Irre Propaganda als Verhandlungs-Begleitung der EU-„Rettungsaktionen“ für Griechen

Derzeit ein verbreitetes Stimmungsbild auf dem Peleponnes: Die deutsche und  europäische Flagge werden halbmast betrachtet. Die griechische steht hoch am Mast. Symbol für die schwindende Akzeptanz für manche aktuellen Äußerungen aus dem Europa-Raum. - Foto: Reinhard Jacob

Derzeit ein verbreitetes Stimmungsbild auf dem Peleponnes: Die deutsche und europäische Flagge werden halbmast betrachtet. Die griechische steht hoch am Mast. Symbol für die schwindende Akzeptanz für manche aktuellen Äußerungen aus dem Europa-Raum. – Foto: Reinhard Jacob

Europa. Als sei es einer wie auch immer gearteten Euro-Gruppe mal darum gegangen irgendwen vor irgendetwas zu retten. Allenfalls ging es darum, heimische Unternehmen, heimische Banken oder heimische Anleger davor zu bewahren, dass sie Geld verlieren. Überhaupt, den Begriff Rettung im Zusammenhang mit Griechenland und dem übrigen Europa zu benutzen, ist schon erheiternd.

Wovor soll Griechenland denn gerettet werden? Vor sich selbst, weil dort die Wählerinnen und Wähler völlig demokratisch abstimmten und eine Regierungsmehrheit bestimmten, die sich in der Folge erkühnt, eigene Ansichten über die Art und Weise möglicher Sanierungsmaßnahmen ihrer leprösen Wirtschaft zu entwickeln? Oder will die EU regelnd eingreifen und verhindern, dass nicht mehr lüsterne Konzerne das Politikfeld Griechenland beackern und sich um das Geld bereichern, was rettende Mit-Europäer den hellenischen Staatskonten überweisen?

Rettet die EU im Zusammenspiel mit der von Fiskalallergie geplagten Christine Lagarde lieber die Steuerhinterzieher auf Festland, Peleponnes und Inseln vor bösartigen Zugriffen bösartiger Rentner, über deren enorme Einkommen ausschließlich sich selbst ernst nehmende Politiker bei jeder sich bietenden Talkrunde neuen Flachsinn verbreiten? Oder gelten die jetzt schon in paneuropäische Sitcoms blubbernden Rettungsbemühungen mit allerlei Rettungsschirmen am Ende doch nur dazu, dass man ins Mehrheits-Europa via hellenophober Medienmacht prusten kann: „Wir haben alles versucht, aber die hören ja nicht auf uns“?

Ich stelle mir nur vor, dass die griechischen Partner aus der Nea Dimokratia (quasi die CDU) entwachsen wären; oder der PASOK (quasi der SPD). Die dürften dilettieren wie sie wollen, solange sie artig dem europäischen Mainstream folgten. Sie liefen aber nie Gefahr, herablassend wie kleine Jungen, die noch das Radfahren im Polit-Zirkus üben, behandelt zu werden. Aber Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis entstammen der sozialistischen SYRIZA, sind überzeugte Linke. Treten bewusst für Griechenlands Interessen und seiner Menschen auf und verweigern sich starrköpfig der resteuropäischen Austerität. Blitzkurzschluss auf der anderen Seite: Die können ja nichts können, sind ja fern des bürgerlichen Lagers.

Yanis Varoufakis, nur zur Erinnerung. Über ihn verbreitet Wikipedia: „Nach dem Erwerb der Hochschulreife an der Privatschule Moraitis in Athen studierte Varoufakis Wirtschaftsmathematik an der Universität Essex und mathematische Statistik an der Universität Birmingham. Zwischen 1983 und 1985 lehrte er zunächst in Essex, wo er zwei Jahre später in Ökonomie promovierte. Von 1986 bis 1988 war er Fellow und Lehrkraft an der Universität Cambridge. Zudem dozierte er an den Universitäten von East Anglia, Glasgow und Sydney, bevor er im September 2000 an die Universität Athen als Professor für Ökonomie berufen wurde. Ab 2013 lehrte er als Gastprofessor an der Lyndon B. Johnson School of Public Affairs der Universität Texas in Austin.“

Und Alexis Tsipras ist Stadtplaner und studierter Bauingenieur. Mir sind durchaus Politiker mit weniger respektablen Vorbildungen bekannt. Die eigentümliche Lehrlings-Attitüde, die gern um diese beiden herum gestrickt wird, hat sicher mehr mit ihrer politischen Richtungsverortung zu tun, als mit realistischen Wertungen.

Diese „irren
Hellenen“ aber auch

Aber die bundesdeutsche Medienlandschaft (bis auf überragende Ausnahmen) schreibt eilends den Beelzebub herbei, wenn es gerade um diese beiden Herren geht. Da gibt’s fotografische Studien von Wolfgang Schäuble, wie er anscheinend der Ohnmacht nahe erschöpft wirkt – natürlich nach voran gegangener Anwesenheitsfolter durch nicht näher benannter Griechen. Ganz nach dem Motto: „Seht, wie diese ,irren Hellenen unseren Finanzminister zugerichtet haben‘!“ Focussiert wird die Zeile formuliert: „Ihm bricht die Stimme: Gezeichnet im TV: So sehr haben Tsipras und Varoufakis Schäuble zugesetzt“.

Zurück zu den „irren Hellenen“: „So verlief die irre Griechen-Nacht von Brüssel“, titelt welt.de. „Irre Griechen-Logik: Schulden sind illegal und müssen nicht zurückgezahlt werden“, rüpelt bild.de. Und bild.de personifiziert das noch: „Varoufakis und seine irre Griechen-Logik“. Und natürlich hat bild.de auch eine praktische Lösung parat: „Irre hoher Verteidigungsetat – Warum verkaufen die Griechen nicht ihre Panzer?“ Nur ein paar Beispiele für die Propaganda-Artillerie, die das Rettungsmanöver Europas begleitet.

Dass deutsche Urlauber hellenische Gastfreundschaft noch immer genießen dürfen, ist allein der vorzüglichen Durchschnittsbildung dort zu danken. Die meisten wissen, dass es in Deutschland zwar meinungsbildende Gazetten gibt, die aber weniger das Bild deutscher Meinungen darstellen, eher das Bild von Vorurteilen, die man gern verbreitet, wenn man sich nicht mit den Verurteilten direkt auseinandersetzen muss.

Ich habe es schon mehrfach erlebt, dass in einem Dorf wie Agios Ilias (nahe Patras) drei Männer vor einem Cafenion saßen und diskutierten leidenschaftlich. Mit meinen rudimentären Sprachkenntnissen schnappte ich z.B. nur den Namen Bion von Borysthenes (um 335 v. Chr. bis 245 v. Chr.) auf, Kyniker, Philosoph.

Okay dachte ich, die haben ein schwieriges Thema drauf. Und grübelte im Fortgehen darüber, wie wohl eine Gruppe ähnlicher Zusammensetzung in Deutschland darauf reagiert hätte, wäre ich ihr mit einem Gespräch über Brecht gekommen. Vermutlich hätten sie den Begriff für die Befehlsform von Kotzen gehalten. Könnte ich ja mal machen, wenn ich solchen Journalistenmüll lese.

Beitragsbild: Damit keine Missverständnisse aufkommen. Der symbolische Fingerzeig gilt der Propaganda, nicht den Griechen. – Foto: Rudi Bernhardt

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