Geht es ums Öl, um die Teilung der Welt nach Gut und Böse oder um das Recht aller Menschen? Eine Rede von Alfred Buß aus dem Jahre 2003

Und wieder vergeht ein Wochenende mit Berichten, mit falschen Begriffen für eine beginnende Völkerwanderung. Die Berichte bedienen sich gern der Flüchtlingflut, des Flüchtlingsstromes der von Asylkritikern argwöhnisch beäugt werde. Flut, vollends negativ belegt, weil Fluten dazu neigen alles, was im Wege steht, mit sich zu reißen, Menschen, deren Besitz oder armselige Habe. Strom, kaum weniger negativ, denn auch ein solcher signalisiert die Unaufhaltsamkeit einer Gewalt, der mensch wehrlos ausgeliefert ist. Und Asylkritik – völlig lächerlich, weil Asyl kann niemand kritisieren, weil auch der denkfaulste Dämling ein solches vielleicht einmal beantragen könnte.

Menschen fliehen vor aktuellen Kriegen, oder akuter wirtschaftlicher Not, oder latenter bzw. erfahrener Bedrohung durch ethnisch bedingte Verfolgung. Flüchtlinge sind nur insofern negativ zu sehen, wenn man die betrachtet, die sie zur Flucht trieben. Und wie mit vielen derer, die dort, wo sie ihre Flucht begannen, aus unseren Länder Waffen erhielten, die sie sprechen lassen, hegen oder hegten wir diplomatisch-freundliche Beziehungen? Und mit wie vielen sorgten wir für freundliche Wirtschaftsbeziehungen, die unseren Ländern und ihren Industrien weitaus mehr Vorteile brachten als den dort lebenden Menschen? Und wie viele wirre geopolitische Konflikte wurden schon von westlichen Bündnisnationen geschürt und bewaffnet, die bis heute boshafte Nachwirkungen zeigen?

Alfred Buß, ehemals Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, ehedem Superintendent des Kirchenkreises Unna und zuvor in Königsborn Gemeindepfarrer, fand in seinem Archiv eine Rede, die er am 26. Januar 2003, quasi am Vorabend des Krieges hielt, den George Bush (der mit dem Dabbelju) gegen Saddam Hussein führen wollte. “Wir wussten/ahnten damals offenbar schon viel mehr, als wir heute noch auf dem Schirm haben…”, schrieb er mir. Und wie recht er hat, erschließt sich, wenn man genau liest, was er damals sagte, vor dem Friedensstein in Unna Rathaus. Dort, wo alljährlich der Opfer des deutschen Faschismus gedacht wird, und wo die Unnaer gern zeigen, dass sie geschlossen gegen Rassismus, Verfolgung und Gewalt stehen.

“1. Ich empfinde es als absurd, dass wir an einem Sonntagnachmittag vor dem 27. Januar hier stehen, um wieder einmal gegen drohenden Krieg Widerstand zu leisten. Der 27. Januar ist der 144. Geburtstag des Kriegskaisers Wilhelms des II. und zugleich Gedenktag an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und damit aller Opfer des Holocaust, der Shoa.
Wir erleben in diesen Tagen den Countdown eines lange angekündigten Krieges, auf den die einzig verbliebene Supermacht USA offensichtlich zusteuern will. Freilich behauptet die Bush-Administration, sie werde von Saddam Hussein dazu gezwungen, die bedrohte Weltordnung vor ihm zu schützen.

2. Machen wir uns nichts vor, Saddam ist einer der gefährlichsten und gerissensten Diktatoren der Gegenwart. Seinen Weg pflastern Leichen. Kurz nach seinem Machtantritt 1979 lud er führende Mitglieder seiner Baath-Partei aus dem In- und Ausland nach Bagdad ein. Nichts ahnend saßen sie im Saal, als man bekannt gab, man habe eine Verschwörung aufgedeckt. Jeder, dessen Name vorgelesen werde, habe sich zu melden. Zwei Wochen später waren alle ermordet. Saddam genoss diese „Zeremonie“ Zigarren rauchend.

1988 attackierte Saddams Luftwaffe in 20 Angriffswellen die kurdische Stadt Halabja mit Giftgas. Rund 5.000 Einwohner waren sofort tot. Tausende starben grauenvoll an den Folgen. Mit diesem Massenmord wollte er ein Überlaufen der irakischen Kurden zu den iranischen Kurden verhindern. Seit 1980 führte er Krieg gegen den Iran und brauchte Erfolg. Aber Gräuel dieser Art hielten die USA und die westlichen Länder nicht davon ab, Saddam zu hoch zu päppeln. Frankreich und Deutschland lieferten Atomreaktorteile und Produktionsanlagen für Biowaffen. Jack Chirac, damals Premier in Frankreich, gab dem Waffengroßkunden Saddam Hussein ein Fest. Menschenrechtsorganisationen berichteten gleichzeitig von Giftgasmorden Saddams, nicht nur gegen Kurden, sondern auch gegen die Schiiten im Süden des Irak, die Saddam für die 5. Kolonne der verhassten Mullahs im Iran in seinem eigenen Land hielt. Das alles durfte er wohl mit Billigung des Westens tun, weil man ihn für nützlich hielt – als Bollwerk gegen den Islamismus – gegen die Mullahs der Republik Iran. Dieses geheime Einverständnis des Westens mit Saddam endete erst, als dieser 1990 den US-Bündnis-Staat Kuwait überfiel, Ölscheichtümer in Arabien bedrohte und Israel mit Giftgasraketen – zum Teil Made in Germany – attackierte.

Seitdem wurde aus dem ehemals „kleinen Teufel“, dem man einst gegen den „großen Teufel Iran“ ins Feld schickte, selber ein „großer Teufel“, wobei auffiel, dass man 1991 im Golfkrieg darauf verzichtete, Saddam – wie auch immer – zu beseitigen. Man brauchte den kleinen großen Teufel wohl noch. Merkwürdig – ob Talliban oder Saddam – die später so Bösen waren anfangs immer die Nützlichen, die der Westen sich selber gepäppelt hat. Da fragt man sich doch: Wer wird denn heute gepäppelt, den wir morgen als großen Teufel vernichten müssen, der morgen Kriegsgrund wird?

3. Nun also kämpft der aufrechte Texaner Bush gegen den „großen Teufel“ Saddam, der den Weltfrieden bedroht, den gerechten Krieg.
Worum geht’s wirklich? Um Massenvernichtungswaffen? Diese Bedrohung ist wahrscheinlich eine Erfindung des CIA, doch auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber was soll dann die Hektik? Warum wird den Uno-Experten dann nicht die Zeit gelassen, sie wirklich zu finden, wenn es sie denn noch gibt?

Geht‘s ums Öl? Zweifellos liegen im Irak 10 % der Weltvorräte des Ölvorkommens; gleichzeitig wissen wir, dass die USA die größten Energieverschwender der Welt sind, sie weigern sich zudem, das Weltklima-Abkommen zu unterzeichnen und es ist bekannt, das die Bush-Administration eng mit der amerikanischen Öl-Industrie verquickt ist. Aber Krieg ums Öl? Geht’s um Sicherung der irakischen Quellen, weil die Saudis seit dem 11. September unzuverlässig werden? Ist das nicht ein ökonomischer Unsinn? Muss Saddam oder wer immer im Irak herrscht, sein Öl nicht sowieso verkaufen, weil er zu viel davon hat? Lahmt nicht schon heute die Weltkonjunktur wegen drohender Kriegsgefahr? Ökonomen warnen doch gerade vor dem Irak-Krieg und wir merken schon heute die Kriegsgefahr an den Benzinpreisen.

Oder – man mag es kaum aussprechen – geht es um eine alte Rechnung von Vater Bush mit Saddam Hussein? Showdown in Wildwestmanier? Absurdität als Welttheater?
Manche weisen darauf hin, dass die USA am 11. September zum ersten Mal in ihrer Geschichte von außen verwundet wurden und dass sie dies nicht ein zweites Mal erleben wollen. Aber treffen die USA das Al Kaida -Netzwerk ausgerechnet in Saddam Hussein, einem erklärten und praktizierenden Gegner jeder Art von Islamismus?

Ich kann nur feststellen, es gibt nur eine undurchsichtige Gemengelage von Motiven, die Kriegsgründe sind undurchschaubar und letztlich absurd. Aber eins liegt auf der Hand: Bush und seine Hintermänner wollen diesen Krieg.

4. Doch ist die Situation mordsgefährlich, denn der vordere Orient mit seinem Konfliktherd in Israel/Palästina braucht alles andere als einen Krieg, in dem der Westen der islamischen Welt mal wieder seine Überlegenheit zeigt. Wer ständig meint, alles besser zu können und besser zu wissen – ökonomisch, politisch, religiös – muss sich nicht wundern, wenn er den Hass derer auf sich zieht, die anders denken, anders glauben und anders leben. Wer den Terrorismus bekämpfen will, sollte seine Ursachen bekämpfen, gerechte Verhältnisse befördern, besonders auch in islamischen Ländern. Wer Frieden will im vorderen Orient, sollte helfen, endlich die Nahost-Konflikte zu lösen, vor allem den zwischen Israelis und den Palästinensern. Reden wir lieber vom „gerechten Frieden“, als immer wieder vom „gerechten Krieg“ zu faseln.

Zwei Aspekte sind mir heute noch besonders wichtig.

5. Zum einen: Keiner weiß, wenn ein Krieg erst einmal entfacht wird, welchen Flächenbrand er in der arabischen Welt auslösen wird. Wie werden sich die Kurden verhalten im Norden des Irak, in der Türkei, im Iran, in Syrien, wie die Schiiten im Süden des Irak, wie wird sich der Krieg auf die arabischen Nachbarländer auswirken, wie auf Israelis und Palästinenser? Wie viele Menschen wird er töten, wie viele werden an den Folgen eines Krieges kaputt gehen? Wer wird vertrieben und wie viele müssen flüchten? Ich weiß nur, dass die meisten Opfer der letzten Kriege selber keine Waffe in der Hand hatten. Was wird ein Krieg in den Herzen der Menschen anrichten, an Hass, an Vergeltungsgelüsten und an Zündstoff für Kriege nächster Generationen.

Aber im Pentagon tut man so, als ginge es um eine saubere Operation: Das Faule, Kranke soll herausgeschnitten werden und hinterher geht’s dem Patienten wieder besser. Trotz martialischen Aufmarsches am Golf malt man uns das Bild eines Hightech-Krieges mit dem Laptop. Das alles denken sich Leute aus, die nie an einem Krieg teilgenommen haben, wie zum Paul Wolfowitz, er ist Stellvertreter von Rumsfield und man nennt ihn im Pentagon „Chicken-hawk“, zu deutsch „Hühner-Falke“. Krieg, so seine Vorstellung, der große Verschwender von Menschenleben, soll künftig human geführt werden, mit der Verheißung des leichten Sieges. So macht man den Krieg wieder salonfähig. Wenn die USA ohne UN-Mandat den Irak angreifen, wird das ein Freibrief für alle Warlords dieser Welt werden, im Namen der Bekämpfung des Terrorismus oder unter welchem Vorwand immer, zuzuschlagen. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus hat aufgeschrieben, was der Römer Cerialis sagte, als er in Trier einen Aufstand niederschlug: „In ganz Gallien hat es immer Kriege gegeben, bis ihr euch endlich in dem Bereich unserer Rechtsordnung begeben habt. Wir haben, obwohl wir so oft provoziert worden waren, euch nach Siegerrecht allein das zugefügt, womit wir den Frieden schützen könnten. Denn Ruhe unter den Völkern ist ohne Militär nicht zu haben, Militär nicht ohne Sold, und Sold nicht ohne Tributzahlung.“ Diese Rede klingt wie ein Brief aus Washington unserer Tage. Was hier beschrieben wird, ist die sogenannte Pax Romana. Wir haben die römische Siegesstatue vor Augen, die Göttin des Sieges setzt den Fuß auf den unterlegenen Feind. Schöne Weltordnung.

6. Ein Letztes: Bush und sein Amerika haben ein wahres Sendungsbewusstsein: das Gute bekämpft das Böse. Amerikas Mission ist religiös, erregt und aufgeheizt. Nach biblischer Überzeugung geht der Widerspruch von Gut und Böse durch einen jeden Menschen. Der Angriff des 11. September war im Weltbild von George W. Bush und seinem Umfeld ein Anschlag aus dem „Reich des Bösen“ auf „God’s own Country“. Wer die Welt aufteilt in ein Reich des Guten und in ein Reich des Bösen, der hat seine Vorbilder nicht in der Bibel, sondern in der Geistesströmung, die sich schon in der Antike im Römischen Reich ausbreitete (der Gnosis; dazu zählt auch der spätere Manichäismus nach Mani 216 – 276; wirkte im Zweistromland, dem heutigen Irak). Immer, wenn in der Geschichte Schwarz-Weiß-Malerei Einzug hielt, ging es um Imperialismus. Die in den USA allgegenwärtige US-Flagge verherrlicht die dort herrschende Religion und signalisiert ihren Inhalt: „gut für die Welt ist Amerika und seine Utopie von Freiheit“. Wo ein patriotisches Symbol wie die US-Flagge derart religiös aufgeheizt wird, haben wir die Pflicht – gerade auch aus unserer Geschichte als Deutsche – auch auf die Opfer der amerikanischen Utopie hinzuweisen, z.B. auf tote Indianer, Mexikaner, Japaner, Vietnamesen und viele viele Opfer in Lateinamerika.

Und als Theologe und Pfarrer habe ich die Pflicht, an das 1. Gebot zu erinnern: Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Zugleich erinnern wir uns daran, es gibt auch das andere Amerika, das der Aufteilung der Welt in Gut und Böse und dem Drang zum Krieg widersteht. Mit diesem Amerika wissen wir uns aufs herzlichste verbunden.
Gegen die Absurdität der Kriegslosung steht der hebräische Psalm 85, in dem es heißt: Friede ist Frucht der Gerechtigkeit, Gerechtigkeit und Friede werden sich küssen. Gerechtigkeit und Friede gehören ganz eng zusammen, sie können wie Liebende ohne einander nicht sein. Weil wir darum wissen und das glauben, stehen wir hier und sagen:

• Krieg ist keine Antwort auf Saddam, keinen Angriffskrieg gegen das Völkerrecht!
• Wer den Terrorismus bekämpfen will, setzt sich ein für eine gerechtere Welt.
• Wir faseln nicht vom gerechten Krieg, wir suchen, fördern und fordern den gerechten Frieden.”

Beitragsbild: Alfred Buß, er sagt der gesamten Republik mit seinen Beiträgen beim Wort zu Sonntag im ARD-Fernsehen gern mal Wahrheiten. – Foto: Privat

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