Und wenn es nichts Neues gibt, dann heucheln wir eben Aktualität

Die Szene war ebenso grotesk wie Parade-beispielhaft. Ein Privat-TV-Medium leistet sich Aktualität heuchelnd einen Nachrichten-Einschub – sozusagen zwischen Suppe und wissenschaftlicher Mordaufklärung. Betroffener Mimik richtet eine Ankerfrau der späten News neugierig-erwartend Fragen an eine jugendlich wirkende Kollegin in den sichtbare kühlen französischen Alpenrand. Was es denn Neues gäbe und welche aktuellen Entwicklungen berichtenswert seien. Es folgen als Antwort aus der europäischen Ferne einige Belangloskeiten, die zwar für den Augenblick neu anmuten, aber erwartbar für jedermensch waren. Und die Antwort auf den Wunsch nach Informationen über neue Entwicklungen bleibt die vorörtliche Reporterin schuldig. Was soll die Ärmste auch sagen? Natürlich kennt sie auch keine solchen. Aber, wir waren ja so aktuell.

Zum wiederholten Male Bilder vom fassungslosen Bürgermeister in Haltern. Immer wieder Nahaufnahmen von Trümmerteilen in den Alpen. Und diskret verhüllte Angehörige auf dem Weg in Flughafengebäude … in Spanien oder Düsseldorf. Bilder sind austauschbar. Nach den Aneinanderreihungen journalistischer Hilflosigkeiten (oder handelt es sich gar um journalistische Inkompetenz?) geht es nach überschlafener Nacht weiter. Der ach so famose Focus veröffentlicht „erste Bilder“ via facebook: der schrottige Voicerecorder aus der Absturzmaschine, „völlig verbeult“ wie Focus so treffend feststellt; Kerzenansammlung vor dem Halterner Gymnasium; besonders pietätvoll Aufnahmen von einem letzten Twitterchat zwischen Freundinnen, von denen eine mit den Airbus-Insassen zu Tode kam.

Fast traue ich mich nicht. Aber ich will es dennoch wagen: Franz-Josef Wagner, der zahnlückenhafte Briefeschreiber bei Bild, er wurde schwerst verhauen, weil seine heutige Post sich an die Opfer des Absturzes richtete – sicher, mensch hätte auch eine andere Art und Weise des Umgangs mit der Tragödie wählen können. Aber ich nehme zu seinen Gunsten mal an, dass er insgeheim seine eigene – und nicht nur die boulevardeske – Zunft ins Visier nahm, als er solche Sätze schrieb:

„Wie war die Stimmung in dem Flugzeug, das in den Tod flog?

Ich hoffe, sie waren glücklich, bevor sie starben.

Nette Stewardessen …

Es ist so furchtbar. Ich will kein Wort mehr darüber schreiben.“

Wagners Schreiben endet an dieser Stelle tatsächlich. Hätten manche Kolleginnen und Kollegen ihn doch beim Wort genommen.

Auf der Medienplattform DWDL.de ist heute zu lesen: „Der verhältnismäßige Journalismus ist von uns gegangen, weil sich Medien jeder Art an der Emotionalisierung berauscht haben und in einer formatierten Medienwelt nicht mehr die tatsächliche Nachrichtenlage vorgibt, wie viel es zu berichten gibt. Der Inhalt hat der Form zu folgen.“ Wohl wahr.

Aber, nicht nur die Medien selbst wirren durch die so plötzlich neu zu gewichtende Tagesaktualität. Ein Mautminister namens Dobrindt lässt sich in einem Flieger mit einem Außenminister namens Steinmeier ablichten – geradewegs auf dem Weg hin zum Unfallort. Was sie dort wollen, bleibt ihr Geheimnis. Tags drauf kündigt sich die Chefin selbst an, kommt mit Kraft, sie merkeln ebenfalls nicht, dass sie allenfalls mit ihrer Entourage im Weg stehen können. Aber für ein Bild mit Hollande…

Spekulationen im Minutentakt. Warum wartet eigentlich niemand ab, bis zum Beispiel der Voicerecorder final ausgewertet ist. Vermutlich um hinterher sagen zu können: Meine Annahme war die Richtige.

Es geht auch anders: Rangar Yogeshwar postete auf facebook: „(…) In der ‚Nacht‘ wurde ich mehrfach von Talkshows und Sendern angerufen. Nein ich will und kann nicht über die Ursachen des Absturzes spekulieren. In solchen Momenten gibt es für mich nur ein wirkliches Mitgefühl: Schweigen….“

 

1 comment for “Und wenn es nichts Neues gibt, dann heucheln wir eben Aktualität

  1. 25. März 2015 at 17:33

    …sehr gut kommentiert, Herr Bernhardt!
    Ich kann noch was dazupacken, wegen der spektakulären Trauer und geschäftstüchtigen Heuchelei:

    Zwei Fakten über das Sterben:
    Ich fühle die Trauer mit den Angehörigen und engen Freunden, wenn ein Mensch stirbt. Ich bin umso betroffener, je näher ich am Tode eines Menschen beteiligt bin.
    Ein Flugzeugabsturz mit vielen Toten ist tragisch, passiert aber mit den verschiedensten Gründen ohne dass jemand dafür verantwortlich gemacht werden kann.
    Eine allgemeine Trauer darüber ist für mich aber Heuchelei, wenn wir wissen, dass allein schon – jede 6. Sekunde ein Kind unter fünf Jahren an Unterernährung stirbt, also
    – 10 Kinder in jeder Minute
    – 600 Kinder in jeder Stunde
    – 15.000 Kinder an jedem Tag
    – 5,6 Millionen Kinder in jedem Jahr

    Es wäre leichter als bei Flugunfällen, diese Todesfälle durch Hunger zu verhindern.

    Das wird aber offiziell nicht genügend geplant und verantwortlich durchgeführt.
    Dafür kann aber jemand verantwortlich gemacht werden.
    Der Hunger in der Welt nimmt zu. Aus den aktuellsten Schätzungen der
    FAO -The State of Food Insecurity in the World 2008- geht hervor, dass 923 Millionen Menschen Hunger leiden…
    Hohe Nahrungspreise sind die wichtigste Ursache.
    Die FAO schätzt, dass zwischen 2003 und 2007 die Anzahl unterernährter Menschen um 75 Millionen gestiegen ist.
    Und jetzt?

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