Morgendliche Übelkeitsanfälle nach der Lektüre deutschtümelnder Kommentare

Die ehemalige und  wieder neue Landestelle in Massen. - Foto: Dittrich

Die ehemalige und wieder neue Landestelle in Massen. – Foto: Dittrich

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ (Bertolt Brecht, „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“)

Unna. Das kollektive Gedenken an das Kriegsende vor 70 Jahren ist gerade verstrichen. Da krachen mir angelegen einer morgendlichen Lektüre im Netz Kommentare in die Augen, deren Inhalte ich in der Mehrzahl unglaublich finde. Ein besseres Attribut fällt mir gerade nicht ein. Und das Übelste: Sie stammen nicht von sächsischen Pedigisten. Ihre Autoren sind Leser eines lokalen Portals.

Es handelte sich um Kommentare auf eine Nachricht darüber, dass derzeit 2100, noch in diesem Jahr vermutlich auf 2600 steigend, Flüchtlinge in den Städten und Gemeinden des Kreises Unna aufgenommen werden. Eine schwer wiegende Zahl. Und niemand kann behaupten, dass für die kommunale Ebene die Aufnahme dieser vielen Einzelschicksale problemlos zu bewältigen sein wird. Und hier ein paar Reaktionen. Sie sind wörtlich so gefallen. Namen habe ich ausgelassen. Die bisweilen leichtfertigen Umgangsformen mit der Rechtschreibung und Zeichensetzung habe ich belassen. Ist ja auch Deutsch.

Beginnen wir mit dem profunden Wissen über die je individuellen Lebensverhältnisse:

„Sorry aber ich besitze nicht mehrere tausend Dollar wie diese sogenannten armen Flüchtlinge um mir eine Überfahrt zu erkaufen. Bei diesen Flüchtlingen geht es auch gar nicht um Hunger.“

Interessant auch, was an soziologischer Prognose zu erfahren ist:

„Wenn das so weitergeht dann kannst du als Deutscher bald dein Land verlassen und Platz machen für all die armen Menschen von denen du hier schreibst.
Verfolgst du eigentlich die Politik ? Mach mal die Augen auf und rechne mal 1 und 1 zusammen….dann kommste bestimmt darauf das das Ausländerwachstum in Deutschland nix mehr mit Herzgefühl sondern mit dem Abgrund Deutschlands zu tun hat!“

Wichtig, die Analyse der kommunalen Finanzlage:

„Die städte gehen denn bach runter hauptsache die affen bekommen das geld armes deutschland.“

Zielsichere Ratschläge, wie mensch als einer, der Widerspruch wagt, zur Stammtisch-Vernunft gebracht werden kann:

„Vielleicht müssen sie dir erst ein paar Flüchtlinge in die Bude setzten oder vielleicht muss erst auch nur einer von denen dir oder deinen Töchtern nach dem Leben trachten bis du mal sortierst zwischen Familie und fremden Ausländern 😆“

Auch verschwörungstheoretische Ansätze zum Thema dürfen nicht fehlen:

„es erscheint mir komisch das nur junge männliche Afrikaner vor Hunger und Armut flüchten(obwohl in ihren Ländern nicht mal Krieg ist), wie können sie uns das erklären? Wo sind die Frauen und Kinder? Warum kommen fast nur Muslime als “Flüchtlinge” an, wo bleiben die Christen?“

Und die Erklärung, warum die Verschwörungstheorie anscheinend stimmig ist, folgt sogleich:

„Die legen keinen Wert auf Frauen und Kinder, die Kerle kommen nach Deutschland um sich hier ein schönes Leben zu machen, auf Kosten des deutschen Steuerzahlers.“

Noch ein kurzer Ausflug in die Geschichte der reichsdeutschen Ursprünge des Sozialsystems:

„Und werden hier hofiert, kommen in Hotels unter, bekommen Telefone, Essen, Kleidung und was weiß ich was noch, wären obdachlose, Kinder und Rentner auf der Strecke bleiben. Ein toller Sozialstaat ist das wenn er das fremde mehr versorgt als das eigene, so wird sich das Bismarck nicht gedacht haben.“

Und dann kommt der finale Lösungsvorschlag, dessen bürokratische Bestnutzer vor 70 Jahren mit dem Ende des von ihnen begonnenen Krieges zumindest machthaberisch erledigt wurden. In deutschen Gedanken sind ihre flachsinnigen Überlegungen auch während dieser 70 Jahre stets präsent gewesen.

„Arbeitslager schaffen – und jeden Ankommenden dort mal tüchtig arbeiten lassen. Mal sehen, wieviele bleiben wollen.“

Aber es äußern sich auch vernunftbegabte und empathische Menschen. Lustigerweise sind deren Texte wesentlich ärmer an Fehlern:

„Jedesmal wenn ein Bericht über Ausländer kommt muss ich mit Traurigkeit feststellen das hier mehr Ausländerfeindliche Kommentare gepostet werden als alles andere. Warum ?? Würdet ihr nicht nach Hilfe rufen wenn sowie in unserem Land passieren würde ?? Würdet ihr nicht das Land verlassen wollen wo es keine Zukunft für euch und eure Kinder gibt ?? Würdet ihr hungern wollen ?? Wie würdet ihr euch fühlen wenn euch Menschen so behandeln würden oder über euch so reden würden ?? Versetzt euch einfach mal in diesen Gedanken. Wir alle leben auf ein und denselben Planeten. Einigen von euch geht es wohl zu gut und ihr habt ein Stein wo eigentlich ein Herz hingehört.“

Und einer schnaubt kurz und erkennbar wütend:

„Schnauze ihr Rassisten!“

Da formulierte jemand eine Idee, dass man nur noch weg wolle, aus Deutschland. Dem wurde empfohlen, dies doch zu tun. Angesichts solchen Schrifttums, das bis zum Zeitpunkt meiner Lektüre (9. Mai 2015, 10.30 Uhr) redaktionell unkommentiert blieb, kam mir auch kurz der Gedanke. Aber, keine Sorge, ich lese weiter, bleibe und schreibe.

P.S.: Einen Nachzügler wollte ich euch denn doch nicht vorenthalten. Seine deutlich formulierten Überlegungen bestechen durch die besondere Kenntnis in Rechtsfragen:

„Alle am Besten wieder nach Hause jagen, und das Geld erst einmal für das eigene Deutsche Volk verwenden, das wäre die Richtige Option!Ich sehe es schon kommen, dass wir uns in unserem eigenen Land als Fremde fühlen,und uns alles gefallen lassen müssen!Ist ja Teilweise schon so.Kriegt man von einem “Nicht Deutschen ” Mitbürger einen auf Maul, passiert nichts.Aber wenn unser eins zurück haut, gibt es gleich ne Strafanzeige wegen sogenannten Landesfriedensbruchs!Tolles Deutschland.Mein dank geht besonders, an unsere bisherige/n Bundeskanzler/in, die diese scheiße immer zugelassen haben, und mit Tatkräftiger Hilfe des Dt. Bundestages unser Land in den Abgrund Manövrieren!“

Noch ein P.S.: So langsam reden sie sich in Rage und machen enorm auf Klartext. Besser werden die Beiträge nicht:

„Richtig! DA müßte mal der Verfassungs-/Staatsschutz ran! Siehe Amtseid:
“Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.”
Dem DEUTSCHEN Volke. – Es gab einen, der nahm das wörtlicher – ging aber in die Hose.“

 

 

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