Günter Schabowski ist tot – Erinnerungen an ein gemeinsames Abendessen im Katharinenhof

Unna/Berlin. Günter Schabowski ist tot. Der Mann, dessen knappe Sätze die Existenz der DDR beendeten und die Mauer durchlöcherten, starb im Alter von 86 Jahren in einem Berliner Pflegeheim.

Ich spüre noch heute meine Aufregung, als mein Freund Thomas Horschler mir damals antrug, mit Irina und Günter Schabowski im Hotel Katharinenhof zu Abend zu essen. Er hatte für unseren gemeinsamen Herzensfreude Andreas Sieger die Verbindung zwischen der legendären Hauptperson der Pressekonferenz am 9. November 1989 hergestellt. Und Günter Schabowski hatte zugesagt, auf dem “Roten Sofa” des SPD-Ortsverein Oberstadt Platz zu nehmen. Verständlicherweise wollte und sollte Thomas die Moderation dieses Abends übernehmen. Da machte ich gern mal meinen Stammplatz frei, weil solche, nahezu kolossale Zeitzeugen kann man nur selten verpflichten.

Aber ich hatte eine ganz sicher besondere Entschädigung für diesen Moderationsverzicht: einen im wahren Wortsinne unvergesslichen Abend mit Günter Schabowski und seiner Frau Irina. Und nebenher noch ein wirklich gutes Abendessen.

Ich lernte den Kollegen Schabowski (ich bin mal so frei, denn er war ja auch gelernter Journalist) im Laufe dieses Abends zunächst als vorsichtig sondierenden Menschen kennen – so nach dem Motto: Wer mag das sein, ich warte erst mal ab. Im Verlauf unserer Unterhaltung wurde das Gespräch vertrauter, gab er seine Zurückhaltung auf. Die anfänglich sehr spürbare Skepsis wich einer behutsamen Annäherung und ging langsam in eine fast respektvolle gegenseitige Anerkennung über.

Unsere Unterhaltung, in die sich seine Ehefrau ebenso kreativ wie fördernd einmengte, drehte sich um die dahin geschiedene DDR. Drehte sich natürlich um deren Mängel, die Günter Schabowski bereit war, schärfer seiner Kritik zu unterziehen, als ich das an diesem Abend tat. Wohl meinerseits aus übertriebener Zurückhaltung, weil ich mich in einer Gastgeberrolle fühlte. Und sie drehte sich auch um Günter Schabowskis Rolle im Wetterleuchten des Endes der agonischen DDR. Und mit seinem Satz in der Pressekonferenz am 9. November 1989: “Das trifft nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

Es war weder an diesem Abend im Katharinenhof noch heute nachvollziehbar, ob Günter Schabowski sich nur mit der eigenen Weitsicht umkränzen wollte, oder er diese damals real hatte: Aber er lächelte freundlich und sagte sehr bestimmt und überzeugend, dass er sich wohl überlegt hätte, was er seinerzeit tat und sagte. Und auch über die Konsequenzen, die sich für den Staat ergaben, dem er selbst viele Jahre diente, seien ihm bewusst gewesen.

Wie gesagt, nicht mehr zu überprüfen, aber dennoch folgenreich und historisch bedeutsam. Was er aber zu seiner Heimat, zu der teils verheerend und menschenunwürdigen Politik zu sagen hatte, welchen intellektuell begründeten Abstand und welche fundierte und intelligent vorgetragene Selbstkritik er formulierte, das war beeindruckend. Ich war und bin es heute noch, froh, einer solchen Person meiner persönlichen Zeitgeschichte begegnet zu sein.

Beitragsbild: Die FAZ meldete online vom Tod Günter Schabowkis. Das dpa-Bild von 9. November 1989 zeigt ihn zu Beginn der berühmten PK. Kurz nach seinem Entstehen sagte er den historischen Satz, der die Mauer öffnete.

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