Wilhelm Dördelmann – Unnas letzter ehrenamtlicher Bürgermeister trägt den Verdienstorden am Bande

Unna. Wilhelm Dördelmann, letzter ehrenamtlicher Bürgermeister der Stadt Unna, langjähriger Ortsvorsteher seines Heimatdorfes Lünern, ist nun Träger des Verdienstordens am Bande der Bundesrepublik Deutschland. Michael Makiolla, Landrat des Kreises, hat seinem Parteifreund die Ordensinsignien am 25. August 2015 im Rahmen einer Feierstunde im Spiegelsaal des Hauses Opherdicke in Holzwickede überreicht.

Viele Wegbegleiter, alte Freunde wie Rob van Schaik, damals Bürgermeisterkollege in Waalwijk (Niederlande), waren dabei, als Willm die Ehrung zuteil wurde. Er war im Privatleben wie im Amt einer, der seinen Weg arbeitete, wollte nichts unberücksichtigt lassen, vor einer Aktion, einer Rede, einem Handeln alles durchdacht wissen. Wilhelm Dördelmann schaffte es, in seiner Interpretation von politischer Arbeit die Feinmechanik eines Uhrmachers mit dem enormen Kraftaufwand eines Kunstschmieds zu verbinden und erwarb sich seinen spezifischen Ruf weit über Unnas Grenzen hinaus.

Zu einer anderen Gelegenheit schrieb ich mal über ihn:

Es war im Jahre 1971, da zog ein forscher junger Mann vom Dördelmann’schen Hofe in Richtung Unna, um im Rat dieser Stadt neue Erfahrungen zu machen, neue Wege zu zeigen und neue Freunde zu finden. Wilhelm Dördelmann, Lünerner Junge mit allen Fasern, hatte den Kopf voller Gestaltungsgedanken, hatte in seinem sozialdemokratischen Handgepäck jede Menge Verbesserungsvorstellungen und brachte als heimatliche Hypothek zahllose Interessen der Dörfer Lünern und Stockum mit ins damals noch weit über Unnas Stadtkern verstreute Rathaus. Hinzu kamen ein paar Träume, zu denen aber keineswegs die zählten, die das spätere Leben als Realität mit sich brachten, zum Beispiel, dass er mal Bürgermeister seiner Stadt werden würde. Was er aber schon vier Jahre später für seine Dörfer werden sollte, das war der Ortsbürgermeister für Lünern und Stockum.

1975 gab’s in Nordrhein-Westfalen die bis dato letzte Gebietsreform. Für die hatte das sogenannte “Unna-Gesetz” aus dem Jahre 1967 Pate gestanden, war sozusagen ein planerischer Vorläufer. Im Jahr darauf, 1968, spülte es unversehens Nazis, Mitglieder der ebenso unseligen wie leider seinerzeit aufstrebenden NPD, in die Gemeinderäte landauf landab, was Wilhelm Dördelmann vom wütenden Protestieren zum mitmachenden Handeln brachte: “Die kann ich nur durch aktive Politik bekämpfen.” Doch, als hätten sie sein Handeln gefürchtet, in Unna waren sie bereits wieder weg gewählt, als er seine Ratsarbeit aufnahm.

Frech und jungsozialistisch ehrgeizig ging er es an, schnell lernte er aber, wie Recht sein Freund Ulrich Böhme (auch Lünerner Sozialdemokrat) hatte. Der sagte ihm und jedem spätere allzu eiligem Freund: “Politik, das ist zu allererst Taktik, Strategie und viel Geduld!” Willm hörte auf Freunde so gut es ging und nahm sich gerade Ulis Rat zu Herzen. Er begann den steinigen Weg zu gehen und sah sich vor, dass er die Füße und Gelenke heil bewahrte. Er wollte nicht mehr im Spurt vorbei, weil Langstreckler, gerade in dem kommunalen Politik, dem besten aller politischen Geschäfte, die besseren Chancen weil den längeren Atem haben.

Also, und das führt uns wieder ins Jahr 1975, nahm Wilhelm Dördelmann gern und mit wachsendem Engagement zunächst die Arbeit auf, die vor ihm der legendäre Heinrich Gust verrichtet hatte, er wurde Ortsvorsteher seiner beiden Dörfer. (Scherzhaft wurde Heinrich Gust damals auch “Kuss-Gust” gerufen, weil er mal das jugendliche Küssen in aller Öffentlichkeit anprangerte, was von Unnas Heranwachsenden mit einem Massen-Kiss-in in Lünern beantwortet wurde.)

Im Unnaer Rat sorgte Wilhelm Dördelmann dann aber auch mit viel Fleiß, gewaltigem Freizeitaufwand und vor allem guten Ideen dafür, dass er bald vom Frischling zu einem beschriebenem Blatt mutierte, dessen frische Herangehensweise die Altvorderen immer mal wieder überraschte. Hatte er zu Beginn seiner Ratsarbeit nahezu erwartet, dass er als gelernter Tiefbauingenieur natürlich den Bereichen Bau und Planung als Experte zugeordnet werde, machte er aber erstmal bescheiden seine Erfahrungen und tat den Dienst an der Stadt und ihren Menschen dort, wo die Obersager ihn hinsteckten. Überraschend und selbst verblüfft wurde ihm beispielsweise anvertraut, dass er sich mit Umweltschutz zu beschäftigen habe, einer damaligen Domäne der Gattin des SPD-Chefs Hans Claussen.

Artig und mit dem ihm eigenen Verlangen nach vollständiger Informationsdichte ging er ans Werk und half Lieselotte Claussen so erfolgreich bei ihrem Versuch, den Umweltschutz zu Implantat der Unnaer Kommunalpolitik zu machen, als der größte Teil der Kommunalpolitiker allüberall das noch für einen vernachlässigbaren Nebenkriegsschauplatz hielt. Oder, und das war der Weg zum endgültigen Durchbruch, man vertraute ihm die politische Beschäftigung mit Kultur an. Axel Sedlack als zuständiger Sachwalter in der Fachverwaltung und er bildeten schnell das Dream-Team der kommunalen Kulturarbeit, quasi Plisch und Plum im Ringen darum, Kulturpolitik zu einem Schwergewicht zu mästen. Und das nicht nur in Unna, sondern für die gesamte Region und darüber hinaus. Sie dachten vor, sie konstruierten Konzepte, sie zeigten Wege, an die andere nicht dachten. Kurz: Sie machten aus Unna die Kulturstadt wie sie heute noch ist, stets unterstützt vom damaligen Stadtdirektor Klaus Dunker, kongenialer Wegbereiter und Förderer des Duo-Dominante.

Aber immer hatte Wilhelm Dördelmann seine beiden Dörfer fest im Blick. Vergaß bei allen neuen Eindrücken, die er aufsog, dass er sie verarbeiten konnte, nie, woher er kam. Standfest wie der Lünerner Maibaum focht er als Ortsvorsteher erfolgreich darum, dass Lünern und Stockum nie zu kurz kamen, wenn es um die Verteilung innerstädtischer Vorzüge ging. Wenn es darauf ankam trinkfest wie Lünerner so sein können warb er um die Menschen und ihre Zuneigung, wich keinem Gespräch aus, allerdings auch keinem Streitgespräch. Vereinsfest wie eine wurzeltiefe Eiche suchte er so ziemlich auf jeder Jahreshauptversammlung engen Kontakt zu seinen Dörflern und fand die heimische Bodenhaftung, die er brauchte.

Entsprechend freundlich fielen seine Wahlergebnisse aus, entsprechend respektvoll traten ihm die Kolleginnen und Kollegen im Rat entgegen und entsprechend folgerichtig rückte er im Laufe der Jahre in den engen Kreis derer auf, die als Kronprinzen auserkoren wurden, dass sie einmal Erich Göpfert, die Bürgermeister-Legende vor Wilhelm Dördelmann beerbten. Erich Göpfert war eine besondere Statur, von ihm erzählte man, dass er einmal den vor Selbstbewusstsein strotzenden Oberbürgermeister von Dortmund, Günter Samtlebe, völlig sprachlos gemacht habe. “Günter”, so habe er ihn bei einem gemeinsamen Termin angegangen, als Samtlebe seine Bedeutung zu sehr aufplusterte, “Günter, Du kannst doch froh sein, dass ich damals von Wickede nach Unna gezogen bin, sonst wäre ich heute OB in Dortmund und nicht Du!” Darauf konnte der 1. Bürger der Nachbarstadt nicht gescheit kontern.

So groß waren Erich Göpferts Fußstapfen tatsächlich, aber so musste man auch wachsen, dass man selbst hineintreten konnte. Und Wilhelm Dördelmann aus dem kleinen Lünern traute sich das zu, Heinz Steffen aus dem größeren Königsborn und Karl-Heinz Rentsch aus der noch größeren Oberstadt, die trauten sich das erst recht zu. Der geplante Showdown dieser drei sollte bei einem Stadtparteitag in Massen stattfinden, einen Tag nach der Eröffnung des Freizeitbades an der Kleistraße. Doch der endete jäh noch bevor er begonnen hatte. Hans Claussen, der unvergessene SPD-Vorsitzende wurde an diesem Samstagmorgen tot daheim am Hang aufgefunden, während seine Freunde in Massen noch auf ihn warteten.

So wurde der entscheidende Parteitag kurzfristig verschoben, nach Billmerich verlegt, wo dann die Spannung überkochte. Zweier Wahlgänge bedurfte es, dann setzte sich Wilhelm Dördelmann als zukünftiger Bürgermeisterkandidat durch. Gegen Heinz Steffen, Karl-Heinz Rentsch hatte seine Bewerbung für den 2. Wahlgang zurückgezogen.

Zwei Freunde, die sich richtig lieb haben. Nino umarmt wie gute Hühnerzüchter es miteinander halten Wilhelm Dördelmann.

Zwei Freunde, die sich richtig lieb haben. Nino umarmt wie gute Hühnerzüchter es miteinander halten Wilhelm Dördelmann.

1984 wurde Wilhelm Dördelmann dann zum Bürgermeister Unnas gewählt. Lünern war sozusagen für eine regelrechte Ära politisch ein wirklicher Nabel der Stadt. Karl-Heinrich Landwehr war Oberkreisdirektor, Ulrich Böhme Bundestagsabgeordneter, Rosemarie Böhme saß im Kreistag, Wilhelm Dördelmann im Rat und war Bürgermeister. Fast neidisch beäugten die übrigen Stadtteile das Dorf und seine zahlreiche Prominenz. So ganz nebenbei war es Wohn- und Lebensfeld mancher Verwaltungsmitarbeiter, allen voran Helmut Eichhorst, Beigeordneter der Stadt.

Bis 1999, bis zur Direktwahl des ersten hauptamtlichen Bürgermeisters in Unna, machte Wilhelm Dördelmann eine Arbeit, auf die noch heute voller Respekt – und in Sinne einer fruchtbaren Zeit für Unna zurückgeblickt wird. Neben der beachteten Weise, wie er die Amtsgeschäfte im Alltag führte, neben ebenso beachteten Reden, die er zu unterschiedlichen Anlässen hielt, neben der hoch geachteten Person, die er landesweit darzustellen wusste und damit Unnas Namen würdig vertrat, neben all’ dem waren es viele deutliche Spuren, die noch heute zu finden sind, die er in seiner Stadt hinterließ. Sei es die letzte deutsch-deutsche Partnerschaft, mit Döbeln geschlossen, quasi historische Minuten vor dem Mauerfall, seien es die Bemühungen um Aussöhnung mit den Opfern des Nazi-Terrors (Gedenkstein am Verkehrsring) oder die kommunale Friedenspolitik (Friedensstein im Rathaus) oder erinnerungshaltige Straßenbenennungen. Zu lang würde die Aufzählung.

Wackere Kämpfe z.B. gegen eine einst geplante Restmülldeponie, unermüdliche Kämpfe für wichtige Anliegen der Stadt (Flüchtlingsprobleme, Kulturinitiativen, usw.) oder die legendäre “Schlacht” in Berlin, als Unna in einer ZDF-Sendung zur deutschen Kulturhauptstadt gekürt wurde und nebenher vor einem Millionenpublikum der Schornstein der Lindenbrauerei vor dem Abriss bewahrt wurde, dem sowohl ein Großteil des Rates als auch ein Großteil der SPD-Fraktion schon eine staubige Zukunft vorher sagten. Der Lulatsch blieb stehen, weil Wilhelm an der Spree die Gelegenheit erhielt, den Fernsehzuschauern mit begeisternder Gestik zu beschreiben, wie schön und wichtig der ziegelrote Turm mitten in Unnas Innenstadt sei.

Historisches Foto: Kurz vor der entscheidenden Stichwahl zwischen Wilhelm und Volker Weidner fotogtrafierte ich den Bürgermeister mit Billi Reina, damals Stürmerstar beim BVB, dem Verein, dessen uneingeschränkte Fan-Freundschaft Wilhelms galt. Kurz vor dem Heimspiel wünschte der liebenswerte Italo-Unnaer seinem Stadtoberhaupt Glück. Wie's ausging wissen wir ja. (Foto: Rudi Bernhardt)

Historisches Foto: Kurz vor der entscheidenden Stichwahl zwischen Wilhelm und Volker Weidner fotogtrafierte ich den Bürgermeister mit Billi Reina, damals Stürmerstar beim BVB, dem Verein, dessen uneingeschränkte Fan-Freundschaft Wilhelms galt. Kurz vor dem Heimspiel wünschte der liebenswerte Italo-Unnaer seinem Stadtoberhaupt Glück. Wie’s ausging wissen wir ja. (Foto: Rudi Bernhardt)

Wilhelm Dördelmann, damals aktiver Bürgermeister Unnas, vollzog feierlich den ersten Spatenstich für den Rathausneubau. (Foto: Stadt Unna)

Wilhelm Dördelmann, damals aktiver Bürgermeister Unnas, vollzog feierlich den ersten Spatenstich für den Rathausneubau. (Foto: Stadt Unna)

1999 endete ebenso abrupt wie unerwartet Wilhelm Dördelmanns Bürgermeisterschaft. Zum ersten Mal wählten die Bürgerinnen und Bürger ihr Stadtoberhaupt in NRW direkt, die Gemeindeordnung war geändert, die Bürgermeister sollten hauptamtlich werden, dafür sollten sie ein überwältigendes Mandat aus der Bürgerschaft erhalten. Aber die Menschen, die so lange mit ansehen konnten, wie Wilhelm Dördelmann sich für sie und ihre Belange ins Geschirr warf, sie wollten an diesem Wahltermin den Wechsel in Unna, gaben dem CDU-Kandidaten Volker Weidner im 2. Wahlgang die Mehrheit. Wilhelm Dördelmann musste eine Enttäuschung überstehen, die ihn wirklich ins Mark traf. “Es ist demokratisch ausdrücklich erlaubt, dass man verlieren kann, aber man muss sich nicht darüber freuen”, sagt er damals bitter.

Aber Lünern Bürgermeister(Ortsvorsteher) blieb er weiter, erst mit der zurückliegenden Wahl, 15 Jahre nach der auch für die Unnaer SPD verheerenden Niederlage von 1999, gab er diese Ehrenbeamtenschaft an Anja Kolar ab.

Beitragsbild: Wilhelm Dördelmann, neuer Ordensträger seit heute, im Kreise von Heinrich Peuckmann (links) und dem neuen Superintendenten des Kirchenkreises Unna, Hans Martin Böcker. – Foto: Privat

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