Schwerte bleibt der freundliche Ort an der Ruhr und braucht keine Nachhilfe in Erinnerungskultur

Heinrich Böckelühr

Heinrich Böckelühr

Schwerte an der Ruhr, ein freundlicher Ort, durch dessen Grenzen sich der Fluss in eher sanften Schwüngen in Richtung des Kerngebietes bewegt, dem er seinen Namen gab. Dieses Schwerte erregt unversehens Aufmerksamkeit in überraschender Nachrichtentragweite. Nahezu europaweit wird der kaum aufsehenerregende Ort bekannt, weil dort die Verantwortlichen um Bürgermeister Heinrich Böckelühr entschieden hatten, dass sie Flüchtlinge in einem Gebäude unterbringen wollen, in dem früher ein Waldorf-Kindergarten beheimatet war. Und in dunklen deutschen Zeiten, also noch viel früher wurde auf dem selben Gelände ein KZ-Außenlager betrieben.

Plötzlich waren die Mitglieder der Schwerter Stadtfamilie im Fokus der Aufmerksamkeit: Mangelndes Fingerspitzengefühl wurde ihnen attestiert, pietätlos seien sie. Die Gemeinde der Political Correctness hatte urplötzlich ein Objekt ausgemacht, an dem man auslassen konnte, was den zahlreichen „gidas“ nicht persönlich gesagt werden kann. Sie sind zwar nicht so zahlreich wie sie gern tun, aber an zahllosen Orten vertreten.

Der Blätterwald geriet ins Rascheln, als habe ein Sommertornado ihn strapaziert, vielerorts wurden die Beiträge mit aufregenden Bildern tapeziert, die den Eindruck erweckten, Buchenwald habe an der Ruhr gelegen, alle möglichen Gewissen wurden beklampft, als habe es sie zuvor nie gegeben und müssten frisch aus dem Koma geweckt werden. Carsten Morgenthal, des Bürgermeisters bewährter Troubleshooter, fand seinen Namen von Südwest Presse bis Die Welt zitiert und machte angesichts der geschwollenen bundesweiten Bestbewusstseins das einzig richtige: Er lud zu einer Pressekonferenz ein, die das Schwerter Rathaus zuvor nicht erlebt hatte. Und der üppig besuchten Versammlung erklärten die Verantwortlichen dann noch einmal, was da vor sich gegangen war – zum Mitschreiben. 

Unter dem Strich zwar ein notwendiger Schlusspunkt eines Prozesses, den man auch mit einem Kropf vergleichen kann, ein Vorgang, über den William Shakespeare ein Drama verfasst hätte und was im Märchen ein Streich der Schildaer genannt worden wäre: Nur mit dem Unterschied, dass nicht Schwerte, sondern andere die Schildaer Gene bei sich trugen.

Die Städte und Gemeinden im Lande haben ihre liebe Not, ausreichend Raum zu schaffen, um Flüchtlinge unterzubringen und – wir sind zur Winterzeit – ein ordentliches Dach über dem Kopf zu sichern. Unna kann ein Lied davon singen. Landesinnenminister Ralf Jäger wird in der Südwest Presse zitiert: „Ralf Jäger (SPD) sprach von einer ’sehr sensiblen Angelegenheit‘. Das Gebäude sei ‚historisch belastet‘.“ Der für seine Sensibilität bekannte Kommunalminister machte sich erkennbar für die Nöte der NRW-Gemeinden in diesem Zusammenhang mit der Aufnahme von Flüchtlingen stark.

Ich schrieb eingangs bewusst, dass die Menschen im ehemaligen Waldorf-Kindergarten untergebracht werden sollen. Denn es wird ja wohl keine historische Belastung dadurch entstanden sein, dass spielende Kinder zu viel Lärm gemacht hatten. Das Gebäude hatte seinen Standort allerdings auf dem Gelände des früheren KZ-Außenlagers. Die Baracken von damals standen nicht mehr alle, sie wurden teils wieder aufgebaut, nach dem Krieg. Und das Gelände des Eisenbahnausbesserungswerkes gehörte bis 1986 dem Bund. Dessen Aufgabe hätte es genau genommen sein müssen, jeden Kriegsfolgeschaden zu beseitigen. Hat er aber nicht, weil er die heutigen Schäden nicht voraus ahnen konnte.

Schwertes Bürgermeister Heinrich Böckelühr erläutert geduldig noch einmal, dass die Schwerter Entscheidung zur Unterkunft für Menschen in Not endgültig sei. Und: Die Stadt habe keinen Nachholbedarf an Erinnerungskultur, vielmehr könne gerade dafür als Anschauungsobjekt genommen werden. Recht hat er. 

Beitragsbild: Internationale Pressekonferenz im Schwerter Rathaus. Sogar der persische Dienst der BBC, eine russische Nachrichtenagentur aus Berlin, der ORF, epd, KNA,  hatten sich gemeldet. – Foto: Stadt Schwerte

1 comment for “Schwerte bleibt der freundliche Ort an der Ruhr und braucht keine Nachhilfe in Erinnerungskultur

  1. Carsten Ruessel
    17. Januar 2015 at 20:02

    Genau, Rudi. Ich habe Camo und Heinrich gestern für ihr breites Kreuz über Facebook gelobt.

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