Von Menschen im Werkstatt-Berufskolleg (I): Gedanken von Schalum, einem Flüchtling, und sein Dank an Deutschland, das ihn aufnahm

ein Interview des Werkstatt-Berufskollegs Unna


Unna. Ein kleines Interview mit einem Flüchtling, der im Juni 2015 in das Werkstatt-Berufskolleg Unna kam, um hier Deutsch zu lernen. Schalum (Name geändert) spricht mit dem Interviewer in einfachen und kurzen Sätzen fast fließend Deutsch. Nur wenige Wörter müssen noch über Englisch überbrückt werden.

Schalum-Interview

„Ich floh am 29. Dezember 2014 aus dem Nordirak, aus Bakhdida, einer kleinen Stadt zwischen Mosul und Erbil. Wir mussten des nachts vor dem IS fliehen, zu Fuß über Kurdistan in die Türkei, dann mit einem Schlauchboot nach Griechenland, dann über Bulgarien und Serbien zu Fuß nach Ungarn und von dort über Wien nach Deutschland im Auto, Taxi und Bus. Am 7. Mai kamen wir nach Köln und dann nach Dortmund. Die Flucht war so schrecklich, dass ich nicht mehr darüber erzählen möchte.

Mein Bruder, meine Schwester und meine Eltern leben nun mit mir in der Nähe von Hamm in Westfalen.

Ich musste einen Teil meiner Familie und meine Freunde verlassen, ohne dass wir uns verabschieden konnten. Ich war in der 12. Klasse des Gymnasiums und stand kurz vor dem irakischen Abitur. Wenn nicht der Krieg mit dem IS wäre, dürfte ich weiter bei meinen Lehrern sein oder würde vielleicht sogar schon studieren. Ich mochte meine Schule und meine Lehrer in Bakhdida.

Ein Teil meiner Großfamilie musste mit dem IS nach Mosul gehen, ein Teil ist nach Erbil geflohen, welches heute ,frei’ ist, und wo die Kurden für etwas Freiheit sorgen. Ein Teil meiner Familie lebt heute in Frankreich, einige sind in Jordanien, einige in der Türkei, einige in Amerika. Nach Erbil bestehen Kontakte, dieser Teil der Familie hat auch alles verloren. Von denen, die mit dem IS nach Mosul gehen mussten, wissen wir gar nichts mehr.

Früher haben wir alle zusammen gelebt, gefeiert und eine schöne Zeit gehabt. Der Krieg hat die Familien auseinandergerissen, viele getötet. Der Irak ist nicht mehr meine Heimat, dorthin kann ich nicht mehr zurück. Ich würde sofort getötet. Ich bin sehr traurig, aber jetzt muss ich vorne sehen.

Das Kommunale Integrationszentrum und Frau Stelzer haben den Kontakt mit dem Werkstatt-Berufskolleg eröffnet. Ich bin darüber sehr glücklich. Ich mag die Lehrerinnen und Lehrer sehr, weil sie mir helfen, mein Deutsch zu verbessern, sie helfen mir bei der Organisation der Fahrerei zwischen Unna und meinem Wohnort. Ich verstehe das deutsche Bildungssystem jetzt besser und ich weiß, wie man sich in die deutsche Kultur einfindet.

Ich will hier meine Ausbildung machen und studieren, damit ich später hier mein Geld verdiene und selbstständig sein kann. Ich mag es sehr, dass Christen und Muslime gleich behandelt werden und im Schul- und Bildungssystem alle Hilfe bekommen, auch wenn sie einige Zeit brauchen, gut Deutsch sprechen zu können.

Ich mag dieses Land und die Menschen. Ich bedanke mich dafür.“

Schalum geht im September mit seiner Familie nach Köln. Seine letzte Botschaft ist an seine Freunde und die anderen Flüchtlinge: „Macht etwas für Deutschland, weil Ihr hier viel Hilfe und Sicherheit bekommt. Hier ist Eure Zukunft. Ihr werdet gebraucht!“

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