Auch 70 Jahre danach ist Erinnerung an Grauen und Terror verursacht vom Volk eine Bürgerpflicht

Unna. Heute um 14 Uhr werden wieder viele Unnaerinnen und Unnaer sich im Ratssaal des Rathauses einfinden und gemeinsam mit Vertretern von Politik und Verwaltung der Momente gedenken, an denen vor 70 Jahren das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde. Armeeärzte versorgten damals mühsam die Menschen, die von den Tötungsmaschine, die 1,1 Millionen Opfer forderte, verschont worden waren. Sie waren zu schwach, den Umstand der eigenen Rettung wahrzunehmen, dämmerten fast emotionslos in eine Befreiung aus jahrelangem Terror, den herrenrassige Unmenschen ihnen zugefügt hatten.

Schülerinnen und Schüler der Peter Weiss-Gesamtschule werden inhaltlich die Gedenkstunde im Ratssaal gestalten. Junge Menschen, die sich erinnern ließen, die zeigen werden, wie wichtig solche Erinnerungen sind, die mit ihren unterschiedlichen Darbietungen das Gefühl erzeugen wollen, dass Lehren aus einer Vergangenheit nur dann gezogen werden können, wenn man bereit ist, das Geschehene während dieser Vergangenheit als geschichtliche Tatsache erinnernd zu bewahren.

Da wollte es die Bertelsmann Stiftung unlängst mal genau wissen. Zu Tage trat eine gruselige Wahrheit, die ich zwar erwartet hatte, aber mich dennoch zutiefst erschreckte. 58 Prozent der Toitschen wollen 70 Jahre nach Auschwitz einen „Schlussstrich“ unter die Massenvernichtung von Menschen jüdischen Glaubens, unerwünschter ethnischer Herkunft, ebenso unerwünschter politischer Überzeugung oder bis heute nicht bedingungslos tolerierter Homoseualität ziehen. 81 Prozent der in der Studie Befragten wollen, dass dieser Teil der gesamtdeutschen Geschichte „hinter sich gelassen wird“.

Passt ja prima: In Sachsen, einst Kernland einer toitschen Republik, die Antifaschismus nicht nur als ihre Erfindung ansah, sondern auch das Alleinvertretungsrecht dafür beanspruchte, in diesem Sachsen mit geringstem Anteil an Zuwanderung protestieren Pegidisten gegen mutmaßlich Überfremdung und wollen ein Abendland vor Islamisierung retten, von dem sie nicht wissen, was dieses Abendland eigentlich historisch darstellt. Ein Sammelbecken toitscher Akademiker genannt „Alternative für Deutschland“ versucht es erstmal mit Währungsressentiments und schwenkt flott auf Verbreiterung des inhaltlichen Spektrums um, hoffend bei den Pegidisten Beifall zu finden. Versteher aus allen möglichen unverständlichen Gesellschaftsecken machen Volkes Stimme bei den marschierenden Montagsmalern aus, die ja gern mal skandieren, dass sie es seien … das Volk. Merkwürdig, wie plötzlich ein 80 Millionen Volk seine Siedlungsdichte eindampfen kann. Und 58 Prozent wünschen einen Schlussstrich: Oświęcim hat es ab heute nie gegeben.

Passt ja ebenso prima: Deutsche Publizisten, Namensnennungen verkneife ich mir, schreiben hochintellektuellen Blödsinn in Richtung z.B. Israel, oder sinnieren nach dem Motto „wird man ja noch aussprechen dürfen“ über „gidas“ und andere Unterströmungen. Sie fädeln mit ernsten Worten ein in die Arme jener, denen sie eigentlich kraftvoll in dieselben fallen müssten. Und gut 90 Jahre danach können wir wieder „Lügenpresse“ als Unwort des Jahres küren, den Kampfbegriff der paläolithischen Konservativen gegen eine freie Presse und die Demokratie. Und was das Schlimmste ist: Selbsternannte Linke benutzen ihn leichtfertig auch und glauben dir nicht, dass sie freiwillig Goebbels in den Mund nehmen. Und 58 Prozent wünschen einen Schlussstrich: Oświęcim hat es ab heute nie gegeben.

Nein!!!!

Solche Striche darf es in einer Geschichte keines Landes dieser Welt geben. Ebenso wenig kann es Vergleiche zwischen den Untaten einzelner Länder geben, die herhalten müssen, um die eigenen Schreckensjahre zu relativieren. „Nun muss aber auch mal Schluss sein!“ Solche Sätze hörte ich aus dem Munde meiner Eltern, der gesamten Verwandtschaft, vieler Lehrer (-innen gab es damals nicht so häufig). Das war nicht einmal 20 Jahre nach Kriegsende. Solche Sätze waren damals schon falsch, sie wurden mit der Zeit nicht richtiger, auch wenn ihr Inhalt stets neu formuliert wurde. Wer vergessen will, verdrängt. Und wer sich heute über die furchterregende Anzahl von Toten in Syrien, im Irak oder anderen Ländern erschüttert zu Recht fühlt, dem sei in Erinnerung gerufen, dass dies eine „Tagesration“ im Archipel der Konzentrationslager war. Und das solle man nun endlich mal ruhen lassen?

Nein!!!!

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