Jürgen Girgensohn wäre 90 Jahre alt geworden: Visionär der Schulpolitik, Großmeister der Toleranz, Lernender aus der eigenen Geschichte

Jürgen Girgensohn - da war er noch stellvertretender Landrat im Kreis Unna. - Foto: Kreis Unna

Jürgen Girgensohn – da war er noch stellvertretender Landrat im Kreis Unna. – Foto: Kreis Unna

Kamen/Kreis Unna. Dieses Jahr 2014 hat zwar nur noch ein paar Tage des historischen Daseins vor sich, es brachte während dieses Daseins nicht allzu viel Erfreuliches zu Wege, ebenso wenig konnte es hoffen machen, dass die Menschheitsmehrheit alsbald mir einem Platzregen der Erkenntnis beglückt werden wird. Durch einen lieben Freund aufmerksam gemacht, will ich indes noch in diesem Jahr an einen Menschen erinnert haben, der nahezu typisch für seine Zeit lebte, der verglichen mit anderen Zeitgenossen geradezu atypisch viel aus der Vergangenheit für sich und seine Umgebung zu lernen vermochte und der als menschlicher Typ nicht nur mir, sondern vielen anderen in der SPD, die ja bekanntermaßen meine Partei ist, in bester Erinnerung blieb: Jürgen Girgensohn, einst als Nachfolger des legendären Hubert Biernat Landrat des Kreises Unna, ehemals als Kultusminister des Landes NRW und Macher einer Ära der modernen Schulpolitik, wie sie nach ihm nur noch ein Hans Schwier ansatzweise im Lande auf die Beine stellen konnte. In diesem Jahre 2014 wäre er – genauer gesagt am 21. August – 90 Jahre alt geworden.

Er kam in Kassel zur Welt. Er näherte sich bereits früh dem östlichen Rand des Reviers, denn das Abitur legte er in Soest ab. Aber bevor er den Kreis Unna enterte, vergingen noch einige Jahre. Die musste er im Krieg verbringen, mit der unerfreulichen Tätigkeit als SS-Rottenführer an der Ostfront, wo er Panzer befehligte. „Wir waren in der Ausbildung wirklich auch abgerichtet worden, wenn Sie so wollen, mit manchmal sehr brutalen Mitteln“, erzählte er später, bereits als bekannter Politiker, im TV dem Interviewer zu dem Teil seines Lebens, aus dem er nie ein Versteckspiel machte, sondern stets versuchte, das zu bewältigen, was er furchtbarer Vergangenheit  mit sich trug. Das musste auch Götz Aly (Journalist und Historiker) erfahren, der meinte seinerzeit enthüllen zu können, was Jürgen Girgensohn indes selbst immer offen diskutierte und schon lange aus allem versuchte für sich und andere Lehren zu ziehen.

Hubert Biernat und Alfred Gleisner, zwei kluge Sozialdemokraten aus dem Kreis Unna, sie nahmen nach dem Krieg Jürgen Girgensohn mit einigen anderen als „Rekruten“ im Kampf für eine neue, bessere Zeit in die SPD auf. Sie sagten sich, dass doch nicht alle jungen Menschen nun verloren sein können, nur weil sie im 12-jährigen Reich groß geworden waren. Viele Gespräche waren allerdings nötig, die beiden Demokratie-Strategen davon überzeugen können, dass jemand die Mühe wert war. Jürgen gelang dies. Sehr zum Glück der heimischen Sozialdemokratie.

Nach dem Studium an der PH Dortmund war er zunächst Volksschullehrer (so hieß das damals – war so eine Art Hauptschule) später in Bergkamen-Oberaden Realschullehrer, in der Stadt, in der Alfred Gleisner mal Stadtdirektor werden sollte. Bereits 1950 war er der SPD beigetreten, zwei Jahre später saß er im Rat der Stadt Kamen, ab 1956 im Kreistag und von 1966 bis 1984 gehörte er dem Landtag in Düsseldorf an. 13 Jahre war er Kultusminister in den Kabinetten von Heinz Kühn und Johannes Rau. Korrigiert mich, wenn nötig, aber in meiner Erinnerung gibt es niemanden in der Republik, der diesen Job so lange machte, so kampfeslustig führte und so erfolgreich (okay, da bin ich sicher nicht in Übereinstimmung mit jeder und jedem) den Stab weitergab wie es ihm gelang. Dem inzwischen zum Quäker konvertierten Sozialdemokraten, dem Großmeister der Toleranz, dem Visionär einer Schulpolitik, die zumindest Nordrhein-Westfalen fit ins kommende Jahrzehnte führen sollte.

Jürgen Girgensohn überstand mehr Verletzungen auf dem holperigen Weg durch die Interessengruppen als jeder andere; wischte sich immer wieder den Mund ab und ging von Neuem los, egal, wer gegen seine Ideen war. Ob Beamtenbund, Konservative, Philologenverband, GEW oder die Mitglieder der eigenen Partei und deren Lustlosigkeit, Mandate aufs Spiel zu setzen, wo es doch nur um „Schulkampf“ ging. So was kann man sich eigentlich ja durchs gepflegte Nichtstun ersparen. Allzu deutlich zeigte sich diese Lustlosigkeit, als es um die Kooperative Schule ging. Mit dem einfältigen Schlachtruf „Stopp KOOP!“ zogen die Bewahrer der pädagogischen Werte des Abendlandes in die Schlacht und gewannen den Kampf gegen eine Schulform, die viele zwar nicht näher beschreiben konnten, aber auf keinen Fall haben wollten. Das mit „KOOP“ ging daneben, aber die Gesamtschule setzte er durch und seine Wahlheimat Kamen begann 1968 mit der größten Integrierten Gesamtschule Deutschlands.

Die GEW-Mitglieder, die später während ihrer Dienstzeit an Protesten gegen den NATO-Doppelbeschluss teilnahmen und von ihrem Dienstherr offensiv nicht disziplinarisch verfolgt, sondern beschützt wurden, sollten heute noch rosa werden ob der Tatsache, dem Mann mal zornig wegen inhaltlicher Differenzen gegenübergetreten zu sein. Er hatte noch allzu gut in Erinnerung, wie er selbst bei Ostermärschen auf der Straße war und was ihn dazu bewogen hatte.

Ich selbst lernte vor allem eines an ihm kennen: sein unerhörtes Personengedächtnis. Einmal begegneten wir uns nach Jahren bei einem Termin in Holzwickede, Jürgen im Spitzenpolitikerdauerstress: „Hallo, wie geht es Dir“, rief er fröhlich und ich beriet in mich hinein: „Ist das nun Polit-Professionalismus oder erkennt der dich tatsächlich?“ Wenige Sätze später erleuchtete es mich: Das war alles echt. Und als Hermann Heinemann meine Parteiausweisung entschlossen anging, aber unsere Truppe erschreckend große Solidarität erzeugte, schickte Hermann Heinemann seinen Vertreter als Bezirksvorsitzenden (1967 bis 1984). So nach dem Motto: „Jürgen, du kennst doch alle im Kreis Unna, bring das mal in Ordnung.“ Und Jürgen kam, machte es ziemlich kurz und fragte: „Habt ihr mit Kommunisten zusammen gearbeitet?“ „Nö“, lautete die Antwort, und wir skizzierten die Vorgänge um damals missgebilligte Unterschriften. „Okay, dann lasst uns mal ein Bier trinken“, beschloss der raumfüllende Mann und erweiterte seine Stellungnahme zum eigentlichen Kernthema: „Weiß ich denn noch, für was und bei wem ich bisher schon alles unterschrieben habe?“

Oder als ich ihn zum letzten Male traf, da lebte er schon lange in England (Nottigham). Jürgen Girgensohn stapfte energisch vom Bahnhof Unna die Treppen zur Oberstadt hoch, wollte zu einem Parteitermin. Wieder diese einnehmende Art jemanden zu begrüßen, und wieder mein festes Gefühl, der Mann weiß, wen er vor sich hat, das ist kein professioneller Austausch von Floskeln.

Über handverlesene Zusammentreffen mit manchen Menschen freue ich mich noch heute mit gewissem Stolz. Die mit Jürgen Girgensohn gehören dazu.

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