Von wirklichen Sorgen, besorgten Bürgern und der Hoffnung auf Vernunft

Da es aktuell en Vogue ist, besorgt zu sein, ein sorgloser Bürger anscheinend kein wirklicher ist, da Sorgenfalten und bemüht besorgte Miene zur Grundausstattung des Deutschen an sich zu gehören scheinen, habe ich beschlossen, nicht nur endlich mir Sorgen zu machen, sondern meine Sorgen und Urängste auch zu teilen. Und angelegen dieses Entschlusses sorge ich mich nun um den Umstand, ob meine Sorgen ausreichend sind, das liebe Mutterland vor Unbill zu bewahren, dem Abendland seine Werte zu erhalten, Europas Wehrhaftigkeit zu festigen (vor allem, was stringentes Vorgehen gegen blödsinnige Freihandelsabkommen angeht), kurz: Ich sorge mich arg, ob ich zum besorgten Bürger tauge.

Meine Sorge richtet sich tief und gründig in Richtung des Populärplapperns diverser Granden in der Christdemokratie, die zwar Schwulen und Lesben christlich-hartnäckig und familienschonend gewisse Bürgerrechte verweigern, von Flüchtlingen aber einfordern wollen, dass sie mit dem Grenzübertritt in den so goldigen Westen sozusagen ein Anerkennungsbekenntnis für deren Existenzberechtigung ablegen. Als ob die keine anderen Sorgen hätten.

Sorgen machen mir auch brechende Dämme. Nein, nicht die flutdämmenden Grenzen, die es im Süden zu schützen gilt – am besten mit ein paar Metern NATO-Stacheldraht – nee, eher mal in Brasilien, wo ganze Landstriche und zahllose Wasserläufe bis in die Meeresmündung verwüstet wurden, weil das Kapital den Gierhals nicht voll kriegt.

Sorgen sind durchaus berechtigt, wenn man daran denkt, dass einst Polen gar nicht schnell genug in die EU wanzen konnte und dessen Regierende von heute die europäischen Flaggen ausschließlich durch die eigenen Farben ersetzen und damit dokumentieren, dass sie nun nur noch national zu denken vermögen. Und besorgt muss man feststellen: Da ist Polen nicht allein.

Sorgen könnten auch angebracht sein, schaut man auf VW und sein Software-Desaster. Nein, nicht weil es das urtoitsche Produkt aus Wolfsburg ist, sondern weil es ganz sicher zum weltweiten Allgemeingut zählt, aufsehende Staaten und deren Vorschriften zum umgehen und die Kundschaft zu besch….

Sorgen, die könnte man sich getrost darüber machen, dass aus toitschen Landen muskelspielend Kriegsbeteiligungen politisch herbei argumentiert werden, mit greisem Fluggerät zwar, aber angeblich voller feiner Aufklärungsmaterialien. Oder dass das Boulevard berichtet, in Griechenland käme man für ein Sandwich flink an ein erotisches Abenteuer. Dass Menschenwürde gern auf das “würde” (…vielleicht zutreffen, wenn…) (…ich ja akzeptieren wenn…) (…ich ja gelten lassen, aber…) reduziert wird.

Aber in diesen und vielen anderen Hinsichten machen sich besorgte Bürger keinerlei Sorgen. Aber um ihre selbstdefinierten Werte. Um die einzig geltende Hochkultur des sogenannten Abendlandes. Um die Kultur des Tannenbaumes mit Lamettaschmuck. Und die Krippe usw.. Ach ja, ist wirklich nicht mehr neu: Aber entkleiden wir genau diese Krippe von allen Orientalen und Flüchtlingen, wer bleibt übrig? Nur Ochsen und Esel!

Meine größte Sorge aktuell: Der BVB hat zum wiederholten Male ein Pflichtspiel nicht gewonnen. Muss ich mir nun ernsthaft Sorgen machen, oder kann ich mich darauf verlassen, dass der Thomas die Zerrungen in meiner Borussen-Seele schon tapen wird.

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