Alte Liebe – alte Zeit – einige Nachgedanken zum Thema „Hotel Kraka“

von Heinrich Peuckmann

, geb. 1949 in Kamen. Besuch des Aufbaugymnasiums in Unna, Abitur 1968. Viele Jahre lang Lehrer am Gymnasium in Bergkamen. Daneben rege Schreibtätigkeit. Inzwischen fast 50 Einzelpublikationen: Romane, Erzähl- und Gedichtbände, Kinder- und Jugendbücher. Zuletzt erschienen der Ruhrgebietsroman „Saitenwechsel“ und der Krimi „Angonoka“, der sich mit den üblen Machenschaften der Tiermafia auseinandersetzt. Peuckmann hat auch einen Roman geschrieben, der in Unna spielt, weil er sich dieser Stadt sein Schulzeiten verbunden fühlt. „Heimkehr“ heißt der Roman, der einen Soziologieprofessor für einen Vortrag nach vielen Jahren zurück in seine Heimatstadt Unna führt, wo er ermordet wird. Gelegentlich fliegt Peuckmann nach China und hält an Universitäten in Shanghai und Xi´an Vorträge über deutsche Literatur vor chinesischen Germanistikstudenten. Inzwischen kennt er sich dort so gut aus, dass er über China geschrieben hat, unter anderem den Liebesroman „Rückkehr nach Shanghai“.
Peuckmann ist Mitglied im Schriftstellerverband, in der Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ und im PEN-Zentrum Deutschland, in dem er vor einem Jahr ins Präsidium gewählt wurde.



Unna. Das Hotel Kraka in Unna wird geschlossen. Für mich und meine Schulklasse vom Aufbaugymnasium (Abi-Jahrgang 68) wäre das, wenn wir noch zusammen wären, eine schlechte Nachricht, denn eine Zeitlang war dort unsere Stammkneipe. Unser Unterricht endete nach der 6. Stunde, genau um zehn nach eins. Um Viertel nach eins waren wir in unserer Kneipe, hieß sie „Alte Liebe“ oder „Alte Zeit“, ich weiß es nicht mehr. Dieter Kremer, dessen Vater einen Friseursalon in Königsborn hatte, nahm mich auf seinem Motorroller mit. Da haben wir an Tischen oder an der Theke gesessen und hitzig über Gott und die Welt geredet.

Besonders wichtig dabei waren uns Kunst und Kultur. Dieter Pfaff war dabei, Gerd Puls, der Schriftsteller, gehörte eine Zeitlang zu unserer Klasse. In einer Ecke stand die Musikbox mit den neuesten Platten, vor allem von den Rolling Stones, die uns lieber waren als die Beatles. Aber es gab auch eine ganz besondere Scheibe in der Box, „Preußens Gloria“, die ich gerne für 20 Pfennig drückte. Taste 21 a, das weiß ich noch genau. Und während Tschingderassabum ertönte, amüsierten wir uns köstlich. Wir waren alle Pazifisten, kaum einer von uns ist später zur Bundeswehr gegangen.

Es war kein Zufall, dass Kunst für uns so wichtig war. Unser Deutschlehrer Rudolf Schlabach war selber Autor, wir hörten abends im Radio seine Hörspiele und diskutierten in der nächsten Deutschstunde mit ihm darüber. Und in der „Alten Liebe“ (oder „Zeit“) ging das Gespräch weiter. Ja, man konnte Künstler werden, auch wir könnten das schaffen, unser Lehrer hatte es ja auch geschafft. Und mit Kunst, das war unser fester Glaube, konnte man die Welt verbessern und die Menschen bereichern.

Dieter Pfaff wollte schon damals Schauspieler werden, ich hatte heimlich angefangen, meine ersten Texte zu schreiben. Es waren keine gewöhnlichen Jugendträume, die wir damals hatten. Wenn ich an Dieters spätere Karriere denke und auch – in aller Bescheidenheit – an meine literarischen Erfolge, dann haben wir davon eine ganze Menge umgesetzt. Im (noch) heutigen Hotel Kraka nahm alles seinen Anfang.

Es gab auch eine Kegelbahn in der Kneipe und da haben wir so manche Kugel geschoben. Natürlich haben wir uns auch bei den Hausaufgaben geholfen, das ist klar. Einmal hatten wir alle kaum noch Geld. Für unsere Kneipe reichte es nicht, ein Bier kostete 55 Pfennig, also gingen wir in den kleinen Park neben dem Museum, ganz in der Nähe des Rathauses, und kratzten unsere letzten Pfennige zusammen. Etwas über zwei Mark brachten wir zusammen und irgendwer schaffte es tatsächlich, davon eine Flasche Wein zu besorgen. Schaumwein. Dieter hatte seine Gitarre dabei, er sang gern, auch später noch in mancher Talkshow. Wunderbar sein „Ring of fire“. Damals sangen wir ein Lied, das Dieter gedichtet hatte. „Sometimes I wonna go, I wonna say, that I am free.“
Ich habe es nicht vergessen, es passte so gut zu unserem Denken. Ob Dieter selbst es am Ende seines Lebens noch gekannt hat? Schade, dass ich ihn nie danach gefragt habe. Wir tranken Schaumwein und wir sangen.

Es herrschte Aufbruchsstimmung, die uns weit getragen. Wenn ich mir das heutige kulturpolitische Niveau im Kreis anguckte, die Katastrophen und – noch schlimmer – das weitgehende kulturpolitische Desinteresse – denke ich mit Melancholie, nein mit Trauer an unsere Träume. Dann denke ich, dass es vielleicht konsequent ist, dass der Ort, an dem wir unsere Hoffnungen formuliert haben, nun endgültig verschwindet. Und fühle gleichzeitig, dass wir innerlich reicher waren als jene, die Kultur ignorieren.

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