Maifeier in Unna: Sie bleibt es wert, sich in Zukunft immer wieder neu zu erfinden

Klaus Pickshaus vom DGB arbeitet die Kritik der reinen Unvernunft  ab. Bürgermeister Werner Kolter und SPD-Chef Volker König hören auf der Tribüne zu. - Foto: Rudi Bernhardt

Klaus Pickshaus vom DGB arbeitet die Kritik der reinen Unvernunft ab. Bürgermeister Werner Kolter und SPD-Chef Volker König hören auf der Tribüne zu. – Foto: Rudi Bernhardt

Unna. Nun habe ich mir ja ein wenig Zeit genommen, drüber geschlafen und denke, nun sei es mal Zeit, einer von mir sehr verehrten und hoch geschätzten Veranstaltung in der Stadt mal meine unwesentliche Meinung ans Herz zu legen. Ich gebe zu, dass ich mich nun schon seit Jahrzehnten immer mal wieder mit ihr und ihren Begleiterscheinungen auseinander setze. Habe ja auch schon mal an dieser Stelle erwähnt, dass ich vor ca. 30 Jahren die Überschrift formulierte: „Der Mai ist verkommen!“ Anstoß zu dieser Boshaftigkeit gab mir ein Musikkorps, das zum Abschluss einer Kundgebung auf dem Alten Markt nach arbeiterkämpferischen Worten des großen Karl Semmler (einst 1. IG Metall-Bevollmächtigter) munter das Liedchen: „Und im Wald, da sind die Räuber“ anstimmte.

Nein, so schlimm war’s an diesem 1. Mai 2015 nicht. Da spielte zum Abschluss das grandiose Trio “Food for Soul” Sting und andere über den Platz der Kulturen hinter der Lindenbrauerei, und das war der pure Genuss.

Aber, bleiben wir mal bei Karl Semmler. Der füllte mit seiner stentorischen Stimme (Stentor, griechischer Held des trojanischen Krieges, dem man ein besonders vernehmbares Organ nachsagte) den Alten Markt und riss leicht mal 2000 menschliche Ohren von Kundgebungsteilnehmern an seine Lippen.Und angesichts der überschaubaren Besucherzahlen von heute hätte er seine Metaller derart zur Ordnung gerufen, dass sie am nächsten Morgen gleich einen Termin bei Ohrenarzt fest gemacht hätten, wegen Verdachts auf Tinnitus.

Und bleiben wir beim Alten Markt. Die Kundgebung anlässlich des 1. Mai gehört weder in den Kurpark (wo sie deutlich besser besucht war als jetzt) noch auf den Platz der Kulturen, sondern ins Herz der Stadt. Und sie hat in ein kleines Volksfest zu münden, wofür alle Voraussetzungen am Maifeiertag geschaffen vom DGB-Ortskartell worden waren. Denn an Vorbereitung und Inhalt dieses Weltfeiertages der Arbeit war keinerlei Kritik zu üben.

Aber es muss schon plakatiert werden in der Stadt, darauf hingewiesen werden, dass etwas Besonderes los sein wird. Nirgendwo steht geschrieben, dass der 1. Mai nicht beworben werden darf, nirgendwo ist verfasst, dass er eine lupenreine Veranstaltung der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie bleiben muss. Und nirgendwo wird gefordert, dass die Inhalte der jeweiligen Reden gefälligst nur von denen gehört werden dürfen, die ohnehin schon wissen, wo Arbeitnehmern ordentlich der Schuh drückt.

Ja, richtig, zu Karl Semmler Zeiten war alles etwas anders. Daher muss man heute vieles auch anders machen und anbieten. Aber ein Großteil dessen, was der örtliche DGB anbot, war prima, nur am falschen Platz. Und vieles, was Kundgebungsredner Klaus Pickshaus sagte, war richtig, nur falsch dargeboten. Selten habe ich so angeregte Unterhaltungen im Publikum wahrgenommen während jemand auf der Bühne sich an der aktuellen Kritik der reinen Unvernunft abarbeitete. Maireden fordern Demagogen und keine allumfassenden Analytiker, die einer handverlesenen Schar von Zuhörern erklären, was die schon wissen.

Schade, für die schönen Köstlichkeiten aus Osteuropa, schade um schöne Musik von “Food for Soul”, schade um Heinz Bischoffs alljährliches Mühen, der Arbeiter-Gesangskultur mal wieder eine Note der Volkstümlichkeit zu verleihen. Denn ganz anders als ich mit meiner boshaften Überschrift von einst (Karl Semmler hatte sich mordsmäßig darüber aufgeregt) signalisierte – ich bin heute noch stärker als damals davon überzeugt, dass der 1. Mai im nächsten Jahr wieder kommen wird, dass er aktuell bleibt wie vor 125 Jahren. Und ich bin davon überzeugt, dass die Einzelgewerkschaften schon bald wieder dazu in der Lage sein werden, ihre Mitgliedschaft zur Teilnahme an den Kundgebungen zu mobilisieren. Oder sind ihre Chefetagen alle so Bauchnabel bezogen wie Claus Weselsky bei der GDL?

 

1 comment for “Maifeier in Unna: Sie bleibt es wert, sich in Zukunft immer wieder neu zu erfinden

  1. Manfred Hartmann
    3. Mai 2015 at 19:04

    Wenn wie oben nur Werner Kolter (SPD) und Volker König (Doppel-SPD)als Zuhörer zu sehen sind, liegt damit wieder mal eine selbstreferentielles Veranstaltung von SPD und DGB nahe. Vorschlag an den DGB: ein Fest mit Reden und Bob Dylan ähh: Heinz Bischoff usw. in der Innenstadt. Und andere Initiativen, usw. Parteien mit auf die Bühne. Die SPD ist schon lang nicht mehr die einzig legitime Vertretung der Arbeitnehmerschaft. Für eine solche Veranstaltung engagiere ich mich als ver.di-Mitglied 2016 gerne.

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