Hach, was sind wir doch historisch exakt: Die einen gedenken mal dem Bomber Harris, dann dürfen wir auch eine Sedanstraße haben

Erläuternde Texte unter umstrittenen Straßenschildern: Das wäre der einzig bewusste Umgang mit der eigenen Geschichte.

Erläuternde Texte unter umstrittenen Straßenschildern: Das wäre der einzig bewusste Umgang mit der eigenen Geschichte.

Unna. Mit der eigenen Geschichte haben Deutsche im Allgemeinen ja erfahrungsgemäß so ihre genbedingten Probleme. Vor allem dann, wenn sie im Rückblick feststellen, dass die jeweils aktuelle Weltsicht mehrheitlich ziemlich Scheiße fand, was Deutschland zuvor angerichtet hatte. So waren Altnazis besonders eifrig, die Spuren ihres vorherigen Allgegenwart wieder von den übrig gebliebenen Hauswänden zu pickeln. Und sicher waren ungezählte Stasi-IMs unter denen, die frenetisch bejubelten, wenn in irgendeinem ehemals innerhalb der DDR-Grenzen gelegenen Dorf ein Lenin-Denkmal vom Sockel gestoßen wurde. Eilfertig wurden allerorts Straßen umbenannt, so eilfertig, dass bisweilen dem selbstreinigenden Bildersturm die Namen sehr ehrenwerter Menschen und deren Inhalte fortgewischt wurden.

Armin der Cherusker reckt sich noch heute über den Teutoburger Wald, obwohl er eigentlich nichts anderes war als ein Verräter. Nur nicht an dem, was man so hemmungslos nationalstolz sein Volk nennt, sondern an den boshaften Südeuropäern, die ihre gierigen Hände nach toitschem Grund und Boden ausstreckten. Bismarck erhebt sich trotzig über Hamburg und schaut erschüttert aufs Treiben in St Pauli. Weniger aus moralischen Gründen (er war ja selbst ein arger Schwerenöter, wenn’s um die Damenwelt ging), aber weil da ein lustiger Arbeiterverein ebenso trotzig wie er selbst es war, sich versucht im Fußball gegen monarchistischen Reichtum durchzusetzen. Würde ich ihm die heutige Volkssicht auf seine historische Person vorlegen, der alte Mann lachte sich kaputt. Sozialgesetze erließ er, damit der aufstrebende Kapitalismus seine Ruhe hatte und nicht aus gesellschaftlicher Gemeinwesenverantwortung und den „Erzfeind“ Frankreich erfand er, damit solide Motivation entstand, ihn zu bekämpfen. Er ließ ihn bekämpfen, nicht des hehren Zieles wegen, Deutschland zu einen, sondern um den europäischen Hegemonialstaat zu schaffen.

Aber er war unbestritten ein kluger Mann. Herr Bismarck hätte bereits im Augenblick, da die Nachricht von dem grottendämlichen Attentat auf das Thronfolgerpaar in Sarajewo eintraf, Witterung aufgenommen: Hier bahnt sich für ganz Europa etwas an, was wir heute platt Scheiße nennen würden. Er wäre nicht in Urlaub geschippert, wie es der famose Kaiser Wilhelm tat, sondern hätte Diplomatie betrieben. Und er hätte die wirrköpfigen Militärs zur Vernunft gebracht, die einen ganzen Kontinent in den verheerenden Krieg hetzte, dem ein noch verheerender folgen sollte, dessen Begründungsgrundlagen der 1. Weltkrieg schuf. Allerdings hätte er auch viel klüger einen Frieden eingeleitet, als die Alliierten es taten, als sie in Versailles mit der bekannten Härte an Werk gingen. Bismarcks Friedensschluss nach 1870/71 mit den politischen Erben Napoleons III. war weitsichtiger und fairer.

Langer Rede eigentlicher Sinn: Mit wachsendem Amüsement verfolge ich nun schon seit Beginn der Debatte um Straßennamen in Unna die um sich greifende Leidenschaft, mit der sie geführt wird. Und noch amüsierter bin ich darüber, dass nun ständig gegeneinander aufgerechnet wird: Die haben aber auch für Bomber Harris ein Denkmal gesetzt. Die haben aber auch ihre Rue d’Austerlitz. Und hier regt man sich über die Sedanstraße auf? Einschub: Austerlitz liegt in Mähren in der Nähe von Brünn (Brno), heißt heute Slavkov u Brna, hat also mit Deutschland nie etwas zu tun gehabt, allenfalls mit dem Kaiserösterreich, aber beides hatten“wir“ ja mal heim ins Reich geführt.

Geschichte, namentlich die eigene, lässt sich nicht einfach aus dem öffentlichen Bild radieren. Wer glaubt, es tun zu müssen, der radiert die Lehren, die man aus Geschichte ziehen muss, für spätere Generationen gleich mit weg, bevor sie gezogen werden können. Klar, nicht alle Namen dürfen bleiben. Hitler, Göring oder anderen unseligen Führern die Patenschaft für Straßennamen zu geben, wäre absurd. Aber niemandem ist verboten, zu erläutern, nach wem diese aktuell umstrittenen Straßen benannt wurden. Jahnstraße (und dann ein Schildchen mit dem Text: Friedrich Ludwig Jahn, auch „Turnvater Jahn“ genannt (* 11. August 1778 in Lanz (Prignitz); † 15. Oktober 1852 in Freyburg (Unstrut)) war ein deutscher Pädagoge und glühender Antisemit). Oder Dorotheenstraße (Schild: Sophie Dorothea, Königin von Preußen, war die Mutter Friedrichs des Großen, auch Alter Fritz genannt), damit nachfolgende Generationen nicht auf die Idee kommen, Dorothea Weidner, die legendäre frühere Vorsitzende der CDU-Fraktion in Unna hätte als Patin herhalten müssen. Obwohl, meine verstorbene mütterliche Freundin das durchaus verdienen würde.

Ist schon klar, nicht alles ist bierernst gemeint. Ernst ist mir aber der Hinweis an jede und jeden: Die Nachgeborenen haben es nicht verdient, unwissend zu bleiben, warum ihre Vorfahren Wert darauf legten, dass es eine Sedanstraße geben möge. Niemandem wäre damit gedient, diese völlig neu zu benennen. Mir wäre es angenehmer zu erfahren, dass das eine Schlacht des Deutsch-Französischen-Krieges war, der vom Aggressor Preussen an der Spitze des Norddeutschen Bundes mit einer manipulierten Depesche in die Wege geleitet wurde und 183.652 Menschen das Leben kostete, 138.871 davon auf französischer Seite. Ja, ja, ist zu lang, aber auf die Zahl der Kriegstoten würde ich nicht verzichten wollen.

Beitragsbild: Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871) im Spiegelsaal von Schloss Versailles, Historiengemälde von Anton von Werner aus den 1880er-Jahren  – Museen Nord / Bismarck Museum: Picture. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wernerprokla.jpg#/media/File:Wernerprokla.jpg

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