Almost Daily Soap: Diesmal ungereimt, aber ein pirateskes Wintermärchen

Unna. Deutschland. Ein Wintermärchen. So betitelte der große Heinrich Heine seine Dichtung, die 1843 nach einem Besuch bei seiner Mutter und dem Verleger Julius Campe auf der Rückreise ihren Anfang nahm. Drei Monate später war das Werk des gerade daheim verbotenen Schreibers fertig. Und es war so bissig, dass Julius Campe seinen Schützling warnte: “Sie werden für solche Gedichte viel zu leiden haben.” Das fertige Werk erschien dennoch 1844 bei Hoffmann und Campe, blieb bis heute eine vor Unpatriotismus triefende Liebeserklärung.

Dicht hinter Hagen ward es Nacht,
Und ich fühlte in den Gedärmen
Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst
Zu Unna, im Wirtshaus, erwärmen.
Ein hübsches Mädchen fand ich dort,
Die schenkte mir freundlich den Punsch ein;
Wie gelbe Seide das Lockenhaar,
Die Augen sanft wie Mondschein.
Den lispelnd westfälischen Akzent
Vernahm ich mit Wollust wieder.
Viel süße Erinnerung dampfte der Punsch,
Ich dachte der lieben Brüder,
Der lieben Westfalen, womit ich so oft
In Göttingen getrunken,
Bis wir gerührt einander ans Herz
Und unter die Tische gesunken!
Ich habe sie immer so liebgehabt,
Die lieben, guten Westfalen,
Ein Volk, so fest, so sicher, so treu,
Ganz ohne Gleißen und Prahlen.

So heißt es im Caput X des Wintermärchens – Caput ist das Kapital, wovon es 27 an der Zahl gibt. Und namentlich Unna und die Westfalen dürfen sich rühmen, vollends und ungeteilt positiv in Heinrich Heines zahlreichen Versen weggekommen zu sein. Anderenorts fand der kluge Lebemann stets diverse Haare in der kommunalen Suppe, die ihm anscheinend schnell den Appetit auf längeres Verweilen am Ort verdarben.

171 Jahre später betitelt Pirat Christoph Tetzner seine Rückwärtsschau auf gut einjähriges Mithandeln im kommunalen Entscheidungsgeschehen mit “Kommunalpolitik in Unna – ein Wintermärchen?” Diesmal bleibt er in der Prosa, erspart Lesenden den Versuch, seine Verse zu entknütteln. Dafür allerdings rumpelt das pirateske Stielzchen in einer Art Totalabrechnung durch die lokalpolitischen Gezeiten. Motto: Ein schwer überprüfbares “Früher war alles besser!”

Früher hätten Politiker das Gemeinwohl im Auge behalten. Heute anscheinend nur einer, wahrscheinlich er selbst? Früher seien zukunftsweisende Entscheidungen getroffen worden. Da habe ein “Magistrat” (den gab’s schon nicht mehr, das war der Rat) Kurpark und Bäderbetrieb beschlossen (Luisenbad, 1818), oder Krankenhäuser (Katharinenhospital gegründet 1888 vom Pfarrer der Katharinengemeinde in Unna, Franz-Josef Brisken) oder Kreissparkasse (die hieß Kreis- und Stadtsparkasse und wurde von Kreis und Stadt getragen). Früher habe dieser Magistrat, der schon lange Rat hieß, einvernehmlich im Bürgersinne gelöst. Ach ja? Auch den Abriss der Kurhauses, auch die Nordwanderung des Bergbaus, auch die Stilllegung der Tram, die von Dortmunds Stadtwerken betrieben wurde?

Früher, als es schon keinen Magistrat mehr gab, wurde also alles besser gemacht. Und heute? “Nach einer Zeit der Bürgerbeteiligung … sowie der Transparenz aller politischen Entscheidungen zeigt die Verwaltung der Kreisstadt das fiese Gesicht der Macht. Entscheidungen erfolgen selbstverständlich ohne Bürgerbeteiligung – zu viele gute Ideen werden nicht politisch entschieden, eher wird die Entscheidung durch die Verwaltung vorgegeben”, quengelt der jahrzehntelange Kenner der Unnaer Verhältnisse. Apropos Kenner: Da er als ehrenamtlicher Teil der kommunalen Verwaltung gewählter Zweig dieser ist, würde er selbst ja das beklagte “fiese Gesicht” zeigen – tut er doch nicht, oder?

Früher, da wussten oder ahnten gewählte Ratsmitglieder gern mal, wie sie und ihre Rolle in der Kommunalverfassung des Landes NRW beschrieben wurden.

Wie heißt es noch im Caput I des ellenweiten Poems?

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

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