Von Menschen im Werkstatt-Berufskolleg (IV): Tesfays lebensrettender Marathon nach Deutschland und sein unbändiger Lernwille

das Gespräch führte das Werkstatt-Berufskolleg

Tesfay (Name geändert), 29 Jahre alt, kommt aus Eritrea, einem der ärmsten Länder der Welt mit einer grausamen Diktatur. Als Schüler wurde er durch die Armee zwangsrekrutiert und musste von der Schulklasse aus direkt ins Armeelager und Kriegsdienst an der Waffe leisten. Tesfay spricht langsam, aber ist sehr gut verständlich, manche Wörter, die er nicht kennt, übersetzt er ins Englische, springt aber immer sofort ins Deutsch zurück.

„Ich wurde als Schüler in der 9. Klasse durch die Armee zwangsrekrutiert. Ich war 2 Jahre als Soldat, überall, an der Grenze und im Zentrum, musste auch in lebensgefährlichen Einsätzen nach Äthiopien, das war sehr gefährlich, ich möchte nicht viel mehr darüber berichten.

Ich wollte doch Wissenschaft und Geographie lernen. Ich bin desertiert, wenn ich zurück müsste, dann komme ich mindestens ins Gefängnis oder werde vielleicht sofort erschossen. Ich bin in den Sudan geflohen, war dort 5 Jahre, ich habe als Maler gearbeitet. Dort auch eine Ausbildung als Maler gemacht. Die Ausbildung ist aber anders als in Deutschland. Der Meister hat mich angestellt, einmal gezeigt, wie man mit Pinsel und Farbe arbeitet. Es gibt dort keine Tapeten, ich habe die (Gips-) Wände einfach nur Weiß gestrichen.

Im Juli 2013 bin ich nach Libyen gegangen, 2 Wochen zu Fuß an die Küste. Nach Tripolis. Dort habe ich 1.800 Dollar für den Schlepper bezahlt, das Geld hatte ich in den 5 Jahren im Sudan verdient. Ich habe dort im Sudan auch andere Arbeiten gemacht, sonst hätte ich niemals so viel Geld gehabt. Aber dazu sage ich auch nichts.

Der Schlepper kam aus Tunesien, hatte ein Kleinboot, uralt und aus Holz. Mitten in der Nacht wurden wir abgeholt und machten uns auf den Weg nach Lampedusa, nahezu 500 km, 24 Stunden, zumindest sagte das der Schlepper. Wir mussten fast alle die gesamte Zeit Wasser aus dem Boot schöpfen, da es undicht war. Die Wellen waren manchmal höher als 1 Meter und wir hatten die gesamte Zeit Todesangst. Auf halber Strecke ist das Boot kaputt gegangen und wir wurden von der italienischen Marine gerettet.

Der tunesische Schlepper wurde verhaftet und sofort nach Tunesien zurückgeschickt.

Auf Lampedusa verbrachten wir 9 Tage, dann wurden wir nach Mailand ins Lager transportiert. Dort wurde ich registriert. Eine Schweizer Familie hat mich dann von Italien mit dem Auto in die Schweiz gebracht, von dort bin ich dann mit dem Zug weiter nach Deutschland und wurde noch einmal registriert in Hamburg, von dort nach Dortmund gebracht. Hier bin ich jetzt seit 2013.
Ich beginne Deutsch zu lesen und zu schreiben, manchmal ist es schwierig mit den vielen anderen Flüchtlingen, weil sie auch andere Sprachen sprechen, die andere Kultur. Ich muss sehr viel lernen.

Ich möchte viel erreichen in Deutschland. Erst einmal Deutsch, dann einen Beruf, am liebsten als Maler oder Tischler.

Ich lebe mit 4 anderen eritreischen Landsleuten zusammen. Das ist voll okay für mich. Ich möchte noch mehr Deutsch lernen, 15 Stunden sind schon gut, aber ich möchte mehr. Deutschland ist für mich das Land der Gleichheit und Freiheit, ich habe so etwas noch nie erlebt, ich genieße es. Ich werde alles tun, damit ich mein Ziel erreiche.“

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