Produktionsschule der „Werkstatt“ macht modellhaft in Japan Schule

 Professor Ryukicki Ogushi (v.l.) von der Universität Tokio besuchte die Produktionsschule der Werkstatt im Kreis Unna und möchte das Konzept in die japanische Bildungslandschaft einbauen. - Foto: Werkstatt im Kreis Unna

Professor Ryukicki Ogushi (v.l.) von der Universität Tokio besuchte die Produktionsschule der Werkstatt im Kreis Unna und möchte das Konzept in die japanische Bildungslandschaft einbauen. – Foto: Werkstatt im Kreis Unna

Kreis Unna. Ungewöhnlicher Besuch bei der Produktionsschule der „Werkstatt“: Professor Ryukichi Ogushi war eigens aus Japan angereist, um das Modellvorhaben in Unna persönlich in Augenschein zu nehmen. Der renommierte Sozialwissenschaftler von der Universität in Tokyo findet das Konzept nicht nur ausgezeichnet, sondern möchte es auch in die japanische Bildungslandschaft einbauen. Der stellvertretende Landrat Martin Wiggermann und Jobcentergeschäftsführer Uwe Ringelsiep begrüßten jetzt den Gast und diskutierten mit ihm in der Produktionsküche der Werkstatt.

Professor Ryukichi Ogushi bereist seit mehreren Monaten die Produktionsschulen in der Bundesrepublik und auch in Dänemark. Bei der Werkstatt im Kreis Unna fand er schließlich den entscheidenden Anknüpfungspunkt, die deutschen Erfahrungen auf japanische Verhältnisse zu übertragen: Im Rahmen eines gemeinsamen Modellprojektes mit dem NRW-Arbeitsministerium und dem Jobcenter hatte die Werkstatt eine wissenschaftliche Auswertung erarbeiten lassen. Diese enthält unter anderem zahlreiche Zitate von Jugendlichen über ihre überaus positiven Erfahrungen in dem beispielhaften Bildungsprojekt. „Genau diese praktischen Bespiele sind für den japanischen Leser interessant und wichtig“, erklärt Ryukichi Ogushi, der aus diesem Grund das Buch aktuell ins Japanische übersetzen lässt. Ist die Übersetzung fertiggestellt, soll sie in Japan als Grundlage für die pädagogisch-fachliche Diskussion des Produktionsschulansatzes dienen.

Daraus sollen sich dann eigene japanische Produktionsschulen entwickeln. Einen ersten Pilot-Versuch hat der japanische Professor bereits in Tokyo auf den Weg gebracht.
„Wir sind allerdings noch ganz am Anfang“, betonte Ryukichi Ogushi; „aber ich hoffe sehr, dass wir unsere Arbeit ausbauen können. Ich freue mich über die fachkundige Unterstützung der Werkstatt und nehme wieder viele Anregungen mit nach Hause“. Dabei unterstrich der japanische Wissenschaftler im Gespräch mit Martin Wiggermann, der auch Vorsitzender der Jobcenter Trägerversammlung ist, Uwe Ringelsiep und Werkstatt-Geschäftsführer Herbert Dörmann die Dringlichkeit. „Wir haben ebenso Schulverweigerer, Kinderarmut und steigende Jugendarbeitslosigkeit. Etwa zehn Prozent der jungen Menschen sind bei uns arbeitslos. Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer.“ Für diese Menschen werde unbedingt ein geeignetes Angebot benötigt.

Uwe Ringelsiep zeigte sich überzeugt, dass mit der Produktionsschule ein gutes Instrument gegeben ist, besonders benachteiligten Jugendlichen wieder neue Chancen zu eröffnen. Auch Martin Wiggermann ermutigte den japanischen Gast, seinen Weg engagiert weiter zu beschreiten: „Sie erleben in Japan offensichtlich eine Situation, wie wir sie hier schon seit vielen Jahren vorfinden. Da muss man den Übergang von der Schule in den Beruf mit besonderen Konzepten, wie dem Produktionsschulansatz, flankieren, sonst gehen viele junge Menschen verloren.“

Werkstatt-Geschäftsführer Dörmann verwies darauf, dass auch in NRW die Produktionsschulen noch ein sehr junges Angebot darstellen. Die Werkstatt baute ihr erstes Modellvorhaben vor zehn Jahren auf. Mittlerweile gibt es Produktionsschulen in allen Regionen des Landes mit fast 3.000 Plätzen. Sie werden zu zwei Dritteln vom Arbeitsministerium NRW und dem Europäischen Sozialfond finanziert. Ein Drittel steuern die Bundesagentur für Arbeit oder das jeweilige Jobcenter bei.

Stichwort Produktionsschule:

Produktionsschulen richten sich an junge Menschen, die keine Ausbildungsstelle oder Arbeit finden. Häufig fehlen Schulabschlüsse, und negative Schulerfahrungen blockieren den Start in Aus- und Weiterbildung. Produktionsschulen sind organsiert wie kleine Unternehmen. Sie arbeiten an realen Aufträgen, z.B. für gemeinnützige Einrichtungen. Jeder Auftrag enthält Anforderungen an Fachwissen, z. B. in Mathematik oder Fachsprache, der Auftrag schafft somit den Lernanlass und Lernen erfolgt im Prozess der Arbeit. Die Jugendlichen akquirieren die Aufträge selbst und sind auch in die Kundenabnahme einbezogen. So entstand beispielsweise ein neuer Bolzplatz für Flüchtlingskinder im Integrationszentrum in Massen. Die Werkstatt verfügt in der Region Dortmund-Kreis Unna-Hamm gegenwärtig über 185 Plätze in diesen Bildungseinrichtungen.

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