Vadim Neselovskyi – Genialer Grenzgänger, feinsinniger Kosmopolit

Vadim Neselovskyi - ein Kosmopolit und genialer Jazzer. - Fotos: zur Verfügung gestellt von Take5

Vadim Neselovskyi – ein Kosmopolit und genialer Jazzer. – Fotos: zur Verfügung gestellt von Take5

Ob er noch alle S-Bahn-Stationen von Unna bis Dortmund-Stadthaus auswendig könne, frage ich ihn. Vadim Neselovskyi, kosmopolitischer Jazz-Pianist von ganz und gar außergewöhnlicher Genialität, legt den Kopf schief und lächelt. „Ja klar“ sagt er und beginnt lückenlos aufzuzählen, wohingegen meine Reise schon mit Wickede-West ihr Ende findet. Vadim Neselovskyi war siebzehn Jahre jung, als er 1995 mit seiner Familie als jüdischer Kontingentflüchtling, im Zuge einer Emigrationsbewegung von Juden aus Ländern der ehemaligen Sowjet-Union, die vornehmlich in den neunziger Jahren stattfand, Odessa verließ und der Landesstelle Unna-Massen zugeteilt wurde.

In Odessa hatte er als jüngster Student das Konservatorium besucht und bereits zwei Semester Komposition studiert. Schon zu dieser Zeit, so Vadim, ahnte er, dass eine Mischung aus Klassik und Jazz sein Weg sein würde. Er freute sich darauf, im Westen freien Zugriff auf sämtliche Platten des berühmten ECM Labels haben zu können, auch wenn er sich diese zunächst keineswegs leisten konnte, denn Geld hatte er überhaupt keines.

Der sympathische, charmante und zugewandte Virtuose, der vier Sprachen fließend beherrscht, erinnert einen Besuch auf dem Amt in Unna. In Ballonseide gekleidet, Geld für angemessene Klamotten war erstmal nicht vorhanden, versuchte er die Sprachbarrieren zu überwinden und für seinen Vater zu übersetzen. Der suchte eine Möglichkeit der musikalischen Förderung für seinen hochtalentierten Jungen und wurde schließlich an Uli Bär, Jazzkontrabassist und Musikpädagoge der Jugendkunstschule Unna verwiesen. Uli Bär erkannte sogleich das außergewöhnliche Talent des jungen Pianisten und half ihm, sich in der hiesigen Jazzszene bestmöglichst zu vernetzen.

Vadim studierte schließlich Klavier an der Musikhochschule Detmold, am Standort Dortmund, und vernetzte sich schnell in der dortigen Jazzszene. Es folgten Preise bei diversen Wettbewerben und schließlich ein Stipendium für das renommierte Berklee College of Music in Boston, was den Auftakt zu einer katapultartigen Karriere darstellte. Hier wurde der legendäre Vibraphonist Gary Burton auf ihn aufmerksam und lud ihn in ein, in seinem Next Generations Quintet zu spielen. Unter anderem gewann Vadim den begehrten International Jazz Composers Competition des ebenso renommierten Thelonious Monk Institute of Jazz.

Seit 2011 lehrt er selbst als Assistant Professor am Berklee College of Music.

Formal betrachtet liegt Vadims Hauptwohnsitz in New York, allerdings ist er mit unterschiedlichen Projekten so viel unterwegs, dass man sagen kann, er lebt mehr über den Wolken, im Flugzeug, als auf der Erde. In Deutschland ist er unter anderem mit seinem Trio Bez Granitz, was übersetzt soviel heißt wie ‚Ohne Grenzen’ in Erscheinung getreten. Mit Alex Morsey (Kontrabass) und Bodek Janke (Schlagzeug) hat er Kollegen gefunden, mit denen wahrlich der Virtuosität keine Grenzen gesetzt sind. Zuletzt war er hierzulande mit dem brillanten Hornisten Arkady Shilkloper zu hören. Gerne erzählt Vadim die Geschichte, wie er als Student im Dortmunder Jazz Club domicil das Moscow Art Trio hörte und nach dem Konzert mit seinem großen Idol Arkady Shilkoper ein Bier trank, ohne daran auch nur zu denken, in sehr absehbarer Zeit selbst mit ihm auf der Bühne stehen zu dürfen.

Für die sechste Ausgabe des Jazzfestivals Take 5 – Jazz am Hellweg, das dieses Jahr unter dem Motto „Integration“ laufen wird, kehrt Vadim zu seinen jazzmusikalischen Anfängen in die Hellweg-Region zurück: Für das Eröffnungskonzert trifft er auf die Neue Philharmonie Westfalen, die als Landesorchester NRW einen herausragenden Ruf genießt. Und wenn er am 4. Oktober von Dortmund, wo seine Eltern leben, mit der S-Bahn nach Unna fährt, wird er merken, dass ‚Knappschaftskrankenhaus’ doch vor ‚Brackel’ kommt.

Eröffnungskonzert der Reihe Take5 – Jazz am Hellweg: Neue Philharmonie goes Jazz mit Vadim Neselovsky – Sonntag, 4. Oktober 2015 um 18 Uhr in der Erich Göpfert-Stadthalle an der Parkstraße.

Vadim Neselovskyi in action.

Vadim Neselovskyi in action.

Interview mit Vadim Neselovskyi

TAKE5: Wo bist Du angekommen?

Vadim Neselovskyi: Gleich in Unna-Massen. Wir kamen mit dem Bus von Odessa. Wir haben sogar unser Klavier mitgebracht und als das Klavier auf ‚Deutsche Erde’ gestellt wurde, wurde ich sofort von dem Hausmeister der Landesstelle gebeten zu spielen!! Er hat mir das Songsheet von „My Way“ mitgebracht und ich habe sofort in meinen ersten Minuten in Unna Klavier gespielt und zwar neben dem Bus, auf der Straße. (Lächelt).

TAKE5: Wie hat es Dir dort gefallen?

Vadim Neselovskyi: Mir hat es dort sofort sehr gut gefallen! Ich kann mich an den ersten Joghurt, den ich dort gegessen habe, erinnern. Joghurt gab es damals in der Ukraine nicht. (Lächelt) Es war auch schön, andere Flüchtlinge in der Landestelle kennenzulernen. Es hat sich wie Ferien angefühlt. Ich habe damals, psychisch gesehen, noch überhaupt nicht richtig verstanden, dass ich eigentlich emigriert bin. Diese Erkenntnis ist erst Jahre später gekommen.

TAKE5: Dein erster Besuch in Unna. Erinnerst Du Dich, ob Dir etwas gleich gut oder nicht gut gefallen hat?

Vadim Neselovskyi: Unna hat mir sofort sehr gut gefallen!! Ich war von der Altstadt sehr fasziniert, von den Fachwerkhäusern und von der Kirche. Ich genieße es auch heute noch sehr, durch Unnas Altstadt zu spazieren, es macht mich immer glücklich.

TAKE5: Welchen musikalischen Schwerpunkt hast Du in Odessa verfolgt? Ausschließlich Klassik oder schon Jazz?

Vadim Neselovskyi: In Odessa habe ich klassische Komposition studiert und mich gleichzeitig, schon als Vierzehnjähriger, in den Jazz verliebt. Für mich war und ist Jazz eine natürliche Fortsetzung der romantischen Tradition des 19. Jahrhunderts. Deswegen gab es schon damals für mich nur Musik, ich habe die nicht aufgeteilt auf Klassik, Jazz oder Pop.

TAKE5: Kannst Du noch alle S-Bahn Stationen von Dortmund nach Unna auswendig aufsagen?

Vadim Neselovskyi: Natürlich!! Sowas geht nie weg. (Lacht)

TAKE5: Gibt es etwas, was du an Odessa vermisst?

Vadim Neselovskyi: Ich liebe Odessa, das ist die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin. In den ersten zehn Jahren meines Lebens, die ich außerhalb der Ukraine verbracht habe, habe ich Odessa sehr stark vermisst. Mittlerweile bin ich aber viel ‚kosmopolitischer’ geworden. Ich fühle mich dort zu Hause, wo ich mit Menschen zusammen bin, die ich liebe und die mich lieben. Deswegen haben mittlerweile Städte wie Dortmund, Unna, New York und Boston ganz, ganz viel Platz in meinem Herzen.

TAKE5: Wann und durch welchen Impuls hast Du angefangen, Dich für Jazz zu interessieren?

Vadim Neselovskyi: Ich denke es hat angefangen mit einem Konzert des Odessitischen Jazzpianisten Jury Kuznetsov, das ich besucht habe. Ich war so begeistert von diesen Harmonien, von dem Zauber auf der Bühne, von der Spontaneität und dieser irgendwie ganz anderen Art Musik zu machen – frei von akademischer Rahmung, einfach kreativ, poetisch, romantisch. Ich bin nach Hause gekommen und habe angefangen zu üben wie verrückt. (Lacht). Später hat mir jemand verschiedene Jazzplatten auf Kassette überspielt, wir hatten damals noch keine Cds. So habe ich Oscar Peterson, Chick Corea, Dizzy Gillespie und Keith Jarret entdeckt. Und ich war – was Jazz angeht – nicht mehr zu retten. (Lacht)

TAKE5: Die Flüchtlingspolitik in Europa und gerade in Deutschland ist in diesen Zeiten ein wichtiges Thema. Wie war es für Dich als ‘Flüchtling’ in Deutschland?

Vadim Neselovskyi: Ich kann nur Positives sagen. Deutschland hat mir alle Chancen gegeben, mich in die Gesellschaft zu integrieren und meine musikalische Ausbildung fortzusetzen. Und (mit drei Ausrufezeichen versehen) ich habe sogar ein Auslandsstipendium des DAAD erhalten, um Jazz in den USA zu studieren – ein Ereignis, dass die letzten dreizehn Jahre meines Lebens sehr stark geprägt hat.

TAKE5: Hast Du Fremdenfeindlichkeit oder Antisemitismus erlebt? Wie wichtig war Deine jüdische Identität für Dich als Du nach Deutschland gekommen bist und spielte Religion damals für Dich überhaupt eine Rolle?

Vadim Neselovskyi: Als ich in der Ukraine aufwuchs habe ich schon den alltäglichen Antisemitismus erlebt – in der Schule und auf der Straße. Noch viel stärker haben das aber meine Eltern erlebt. Mein Vater hat sein ganzes Leben lang unter dem sowjetischen Antisemitismus gelitten. Er wurde wegen einer ‚inoffiziellen Judenquote’ nicht an der Universität aufgenommen, und ganz oft hat er, vielleicht wegen seines Aussehens, den berühmten Satz gehört: ‚Wann gehst Du endlich nach Israel’? Ich muss sagen, dass ich erst in Deutschland ein Mitglied der Jüdischen Gemeinde geworden bin. Hier habe ich zum ersten mal eine Synagoge besucht und befreundete mich sofort mit dem damaligen Kantor der Dortmunder Synagoge. Durch ihn habe ich ganz viel über das Judentum gelernt.

TAKE5: Was bedeutet Heimat für Dich ?

Vadim Neselovskyi: Heimat bedeutet für mich, wenn ich in die Wohnung meiner Eltern in die Dortmunder Arndtstraße komme und irgendwie das Zuhause rieche, das Elternhaus. Dann fange ich an, mich so zu entspannen, wie es nirgendwo sonst möglich wäre. Also ist die Arndtstraße für mich Heimat.

TAKE5: Fühlst du dich mehr als Komponist oder als Instrumentalist?

Vadim Neselovskyi: Ich bin definitiv ein Komponist, aber einer, der selber gerne seine eigene Musik spielt. So wie ein Dichter, der auch selber gerne seine Gedichte vorliest… Ich habe aber sehr viel Zeit und Energie investiert, um das Instrument Klavier zu beherrschen, um meiner Fantasie möglichst einen freien Fluss in die Tasten zu ermöglichen. Ich arbeite weiter daran – es ist ein lebenslanger Prozess.

TAKE5: Was bedeutet es Dir, dass Du das Eröffnungskonzert beim Jazz-Festival Westfalen, „Take 5 Jazz am Hellwe“g, mit der Neuen Philharmonie Westfalen spielen wirst?

Vadim Neselovskyi: In Unna zu spielen ist für mich immer sehr besonders – es ist ein Heimspiel für mich, bei dem im Publikum nicht nur meine Eltern sondern auch ganz viele liebe Freunde sitzen werden. Meine Eltern freuen sich schon auf das Konzert und dass die beiden dort sein werden, das macht es für mich besonders schön!!! Außerdem ist das Take 5 Jazz am Hellweg-Festival einst von Uli Bär aus der Taufe gehoben worden. Uli Bär ist mein längster musikalischer Freund und Kollege in Deutschland. Er war der erste Musiker, den ich in Deutschland kennengelernt habe und auch der erste Bassist in meinem Leben!!! Ich bin sehr glücklich darüber, dass unsere Freundschaft schon zwanzig Jahre dauert und dass wir dieses Jubiläum auf diese Weise feiern können – mit einem großen Orchesterprojekt!

Das Interview für das Festival Take5-Jazz am Hellweg führten

Uli Bär

und

Frederike Jacob

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