Jede Nachricht über Flüchtlinge gebiert braungallig müffelnde Kommentare

Merkwürdige Zeiten und Stimmungen, in denen wir leben, in diesem mutmaßlich reichsten Deutschland aller Zeiten. Jeder Windhauch von Nachricht, der mal durch den Blätterwald hier und Nachrichtenportale dort geweht wird und das Thema “Flüchtlinge” berührt wird mit Kommentaren – überwiegend netzverbreitet – bekübelt, die nach braunfarbener Galle müffeln. Politikaster unterschiedlicher Herkünfte versuchen sich in Endzeit-Visionen gegenseitig zu überbieten oder damit, dass sie das vor angeblicher Fremdbeflutung bedrohte Heimatland des Grundgesetzes dadurch schützen wollen, indem sie fordern, dass wesentliche Teile dieser Verfassung außer Kraft gesetzt werden mögen. Oder andere reizen wie beim Skat ebenso angeblich drohende Einwanderungszahlen in die Höhe, 500.000, nee 800.000, nee auch nicht, 1,5 Millionen werden’s … und keiner denkt ja an den damit gleichschwellenden Zuzug wg. Familienzusammenführung. Wenn nicht jetzt, wann wäre dann das Abendland bedroht gewesen?

Und dann sammelt sich offenbar allerorten frisches Blut in den Schwellkörpern der deutschtümelnden Alternativ-Bewegungen: Die AfD tendiere gegen 7 Prozent, heißt es. Das macht die Sammlung kruder Ideenträger rund um die Petry-Schale mit dem eingefrorenen Dauerlächeln zwar auch nicht schlauer, aber wann wäre je dafür ernsthaft eine Chance gewesen. Dass die klüger werden könnten.

Sie heißen Bouffier, Caffier oder de Maizière, und was ist ihnen gemein – außer der Tatsache, dass sie offenbar – zwar einige Jahrhunderte alten – Migrationshintergrund haben? Sie neigen aus populistischem Kalkül dazu, möglichst schräges Zeugs zu erzählen, von Booten, die so voll sind, dass kleine Wellen bereits ihre fein beschuhten Füße netzen, oder erschöpften Aufnahmekapazitäten und so. Einschub: Die einzigen, die ein Recht zum Jammern haben, sind derzeit aufnehmende Kommunen, denen mehr finanzielle und infrastrukturelle Hilfe zukommen müsste.

In das eigentümliche Konzert schalten sich dann und wann noch voralpine Nachfahren keltischer Zuwanderer ein. Die einen umarmen einen ungarischen Häuptling als Wahrer der deutschen Grenzen, andere verdienen sich die liebevolle taz-Bezeichnung “fränkische Stusswaffel” aber auch so was von redlich, dass einem täglich das Söderbrennen kommt. Ach ja, auch der Name Söder kann durchaus migrationshintergründig sein, wenn die schwedische Variante der Ahnenforschung herangezogen würde. Dann hieße Söder nichts anderes als Süden, also aus dem Süden kommend.

Und allen ist noch etwas gemein. Sie samt und sonders nicht dazu, mit Fantasie und Handlungsbereitschaft an aufkommende Probleme heran zu gehen. Viel selbstgefälliger ist es doch, dem Problem die Frechheit zu attestieren, dass es überhaupt aufgetaucht ist. Nicht der zur Problemlösung Unfähige, sondern das Problem ist das Problem. Dann ist ja der Schuldige am Ganzen gefunden. Flüchtlinge, von mir aus auch “Wirtschaftsflüchtlinge”, die verursachen das Problem. Nicht die Bürgerkriege, die mit Waffen morden, die aus vielen Exportrekord verdächtigen westlichen Länder eingeführt wurden, und auch nicht weltweit operierende Konzerne, die Herkunftsländer auf allerlei Weise so plündern, dass für die heimische Bevölkerung nicht mehr allzu viel übrig bleibt.

Und damit all’ dem noch ein Krönchen gegeben wird, verkommt am Ende die Auswahl der Begriffe. O-Ton de Maizière: „Jetzt gibt es viele Flüchtlinge, die streiken, weil ihnen die Unterkunft nicht gefällt und weil ihnen das Essen nicht passt.” Wie viele sind es denn? Wo war solches zu beobachten? Egal, es sind halt viele. Mit der Pauschalierung in der Sprache sind ja alle Antworten auf Fragen, die offenbar keiner in solchen Fällen stellt, gegeben. Waren anscheinend keine Journalisten zugegen, als der migrationshintergründige Herr das äußerte. Aber schreiben kann man es ja.

Und wessen dumpfes Denken blüht auf aus solchen Sümpfen? Um die wörtliche Nachbarschaft zum braun eingefärbten Gedankenmist zu vermeiden, nennt man das heute ja den Populisten, wer etwas deutlicher werden will, wagt gar den Rechtspopulisten. Aus dem verbalen Unkrautbeet der bürgerlichen Unverdächtigkeit wird beflügelt, was dauerlächlnde Petry-Schalen inhaltlich aufwertet und den Eindruck vermittelt, dass alsbald aus dem Ruder läuft, das die Verantwortlichen doch eigentlich fest in Händen halten sollten. So ganz falsch liegt die Huffington Post nicht, wenn sie schreibt: “Und weil derzeit Chaos herrscht, wo bei rechtzeitiger Planung und vorausschauender Politik kein Chaos herrschen müsste, entsteht derzeit Angst, wo keine Angst entstehen müsste.”

Aber dafür, dass sich dieser Eindruck hält, haben wir ja das ständig neue Reizen mit den zu erwartenden Zahlen. Wer bietet mehr? BILD wird’s sicher (be)richten.

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