Fast nicht vorstellbar: Ein Unnaer Wochenmarkt ohne Brunhilde Sieger hinter ihrem Stand

Unna. Mehr als 40 Jahre war sie erfrischende Erscheinung eines jeden guten Wochenmarktmorgens, über 40 Jahre lang erscholl ihre Stimme mit anpreisenden Vokabeln zunächst über den Neumarkt, dann über den Alten Markt, nach mehr als 40 Jahren sagte sie nun ihrem angestammten Wohnzimmer adé: Brunhilde Sieger, die von Freunden und Nahestehenden zärtlich „Bruni“ gerufen wird, festes Inventar des Wochenmarktes, Garantin für frisches Gemüse und flott-freche Sprüche, geht mit 73 Lebensjahren in die Rente.

Der letzte aktive Markttag fiel ihr spürbar schwer. Selbst beim Abschiedsfoto mit Horst Bresan, Marktmeisterin Astrid Fröb und ihrem Nachfolger auf dem gewohnten Standplatz, Daniel Heyden, war ihr angeborenes Lächeln fast eingefroren. Sie sagte nicht nur vielen alten Freunden, zahllosen Stammkunden, den Kolleginnen und Kollegen nebenan Tschüß, sie nahm auch von einem zwar sauanstrengenden beruflichen Alltag Abschied, der für Brunhilde Sieger aber mehr war als ein Job: Er war ihr bisheriger Lebensinhalt.

Brunhilde Sieger erarbeitete sich im Laufe der Jahre die Stammrolle als zweibeinige Kummerstrippe, als gesellschaftlicher Seismograf, als stets zum Zuhören bereite Vertrauensperson hinter den Möhren, neuen Kartoffeln oder Lauch. Sie wusste immer um den Seelenzustand ihrer Kundschaft, kannte das aktuelle Zipperlein jedes Haustieres und vom Reißen im Knie bei Frauchen oder Herrchen war sie sowieso informiert. Und wenn mal etwas Ernstes war, jemand aus der Kundschaft ins Krankenhaus musste, dann brannte schon mal eine Kerze am Stand. Brunhilde denkt an Euch!

Ihre Geduld ließ nie den gleichnamigen Faden reißen, wenn jemand ihr darüber erzählen wollte, wie es ihm in der Vorwoche ergangen sei oder welches Ergebnis der jüngste Besuch beim Doktor gehabt habe.

Allerdings konnte sie leicht mal die Langmut verlieren, wenn etwas gegen den Sieger’schen Gerechtigkeitssinn gegangen war, wenn jemand den nötigen Respekt vermissen ließ oder es sich von Seiten der Obrigkeit zu zeigen drohte, dass Sorgen oder Wünsche der Marktbeschicker nicht ernst genug genommen wurden. Dann lernte jedermensch, und das galt auch hin bis zum Bürgermeister, Brunhildes hartnäckige und unerschütterliche Art der Verhandlungsführung kennen.

Apropos, Bürgermeister Werner Kolter hatte es sich schon lange bevor er Amt und Titel von der Wählerschaft verliehen bekam, zum Prinzip gemacht, genau hinzuhören, wenn Brunhilde Sieger während des Einkaufs-Smalltalks die eine oder andere Bemerkung fallen ließ. Sie war eine der Stimmen, die ihm immer etwas von der Gesamtstimmung der Menschen in seiner Heimatstadt verriet. Und gern erzählt er davon, was nun, nach dem letzten Arbeits-Tag von Brunhilde Sieger anekdotisch rüber kommt. Sie, die ungefähr parallel mit mir aus Dortmund nach Unna kam und blieb, steckte eben mit jeder Faser in der Stadt und merkte auch als Billmericherin, was die Unnaer Bevölkerung so umtrieb.

„Erst mal in Urlaub“, so lautet ihr Plan. Nach Cuxhaven. Aber dann geht’s wieder mit Ehemann Raimund nach Unna. Da, wo „Bruni“ hingehört. Und wenn sie mal Lust hat (wird wohl häufig sein), dann schlendert sie bestimmt über den Wochenmarkt und kauft etwas ein. Und dann guckt sie auch bei Daniel Heyden vorbei, der auf ihrem Platz steht. Mit ein bisschen Wehmut, aber auch gehöriger mütterlicher Strenge, falls sie etwas kritikwürdiges erspähen sollte. Bis bald, Brunhilde!

Beitragsbild: Ein schönes Foto zum Abschied – Marktmeisterin Astrid Fröb, der junge Nachfolger Daniel Heyden, die etwas wehmütige Brunhilde Sieger und Horst Bresan, Chef des Stadtmarketings. – Foto: Stadtmarketing Unna

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