Mal ein paar Worte zum Tag der Einheit: Bittere Klagen eines denkwürdigen Häftlings im eigenen Knast

Martin Ehlert erzählt, der eloquente Führer durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen.

Martin Ehlert erzählt, der eloquente Führer durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen.

Berlin-Hohenschönhausen. Man merkt es Martin Ehlert an. Er kann das eigene Amüsement kaum verbergen, wenn er diese fast klassische Anekdote seinen Gästen erzählt. Dem Mann, der schon zahllose Besucherinnen und Besucher durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen führte und dabei allerlei Details zu dem berüchtigten Stasi-Knast weitergab, lässt’s seinen kräftigen Körper kurz vor Heiterkeit zittern, wenn er dem jeweiligen Publikum berichtet, mit welcher Empörung der letzte Häftling des Hochsicherheitsknastes sich über die unwürdigen, ja erbärmlichen Zustände seiner Unterbringung bei den deutschen Behörden beklagte.

Der geschundene Untersuchungshäftling hieß Erich Mielke, war Chef des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR und damit auch Herr über Hohenschönhausen, wo heute noch viele seiner Ehemaligen rund um die Gedenkstätte leben und ebenso argwöhnisch wie kopfschüttelnd die demokratisch orientierte Pilgerschaft zu ihrem früheren Arbeitsplatz betrachten. Sie sind überwiegend noch heute überzeugt, für Sozialismus und Fortschritt gehandelt zu haben, ahnungslos, was beides wirklich bedeutet.

High Tech Alarmanlage á la DDR-Knast: das weltweit billigste System. - Fotos: Rudi Bernhardt

High Tech Alarmanlage á la DDR-Knast: das weltweit billigste System. – Fotos: Rudi Bernhardt


Martin Ehlert kann seine Zuhörer fesseln, nimmt grübelnde Blicke seiner Truppe wahr und hat flott die Antwort auf eine Frage parat, die bisher nur in Gedanken gestellt wurde. Er greift zu einer Strippe, die wie zufällig an der Wand entlang der Zellenflure hängt, zupft einmal kräftig daran. Die Folge: Das Kabel reißt an einer Verbindungsstelle. “Und dann rappelte der Alarm los”, erklärt er. Die Stasi hätte sich voller Erfinderstolz gebrüstet, als sie in Kuba die Vorzüge des Systems pries, es sei das billigste seiner Art weltweit. “Sieht man auch”, knurrt Martin Ehlert mürrisch.
Aufgeräumt und übersichtlich, aber noch so angenehm wirkend, dass freigekaufte Häftlinge nichts zu Übles erzählen konnten.

Aufgeräumt und übersichtlich, aber noch so angenehm wirkend, dass freigekaufte Häftlinge nichts zu Übles erzählen konnten.


Er weist auf die durchdachte Mobiliaraufstellung in den Zellen von zweifacher Badetuchgröße hin, zeigt, wie der Wachmann alle drei Minuten durchs Guckloch blinzelte und prüfte, ob der Häftling auch wirklich auf dem Rücken lag, mit Blick auf die Zellentüre. Er erzählt von Rudolf Bahro, Gundolf Pannach und Jürgen Fuchs, die alle an Blutkrebs starben – verstrahlten sie durch Stasi-Röhren? Er schildert die schlimme Isolation im “U-Boot”, wo die Zellen nicht einmal ein Badehandtuch maßen, dafür aber abgedunkelt im Keller ohne Tageslicht, dafür mit ständiger Bodenbewässerung ausgestattet waren – worauf die Menschen auch zu schlafen hatten.

Und da kommt jedem wieder der empörte Erich Mielke in den Sinn und seine Klagen über die üblen Haftbedingungen. Im U-Boot war er sicher nur als Chef-Inspizient und als zwar boshaft-gerissener aber ansonsten eher geistig minderbegabter Minister.

Dann kommt die Schilderung auf die Verhörspezialisten zu sprechen. Aus der Potsdamer Schule, heute als mit juristischer Ausbildung etikettiert. Nein, sie hätten es nicht nötig gehabt, zu brüllen oder filmreif die Tischplatten mit Fäusten zu traktieren. Ihre Methoden seien schlimmer gewesen, perfider, sie konnten mit ruhiger Stimme Angst machen, erpressen, die Familie bedrohen. Aber auch die staatlich ausgebildeten Investigatoren waren nicht geschützt vor Überwachung. Sozusagen IM-fähige Häftlinge, ausgesucht und handverlesen waren beauftragt zu Protokoll zu geben, wie einzelne Verhöre abgelaufen waren. So wurden Fehler des Spezialisten detektiert und machten ihn wiederum erpressbar und gefügig. Ohnehin, Erich Mielke ließ alles und alle überwachen und hatte für nahezu jeden in der Nomenklatura eine Spezialakte, auch über Chef Honni.

Ich bedanke mich am Ende an diesem strahlenden Spätsommertag bei Martin Ehlert und rühme seine eindringliche Vortragsart, der es trotz des durchgängig trüben Themas und düsteren Ambientes keineswegs an verschmitztem Humor mangelte. Es geht mir ziemlich ernüchternd durch den Kopf, dass der Krieg gerade sechs Jahre vorüber war, als die Stasi den Komplex an der Hohenschönhausener Genslerstraße vom russischen NKWD übernahm und zum eigenen Knast machte. Dass dort dieselbe übelriechende Brühe braunen Ungeistes durch die Flure schwappte, nur ideologisch rot eingefärbt, aber Gläubigkeit heischend, weil die Partei ja stets Recht hatte. Dass ein halbes Dutzend Jahre offenbar ausreichten, um in den Köpfen der dort Beteiligten jede Erinnerung an das jüngst Erlebte auszulöschen. Dass das gesellschaftliche Kurzzeitgedächtnis offenbar der Stubenfliege ähnelt, wenn es um staatsdienliche Handlungen und ihre juristische Begründungen geht. Und dass alles sich wiederholen kann, nur eben anders.

Okay, von dieser Form der gesellschaftlichen Amnesie kann sich ganz Deutschland, das selbsternannte antifaschistische drüben wie das von dort denunzierte, dem Faschismus nach folgende hüben nicht völlig frei sprechen. Aber ich bin doch ganz froh, in dem Teil groß geworden zu sein, der alles in allem sehr bewusst der staatlichen Violenz abschwor und nicht aus der Mitte eines kleinbürgerlichen Mittelmaßes den Entschluss fasste, sein “Volk” einzumauern und die, die Handlungen dieser Art offen anklagten, in diesem Staatsknast auch noch in Stasi-Knasts kerkerten.

Und dann fällt mir wieder Erich Mielke ein. „Ich liebe – Ich liebe doch alle – alle Menschen – Na ich liebe doch – Ich setze mich doch dafür ein.“ Das waren seine letzten überlieferten Sätze vor der agonischen DDR-Volkskammer. Und wie Martin Ehlert vorhin muss ich lachen – die damalige Volkskammer übrigens auch.

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