Von vollmundigen Reden, fehlleitenden Wörtern und der Pflicht zur behutsamen Wortwahl

„Wer sich die Freiheit nimmt, eigenständig zu denken, muss damit rechnen, als rechtslastiger Ausländerfeind mit populistischem Gedankengut abgestempelt zu werden.“ Das las ich heute. Oder das las ich auch: DRK-Landeschef Rüdiger Unger in Sachsen ist geschockt: „Ich habe noch nie erlebt, dass Rot-Kreuz-Helfer in einem zivilisierten Land wie Deutschland angegriffen werden!“ Und da muss noch der O-Ton Horst Seehofer her, der meint, den bayerischen Übervater Franz Josef Strauß toppen zu müssen: „Bevor wir in Leistungskürzungen gehen für die Bevölkerung, die hier lebt, ist es unsere verdammte Pflicht, diesen massenhaften Missbrauch des guten Asylrechts, das im Grundgesetz geschützt ist, einzudämmen und abzustellen.“

Was das über den Umstand hinaus, dass alle drei Aussagen mit dem Thema Flüchtlinge in Deutschland zu tun haben, miteinander gemein hat? Ganz einfach: Die zwei sozusagen außen liegenden Aussagen sind dazu angetan, die von ihnen eingerahmte Klage des sächsischen DRK-Chefs erst nötig und möglich zu machen. Sie gehören zu den verbalisierten Stimmungen (auch, wenn jeder Einzelne seine Sätze ganz anders gemeint hat), die Angreifende auf Aufbauer von Zelten, in die Flüchtlinge einziehen sollen, in ihrem individuellen Rechtsempfinden das eigene üble Handeln als „Notwehr“ fühlen lassen. Da kraucht das gesunde Volksempfinden wieder aus der Deckung.

Ob es Seehofer oder Volksmund in denselben nehmen, es klingt erstmal völlig harmlos, ganz so als vertrete man eine Ansicht, die doch eigentlich alle äußern würden, wenn sie nur frei von der Leber weg dürften. Und so verkaufen sich diese Meinungen denn auch ganz locker: als solche derer, die sich endlich mal trauen, die endlich mal Tacheles reden.

Okay, kann ich auch. Und ich sage Nein, Deutschland ist in einiger Hinsicht kein zivilisiertes Land, es ist allenfalls dabei den Weg dorthin zu suchen, und das seit 1933 – oder noch länger. Und ebenfalls Nein zu dem eigenständigen Denken im ersten Zitat. Wer denkt – vor allem eigenständig, kommt erst gar nicht in den Verdacht ein rechtslastiger Ausländerfeind zu sein. Und ganz laut Nein, zu der Feststellung der mangelhaften Strauß-Kopie, der demagogisiert, als seien Flüchtlinge verantwortlich für unmittelbar bevorstehende Leistungskürzungen bei der urdeutschen Bevölkerung. Wer solch ein Flachsinn verzapft, dem sollte ein Platzverweis fürs nächste Oktoberfest blühen.

Es ist doch praktisch – man meint allenthalben, es müsse bloß die Verantwortung auf die vermeintlich richtige Seite verschoben werden, und schon kann man sich selbst wieder im Recht fühlen. So meint das gesunde Volksempfinden, mutmaßlich gutmenschliche Urteile über sich selbst abwehren zu können, indem es freie Meinungsäußerung und selbstständiges Denken ausschließlich für sich in Anspruch nimmt und das so formuliert. Komisch, sogenannte Gutmenschen denken also nicht oder und äußern ihre Meinung nicht frei?

Was macht eigentlich volksempfindliche Sprachverdrehung aus Begriffen, die zuvor nur positiv belegt waren? Gut und Mensch, positiver geht’s doch kaum. Menschlich zu sein, das ist doch nichts Verwerfliches, dazu auch noch gut, wow. Dagegen nimmt sich gesundes Volksempfinden doch geradezu pickelig aus. Das Gesund zu betonen, erscheint bereits vorauseilend exkulpierend, so als wenn man ja gefühlt hinfällig sei, aber fix mit der treffenden Begrifflichkeit wieder aus dem Schneider käme. Und dass das Volk auch noch empfindlich sein soll, natürlich nur, wenn es an seine eigenen Belange geht, ist ja wirklich nahezu peinlich, für ein Volk, an dessen vorbildlich gesundem Wesen doch aktuell mindestens ganz Europa zu genesen hat. Oder nur Griechenland? Egal, Deutschlands Volk lässt jeden genesen, ob er will oder nicht – oder doch nur die eigenen Banken? Schluss, ich komme von jedem erdenklichen Thema ab.

Finaler Rat kann nur immer sein, das jeder Mensch zumindest versuchen sollte, in seiner Wortwahl einigermaßen behutsam zu bleiben, gerade dann, wenn es um Themen geht, bei denen erstmal Menschen vorurteilsfrei im Vordergrund stehen müssen.

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