Die Griechen sagten „Oxi“ – UNsere Griechen waren sicher, beim „Nein“

Die Solidaritätsbekundung ist eindeutig: Ger-Mani-Vertreter sagen mit Alexis Tzipras im Gleichklang "Nein" zu den aktuellen Auflagen der Gläubigerseite. - Fotos: Reinhard Jacob

Die Solidaritätsbekundung ist eindeutig: In Sparti (Sparta) Ger-Mani-Vertreter sagen mit Alexis Tzipras im Gleichklang „Nein“ zu den aktuellen Auflagen der Gläubigerseite. – Fotos: Reinhard Jacob

Unna/Gythio. Reinhard Jacob und seine Freundinnen und Freunde auf dem Peloponnes sagen zwar ihrerseits „Oxi“ beim Referendum, das Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tzipras für Sonntag, 5. Juli 2015, von der hellenischen Bevölkerung forderte. Und die Griechen haben „Nein“ gesagt. Die „Unnaer Griechen“ legten sich erkennbar ins Zeug und ihre Sympathie war sichtbar verteilt. Vor dem Begegnungszentrum der Arbeitsgemeinschaft für internationale Jugendprojekte Unna e.V. (AGIP) in Karyoupolis hängen die deutsche und die Europafahne auf halbmast. Die blau-weiße griechische flattert stolz ganz oben.

Derweil ging es vor der Abstimmung weiter in der objektiv berichtenden Presse im fernheimatlichen Deutschland. „Schäuble rechnet ab!“ schnaubt das hellenophobe Leitorgan, gleich unter dem Hilferuf des HSV, die Fans mögen doch spenden, dass sie frische Stars in der Mannschaft sehen dürfen. Und gleich neben dem „niedlichen“ Foto, das Miley Cyrus beim Knutschen mit einem Katzenkind zeigt. Das Handelsblatt zeigt sorgenvoll ein Videointerview mit der Juristin Sandra Navidi bei n-tv wie sie hübsch und blond der Tzipras-Regierung Dilettantismus um die Ohren haut und das Land in Anarchie versinken sieht. Die FAZ zeigt ein griechisches Plakat mit dem Portrait des mürrischen deutschen Finanzministers und stellt fest: „Alle hassen Schäuble, niemand hasst Deutschland“. Immerhin, beruhigend. Gleich darunter grollt der Webauftritt des Blattes: „Varoufakis wirft Gläubigern Terrorismus vor“ – hier wird Vertrauen gestiftet.

Die Welt geht im Web einen anderen Weg. Gleich unter dem lächerlichen Führungsstreit der ebenso lächerlichen AfD postiert sie die steinerweichende Armseligkeit eines weinenden Mannes vor einer Bank in Thessaloniki. Titel: „Weinender Rentner berührt die Herzen“. Damit aber der wahre Schuldige am hellenischen Dilemma nicht vergessen wird, geht’s auf der Wirtschaftsseite frontal gegen Alexis Tzipras: „Der griechische Premier, getrieben durch den von ihm entfachten Streit mit den Geldgebern, spart sein Land endgültig in den Abgrund.“

Ich weiß, kann man weder vergleichen noch gibt es nachhaltige Belege für die übermächtige Einflussnahme der Wirtschaft auf Deutschland oder die EU: Aber ein bisschen erinnert mich die ganze Kampagne an die Vorbereitung der CIA für den Putsch gegen Mohammed Mossadegh mit Billigung durch US-Präsident Eisenhower, angeregt durch Englands Winston Churchill im Jahre 1953. Mossadegh war als Patriot der Ansicht, die phänomenalen Gewinne aus den iranischen Ölvorkommen hätten ins Herkunftsland zu fließen und nicht in die Säckel der schürfenden Multis. Um die durch den demokratisch gewählten Regierungschef des Iran vorbereitete Verstaatlichung der Ölförderer zu verhindern, stürzte eine CIA gelenkte „Volkswut“ zunächst das Land ins Chaos und dann das „Volk“ den Präsidenten. Der Schah wurde US-gestützt aus Italien eingeflogen, herrschte mehr über die Regenbogenpresse als über sein Land. Wie’s endete, wissen wir ja.

Wie gesagt, nicht völlig zu vergleichen. Aber wie propagandistisch operiert wird, gibt mir schon zu denken. Reinhard Jacob und seinem Freundeskreis auch. Vielen Griechen ebenfalls.

Engagiert wird für die "Nein"-Position beim Referendum am Sonntag geworben.

Engagiert wird für die „Nein“-Position beim Referendum am Sonntag geworben.

Klaus Herbst schrieb von Chalki:

Manolis Gryllis hat seine Entscheidung schon gefällt. Er wird mit "Ja" abstimmen und sich wie geschätzte Dreiviertel der Menschen auf Chalki gegen Tzipras Linie stellen.

Manolis Gryllis hat seine Entscheidung schon gefällt. Er wird mit „Ja“ abstimmen und sich wie geschätzte Dreiviertel der Menschen auf Chalki gegen Tzipras Linie stellen.

Manolis Gryllis von Chalki kündigt an, mit ja stimmen zu wollen. Hier auf der Insel mein Eindruck werden wohl 2/3 der Wählerinnen und Wähler mit ja stimmen werden. Heute Abend ist hier auf der Insel irgendwie eine depressive Stimmung. Wie geht’s aus? Oxi oder nai??

Warten auf insgesamt 350 Wahlberechtigte. Das Wahllokal in einer Schule auf Chalki. - Foto: Klaus Herbst

Warten auf insgesamt 350 Wahlberechtigte. Das Wahllokal in einer Schule auf Chalki. – Foto: Klaus Herbst

Am Sonntag, 5. Juli 2015, berichtete Klaus Herbst: Das ist das Wahllokal, in einer der Schule von Chalki. 350 Wahlberechtigte geben hier ihre Stimme ab. 85 waren bis Mittag, dort. Manolis Gryllis, der selbst zu „Ja“ tendiert, rechnet mit einer Mehrheit für Oxi (nein). Als wir dort waren, strandete gerade ein Boot mit 150 Flüchtlingen aus Syrien auf der Insel. Wir sind gespannt, wie es heute Abend ausgeht.

Stimmungsvolle Sommernacht auf Chalki am Vorabend der Abstimmung. - Fotos: Klaus Herbst

Stimmungsvolle Sommernacht auf Chalki am Vorabend der Abstimmung. – Fotos: Klaus Herbst

Der Ökonom Gustav Horn schrieb zum Thema auf facebook:

Am Vorabend einer das künftige Europa prägenden Entscheidung einige Gedanken hierzu. Was wir gerade erleben, ist ein nahezu Totalversagen der politischen Eliten Europas. Da gibt es Syriza, die wirtschaftspolitisch die richtigen Schlussfolgerungen aus den Entwicklungen der vergangenen Jahre in Griechenland und im Rest Europas zieht, die aber gleichzeitig von so beschränkter politischer Kunstfertigkeit ist , dass sie es nicht schafft auch nur einen Verbündeten für ihre Politik zu finden. Das Ausrufen eines Referendums zu diesem Zeitpunkt war der Fehler, der den ‎Grexident‬ eingeleitet hat.

Das alles entschuldigt nicht das Versagen des übrigen Euroraums. Starres Festhalten an falschen Regeln ist keine Politik, sondern pure Ideologie. Die falsche Information der Öffentlichkeit in den vergangenen Tagen ist schlicht verwerflich.

Besonders ärgerlich das Verhalten der Bundesregierung. CDU und SPD verraten beide ihre europapolitischen Traditionen. Über den Gräbern von Rhöndorf und Zehlendorf und über den Häusern von Oggersheim und am Bramsee stehen wahrscheinlich schwarze Rauchwolken, aus denen jederzeit Blitz und Donner herunterfahren können. Zu recht.

Die Genesung des Euroraums mittels Austeritätspolitik einleiten zu wollen anstatt sich auf langfristige Reformen und die Belebung des Euroraums zu konzentrieren, ist ein Fehler, dessen wirtschaftliche Rechnung wir derzeit schon zahlen und dessen politische Kosten wir in Zukunft zu zahlen haben werden.

Keine guten Aussichten.

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