Schwarz, Informatik-Lehrer am GSG. Er war sofort begeistert, als Referendar Martin Matzat die zehn handlichen Kleinstcomputer von seiner Fortbildungsveranstaltung mitbrachte. Damit ist das Geschwister-Scholl-Gymnasium nun sehr wahrscheinlich als einzige Schule in Nordrhein-Westfalen in der Lage, die Kleinstcomputer in größeren Lerngruppen einzusetzen.

Dass das Experiment erfolgreich sein wird, davon sind Schwarz und Matzat eigentlich jetzt schon überzeugt. So preiswert wie jetzt für das GSG werden sie zwar sicher nicht bleiben – es bleibt also ein handfestes Finanzierungsproblem auch für willige Schulen. Aber in der Landesregierung gibt es zumindest Anzeichen für ein Umdenken. Dafür, dass es sinnvoll sein könnte, etwas Ernsthaftes zur digitalen Alphabetisierung der Schülerinnen und Schüler in NRW zu unternehmen. Zum Beispiel durch den flächendeckenden Einsatz solcher Kleinstcomputer. Und vielleicht auch durch eine erfolgreiche Initiative „von unten“, auf die Prof. Humbert aktuell setzt. Wenn an vielen Schulen ein Umdenkprozess einsetzt, dass manche Ausgabe für teure Geräte wie etwa Smartboards eigentlich einen geringeren Stellenwert hat als die Investition in Kleingeräte, mit denen solides Basiswissen vermitteln werden kann. Und wenn Schulen, deren Fördervereine, Schulträger und Sponsoren erste Bausteine initiieren, dann ist vielleicht auch ein flächendeckender Einsatz möglich.

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