Weihnachten in einer Bummelzone des Reviers: Wacht auf, Verdammte dieser Erde!

Im Revier.

Szenenbeschreibung:

Da steht mitten im Kauftrubel dieser Tage ein Drehorgelmann, leiert unverdrossen seine Kurbel. Hat das Haupt bedeckt mit einem schwarzen Zylinder, wärmt sich im Frühfrühling im CocaCola-roten Mantel. Ich warte an der Drogerie-Marktkasse und lausche eher halbschlafend seinen Melodien. Bis dann eine weltbekannte mich weckt: 1888 vom Belgier Pierre Degeyter komponiert, die Lyrics aus der Feder des Franzosen Eugène Pottier, weitest verbreitetes Kampflied der Arbeiterbewegung:

Emil Luckhardt gab ihm 1910 den deutschen Text, obwohl mir eigentlich die weniger pathetische Version, die Erich Mühsam neun Jahre später erdachte, viel besser gefällt. Aber Mühsam dichtete eben stark, Stark dagegen Müsahm, aber der Erich war halt Anarchist und wurde gern vergessen. Sein Vordenker Michail Bakunin ebenfalls und schon kurz nach deren Gründung aus der Internationale ausgeschlossen.

Dennoch murmelte ich beim Kassenwarten mit – Emil Luckhardts Verse aus Gewohnheit.

Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hungern zwingt!
Das Recht wie Glut im Kraterherde
nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger
Alles zu werden, strömt zuhauf!

Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.

Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!
Leeres Wort: des Armen Rechte,
Leeres Wort: des Reichen Pflicht!
Unmündig nennt man uns und Knechte,
duldet die Schmach nun länger nicht!

Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.

In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute,
wir sind die stärkste der Partei’n
Die Müßiggänger schiebt beiseite!
Diese Welt muss unser sein;
Unser Blut sei nicht mehr der Raben,
Nicht der mächt’gen Geier Fraß!
Erst wenn wir sie vertrieben haben
dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlass!

Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.

Passt irgendwie nicht zum vorweihnachlichen Kauftrieb, aber schon in den Zielbeschreibungen zur urchristlichen Botschaft.

Szenenbeschreibung:

Die kommt von einem Posting des aus allerlei Gründen gern gemochten Kollegen

Lothar Baltrusch

. Er schrieb:

Lothar Baltrusch und sein Patenkind Huyen in Vietnam, zu dem er einst eine lange Motorrad-Reise unternahm, um sie zu treffen. - Foto: Privat

Lothar Baltrusch und sein Patenkind Huyen in Vietnam, zu dem er einst eine lange Motorrad-Reise unternahm, um sie zu treffen. – Foto: Privat

“Szenenbeschreibung. War gerade im Netto in Bergkamen. Vor mir an der Kasse drei junge Männer aus dem Flüchtlingsheim Bergkamen. Ihren Einkauf packten sie in Tüten. Der Kassierer sagte: “19 Euro 10.” Einer der Männer gab einen Lebensmittelschein ab. Wert 20 €. Der Kassierer sagte: “Oh, sorry – der gilt nur bei Penny!” Lange Gesichter bei den Männern. Die Chefin kam mit dem Kassenschlüssel und wollte die Ware ausbuchen. Ich habe ihnen die Lebensmittel bezahlt. Deren Augen und Dankbarkeit: Unbezahlbar.”

Passt auch irgendwie nicht so recht in das hastige Tagesrauschen des vorweihnachtlichen Auftriebs, aber ganz vorzüglich in eine weihnachtliche Vorbildfunktion.

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