„Jürgen Fohrmann vom Kupferberg“ oder die ersten Schritte von Max von der Grün in Heeren

von Heinrich Peuckmann

Anfang April 1951 kam Max von der Grün aus Bayreuth ins Ruhrgebiet. Hintergrund war, dass es hier Arbeit gab und man vor allem im Bergbau viel Geld verdienen konnte. Dass es ihn nach Heeren verschlug, war eher dem Zufall geschuldet. Bei seiner Bewerbung hatte man ihm die Namen verschiedener Zechen vorgelesen, die ihm alle nichts sagten, bis er den Namen Königsborn hörte. „Königsborn“, urteilte von der Grün, „das klang schon besser.“

Auf Zeche Königsborn II/V in Heeren, damals noch eine selbstständige Gemeinde, ist er dann als Schlepper angefangen. Zuerst hat er im Ledigenheim gewohnt, dem so genannten „Bullenkloster“. Die harte Arbeit unter Tage war für den 25jährigen von der Grün so anstrengend, dass er sich seine neue Heimat, in der er ursprünglich nur zwei, drei Jahre verbringen wollte, dann aber bis zu seinem Lebensende blieb, in den ersten Wochen gar nicht ansehen konnte. Nach der Arbeit fiel er erschöpft ins Bett, selbst zum Lesen, das er so liebte, fehlte ihm die Kraft. Erst nach drei Wochen, an einem Sonntag, hat er sich aufgemacht, Heeren zu erkunden und sofort sind ihm zwei Menschentypen aufgefallen, die er aus seiner fränkischen Heimat nicht kannte.

Da gab es einmal die merkwürdigen Männer, die im Garten oder auf der Straße standen, ausdauernd den Kopf im Nacken hielten und den Himmel absuchten. Gewundert hat er sich, was es denn da so Spannendes zu entdecken gab, bis er es merkte. Die Männer warteten auf ihre Tauben, sie waren Taubenzüchter und hatten einen Teil ihrer „Duven“ zum Wettkampf geschickt. „Auf Reise geschickt“ wie das unter Fachleuten heißt, ein Ausdruck, den von der Grün schnell lernte. Die anderen waren ältere Männer, die in Gruppen, meistens in Lodenmäntel gekleidet, durchs Feld liefen, von Hunden umkreist. Das waren die Invaliden, von denen die meisten Steinstaub hatten und denen bei frischer Luft das Atmen leichter fiel. Die „Hustemänner“, wie sie genannt wurden. Noch so ein Ausdruck, den er kennen lernte und später in seiner Literatur verwandte.

Die Arbeit unter Tage war gefährlich, von der Grün hat das hautnah miterlebt, denn zweimal ist er verschüttet worden. Das war zu der Zeit, als er schon zum Hauer aufgestiegen war, und beide Unglücksfälle waren Erlebnisse, die sein Leben entscheidend geprägt haben. Er hat sie nämlich dadurch verarbeitet, dass er anfing zu schreiben. Sein erster Roman, geschrieben am Küchentisch seiner Wohnung, denn er war inzwischen verheiratet, entstand als Folge dieser Unfälle und er hat einen schönen Titel: „Männer in zweifacher Nacht“. Männer also, die schon unter Tage in einer Art Nacht waren und dazu in einer zweiten in ihrem Gefängnis hinter herab gestürztem Gestein.

Jetzt machte sich bezahlt, dass er zeitlebens gerne und viel gelesen hat, Stefan Zweig vor allem, den er sehr liebte, aber ein routinierter Autor war er dadurch noch lange nicht. Bei allen möglichen Leuten im Dorf, beim Lehrer, beim  Pfarrer Heinz Georg Weber, dem er später in seiner Erzählung „Am Tresen gehen die Lichter aus“ ein literarisches Denkmal setzte, hat er sich Rat geholt. Und als der Roman fertig war und er einen Verlag suchte, hat ihm jemand den entscheidenden Tipp gegeben. Er solle sich an Fritz Hüser wenden, hat der Ratgeber ihm vorgeschlagen, den Direktor der Dortmunder Stadtbibliothek. Tatsächlich hat Hüser ihm einen Verlag besorgt, den Paulus-Verlag in Recklinghausen. Hüser hat ihm außerdem erzählt, dass er mehrere schreibende Arbeiter kenne, ihre Bücher sammle und gemeinsam sind sie dann auf die Idee gekommen, eine Autorengruppe zu gründen, die „Dortmunder Gruppe 61“, die längst ein Stück bundesrepublikanischer Literaturgeschichte geworden ist. Josef Reding, Günter Wallraff, Angelika Mechtel und Bruno Gluchowski gehörten zum Beispiel dazu. Von Heeren aus, mit Dortmunder Hilfe freilich, erging also ein folgenreicher literarischer Anstoß.

In seiner Zeit als Heerener Bürger hat Max von der Grün noch einen zweiten Roman geschrieben, einen seiner besten, der damals sogar für einen großen Skandal sorgte. „Irrlicht und Feuer“ heißt er und beschäftigt sich mit dem beginnenden Zechensterben und der Kumpanei zwischen Gewerkschaftern und Zechenbaronen. In einem Romankapitel schildert von der Grün dabei die Arbeit eines Kohlenhobels, der neu beim Herausbrechen von Kohle eingesetzt wurde. Und weil die Technik noch nicht ausgereift war, kam es immer wieder zu Unfällen. Einmal, so schildert es von der Grün, reißt die Kette, peitscht durch den Streb und schlägt dem Steiger den Kopf ab. Als dieser Roman im Vorabdruck in einer Illustrierten erschien, klagte die Firma Westfalia Lünen gegen ihn.

In der Darstellung glaubte sie, ein Produkt ihrer Firma erkannt zu haben und wollte Schadenersatz in Höhe von etwa 100.000 DM. Eine Summe, die der Bergmann von der Grün niemals hätte aufbringen können. Zuerst versprach ihm die Gewerkschaft Rechtsbeistand, doch als die Verantwortlichen in anderen Kapiteln die Gewerkschaftsschelte von Jürgen Fohrmann entdeckten, ließen sie von der Grün fallen. Ganz allein stand er gegen die Lüner Firma vor dem Gericht in Hamm und wurde frei gesprochen. Gott sei Dank für ihn und auch für die Literatur, denn wer weiß, was andernfalls aus ihm geworden wäre. Aus dieser Zeit blieb bei ihm ein Misstrauen gegen die Gewerkschaft hängen. Sonst als Arbeiter und später als freier Schriftsteller immer ein solidarischer Kämpfer für die Rechte der Lohnabhängigen, ein mustergültiger Gewerkschafter sozusagen, blieb von der Grün der Organisation Gewerkschaft gegenüber immer distanziert. Nicht unverständlich nach so einem Erlebnis.

Der Roman hatte noch eine weitere Folge, denn die Defa, die DDR-Filmgesellschaft, beschloss, ihn zu verfilmen. Der kleine Heerener Bergmann war entsprechend stolz und bat um Sonderurlaub, um sich die Dreharbeiten anzusehen. Aber der wurde ihm nicht gewährt, schon das allein war eine kleine Schikane. Als er dann aber unentschuldigt der Arbeit fern blieb, um doch zu Dreharbeiten zu gehen, wurde es zum Anlass genommen, den unbequemen Kritiker los zu werden. Er bekam die Kündigung und eine andere Arbeit hat er nicht gefunden.

So wurde von der Grün zwangsläufig freier Schriftsteller, hatte anfangs die Sorge, ob er wirklich mit seiner Familie vom Schreiben leben könnte und hat es am Ende geschafft. Geholfen hat ihm dabei später sein Bestseller, das Jugendbuch „Die Vorstadtkrokodile“, das er gerne scherzhaft als seine Altersversicherung bezeichnete. In unzähligen Schulen wurde und wird es als Klassenlektüre gelesen. So ist es in seinem Leben zweimal passiert, dass sich aus einer unglücklichen Situation, aus Arbeitsunfällen und Kündigung, etwas Positives entwickelt hat. Es kommt eben immer darauf an, was man aus einer Situation macht. Max hatte die Kraft, seinem Leben daraus eine erfolgreiche Richtung zu geben.

„Irrlicht und Feuer“, sicher einer der bekanntesten Arbeiterromane in der deutschen Literatur, spielt, wie man an vielen Ortsangaben merken kann, in Kamen und es ist bedauerlich, dass in der Stadt selbst davon so wenig Kenntnis genommen wird.

Als Jürgen Fohrmann, die Hauptperson, gefragt wird, wo er wohne, nennt er die neue Siedlung ganz in der Nähe der Autobahn. Und weil dort direkt eine Zechenbahn vorbeifährt, die ihm als Schleichweg zur Zeche dient, kann man schnell auf den Kamener Kupferberg stoßen. Alle Angaben treffen auf den Autoren zu.

Die Zechenbahn führt von Kamen über Heeren bis nach Bönen. Heute ist sie ein schöner Fahrrad- und Wanderweg. Dort trifft Jürgen Fohrmann die Frau, die von ihrem Mann regelmäßig verprügelt wird, die sich bei ihm seelischen Beistand holt und wegen der er zweimal seine Schicht verpasst, weshalb er selber kurz vor der Kündigung steht. Parallelität der Ereignisse also. Andere Orte, etwa die Kneipe, in der die große Gewerkschaftsversammlung abgehalten wird, findet man in Heeren. Und manche Orte werden direkt genannt: Kamener Markt, der Koppelteich usw. Für Kamener Leser  eine kleine Fundgrube.

Mit Oberstufenschülern am Gymnasium in Bergkamen habe ich den Roman vor ein paar Jahren gelesen. Das Titelbild der Taschenbuchausgabe mit dem Bergmann, der einen Presslufthammer in der Hand hält, hätte sie zuerst abgeschreckt, sagten sie nachher. Aber als sie sich dann eingelesen hätten in die Welt, die für die meisten die Welt ihrer Großeltern war, hätten sie den Roman als spannend empfunden. Gerade in unserer Region ist hier also ein literarischer Schatz zu heben, der nicht am Interesse junger Leute vorbeigeht.

Mit Beginn seiner Arbeit als freier Autor verließ Max von der Grün Heeren und wechselte nach Dortmund, wo er zum bekanntesten Künstler der Stadt wurde. Meistens waren die Politiker dort stolz auf ihren Autor, manchmal aber auch ein wenig vergrätzt. Dann hatte Max mal wieder sehr laut seine Meinung zu diesem oder jenem Problem gesagt, und die konnte kritisch und sehr eindeutig ausfallen, wenn es um die Belange von Arbeitern oder die Verteidigung kultureller Standards ging. Was aber nichts an der Wertschätzung von der Grüns änderte. „Was glauben Sie, was der mir schon alles ins Gesicht gesagt hat“, hat mir mal Dortmunds unvergessener Ex-OB „Günna“ Samtlebe gesagt. „Aber ich schätze ihn. Gut, dass wir so einen haben!“

Heeren ist Max von der Grün  aber auf seine Weise treu geblieben. Als ich seine Witwe Jenni fragte, was sie davon hielte, die Zechenbahntrasse „Max-von-der-Grün-Weg“ zu nennen, war sie sofort einverstanden. „Daher ist Max so gerne mit dem Fahrrad gefahren“, sagte sie. Und so heißt sie denn heute auch, beginnt an der Autobahnbrücke, wo Fohrmann die Frau traf, und führt an der Heerener Zeche vorbei bis nach Bönen. Ein passender Ort, um an ihn zu erinnern, denn als aktiver Bergmann war Max das am Ende selber gewesen: ein Zechenbahnfahrer unter Tage. Die Bergleute verwenden aber nicht diesen Begriff, sie sagen „Akkufahrer“.

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