Sigmar Gabriel und seine digitale Kritikerschar

Das sollte ich vielleicht voraus schicken. Seit mehr als 4 Jahrzehnten ertragen sich meine Partei und ich gegenseitig. Meine Partei, das weiß ein jeder und sollte eine jede inzwischen wissen, ist die SPD. Sie kam bisweilen zähneknirschend mit meinen Ansichten, Absichten und Einsichten klar. Sogar die eine oder andere meiner zahlreichen Unzulänglichkeiten ertrug sie. Und ich nahm bisweilen zähneknirschend ihre Ansichten, Absichten und Einsichten wahr. Sogar die eine oder andere ihrer nicht weniger zahlreichen Unzulänglichkeiten ertrug ich. Und das meist klaglos, wie sie es auch bei mir meistens hielt.

Auch dies sollte ich noch voraus schicken. Ich bin kein Fan in dem Sinne, wie ich völlig unobjektiv einer von Schwarz-Gelb bin. Weder von meiner ehrlich geliebten Partei noch von einem ihrer Vorstände der zurückliegenden 4 Jahrzehnte. Ich bin mit meiner Partei und ihren jeweiligen Vorsitzenden, wenn es sein muss, sogar ziemlich ruppig und realitätsnah objektiv, sehe jedes Abseits und jede unnötige Rückgabe – anders als ich das bei BVB-Spielen halte.

Aber, und jetzt kommt das besondere aber: Wenn ich glaube, dass Partei meint, durch Vorsitzende vertreten, ihre jeweiligen Irrtümer in aller Öffentlichkeit begehen zu müssen, dann sage ich denen das persönlich oder schreibe Briefe – heutzutage auch gern mal die eine oder andere eMail. Dann kriege ich zwar in der Regel keine Antwort, aber das war auch bei Willy Brandt so. Die einzige, ungemein rühmliche Ausnahme stellte Jochen Vogel dar, der mir einst auf solch eine Schrifttumsattacke meinerseits höflich und bestimmt zurück schrieb.

Was mir hingegen widerstebt ist es, die eigentümliche social media-Kultur zu nutzen, um mich mit meinem Vorsitzenden und der zu mir gehörigen Partei auseinanderzusetzen. Zwar finden diverse meiner auf diesem Blog erschienenen Boshaftigkeiten auch über das fratzebuch via Posting Verbreitung, aber das ist was anderes, ich nutze ja eben jenes nicht als ständige Plattform zur Öffentlichmachung meiner alltäglichen Darmbeschwerden mit mutmaßlichen Mängeln der deutschen Sozialdemokratie.

Was mir zusätzlich widerstrebt, ist den Vorsitzenden derselben für jeden verklemmten Verdauungswind verantwortlich zu machen, der mich in den vergangenen Monaten befallen haben könnte. Man darf durchaus kritisch sein, wenn Sigmar Gabriel ziviler Teilnehmer einer Diskussion mit Pegidisten ist. Man kann es aber auch differenziert wahrnehmen und seine rhetorisch wie argumentativ brillante Rolle bei diesem Anlass würdigen. Man kann die reine Lehre vertreten und den „lieben Sigmar“ geißeln, dass er Wolfgang Clements Buchvorstellung mit seiner Anwesenheit eine unangemessene Würde-Weihe verlieh. Man kann aber auch seinen Spaß daran haben, wie er die wirtschaftliche Fachmannschaft unter den Anwesenden für ihre profitorientierte Röhrensichtigkeit vermöbelte. Man kann Sigmar ausschließlich mit TTIP oder VDS identifizieren und so eine dauerhafte Entfernung seiner Person von den parteilichen Grundwerten herbei menetekeln. Es ist aber auch ausdrücklich erlaubt, die mit seiner Person zu verbindende Konkreteinflussnahme der Sozialdemokratie auf die konservativen Schwergewichte in der aktuellen Regierung zu beklatschen. Es sind in der Partei auch mannigfaltige Ärgernisse virulent, wie mit Tsipras und den Griechen Umgang gepflegt wurde seitens der Sozialdemokratie. Und da mache ich aus meinem Teilen dieses Ärgers keinen Hehl, aber es war weder der „liebe Sigmar“ allein verantwortlich, noch war er allein – im Sinne von einsam – mit seiner volatilen Art. Umfragen in der ca. 460.000 Mitglieder umfänglichen Partei seien angeraten.

Und damit keiner was missversteht, auch nicht die, die gern die „Spezialdemokratie“ verspötteln und ihrerseits nie in die Verlegenheit kamen, Regierungsverantwortung in irgendeiner Form zu übernehmen: Ob sie Sigmar oder wie auch immer heißen werden, die SPD-Vorsitzenden werden auch zukünftig meiner Kritik unterworfen sein. Die ich auch laut äußern werde. Aber das in direkter Art und nicht über Wege der Teilöffentlichkeit eines zwar populären, aber auch allzu schnell begeisterungsfähigen Networks. Es gibt auch Gelegenheit beklatscht zu werden, wenn man SPD-Ortsvereine oder andere Gliederungen als Auftrittsfläche für seine individuelle Gabriel-Kritik nutzt.

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