Siemens-Gesamtschüler setzten zum Auschwitz-Gedenken einen besonderen Maßstab

Bei dieser Szene stockte manchem im Publikum der Atem. Die Siemens-Schüler ließen keine Sekunde ihre Zuhörer los. - Fotos: Rudi Bernhardt

Bei dieser Szene stockte manchem im Publikum der Atem. Die Siemens-Schüler ließen keine Sekunde ihre Zuhörer los. – Fotos: Rudi Bernhardt

Unna. Hans Ruthmann, Leiter der Werner-von-Siemens-Gesamtschule, war erkennbar nervös. Der erfahrene Pädagoge sollte erst nach einer eindrucksvollen Stunde im Ratssaal des Unnaer Rathauses wieder absolut beruhigt sein. Die Schülerinnen und Schüler aus seiner Schule, die gemeinsam mit ihren Lehrerinnen und Lehrern die diesjährige Gedenkstunde zum Jahrestag der Befreiung des KZs Auschwitz-Birkenau vorbereitet hatten, sie hatten eine eindrucksvolle, eindringliche und thematisch einnehmende Arbeit gemacht. Hans Ruthmann hatte keinen Grund für sein eigenes Lampenfieber, so gut hatten diese jungen Frauen und Männer das Thema diskutiert, verarbeitet und durchgearbeitet.

Szenische Beiträge, abgestimmt mit den schweren Melodien, die sie begleiteten, eine ruhige und dem Thema angemessene Choreografie, gesangliche Darbietungen von fast professioneller Qualität, lichtgestaltende Eingriffe in die eher unterkühlte Atmosphäre des Ratssaales, alles passte und wirkte zum Teil derartig fesselnd, dass nicht nur Teile des Publikums vergaßen, wo sie waren. Mehrfach ließen die jungen Akteure eine Emotionalität in den Raum schwappen, die Gänsehäute in Serie ins wohlbeheizte Umfeld provozierten.

Die schreiende Befehlsgewalt aus dem Chor trat in eine beeindruckende Korrespondenz mit der verzagten Schilderung der jeweiligen Solistinnen und Solisten, wenn sie versuchten, das Unsagbare in Worte zu kleiden. Und im Augenblick, da alle den rechten Arm reckten und hitlergrüßend ein Signal ins Publikum peitschten, blieb manchem dort wirklich die Spucke weg.

Ich nahm alle Körperbeherrschung zusammen, das gelang hörbar schluchzend einigen Darstellern dieser Gedenkstunde nicht, das gelang auch meinem Freund Wilhelm Dördelmann nur annähernd, denn er musste das Taschentuch nutzen und kräftig schneuzen. Es war ein großartiger Nachmittag, ein berührender Beweis, dass das Konzept, der Jugend es zu überlassen, dass sie eine Erinnerung wach hält, die für sie so weit weg erscheint, dass dieses Konzept das Richtige bleibt. Denn diese jungen Menschen, sie kommen bei der Bearbeitung dessen, was an Grauen geschah, dem Wahnsinn einer Historie so nahe, dass sie die Gefahren der Aktualität viel genauer einschätzen können als manch kluge Rede aus erwachsenem Mund.

Alle erhoben sich von ihren Plätzen, um den Eindruck, den diese Aufführung hinterließ, angemessen zu würdigen.

Alle erhoben sich von ihren Plätzen, um den Eindruck, den diese Aufführung hinterließ, angemessen zu würdigen.

Eindringlich bedankte sich Bürgermeister Werner Kolter bei den jungen Akteuren für die Ausgestaltung dieser Gedenkstunde. “Eigentlich sind solche Ereignisse viel zu schade, dass sie nur diesem handverlesenen Kreis zugänglich bleiben”, sagte er später. Sie hätten viel mehr, viel mehr Publikum verdient. Und Vize-Landrat Martin Wiggermann ging tief durchatmend in die Bürgerhalle: “Es ist immer etwas ganz Besonderes, diesen Tag in Unna verbringen zu dürfen!”

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