Na, das ist mal ein krasser Sanierungsvorschlag: Kunstwerke aus dem Osthaus-Museum verkaufen

Hagen. Im Sommer stach mir beim Einkauf ein Plakat ins tränende Auge, worauf die famose Gruppierung namens „Hagen aktiv“ die Forderung aufstellte, man möge sich doch durch Verkauf des Schumacher-Museums und der mit ihm verbundenen Kosten entledigen. Ziemlich überflüssiger Gedanke weil ohnehin nicht bis an sein finanzielles Ende durchdacht, dachte ich damals und schrieb es auch. Und, was ich noch dachte: Sie sind zwar aktiv, attestieren sie sich selbst, aber wie so häufig ist bloße Aktivität noch weit entfernt davon, vernünftige Gedanke zu entwickeln.

Nun dachte ich, das wär’s gewesen und nach Jörg Dehm, der mal Ferdinand Hodlers „Der Auserwählte“ über Christie’s vom Hohenhof auf den internationalen Kunstmarkt werfen wollte (10 Millionen Bruttoerlös taxierte man damals) und den aktiven Hagenern käme niemand mehr auf Schnapsideen wie den Verkauf von Hagener Kunstwerken. Weit gefehlt: Nun muckt doch tatsächlich ein hoch erfahrener Politiker wie Dietmar Thieser auf und merkt an, man könne ja den Verkauf von Magazin-Beständen des Osthaus-Museums ins Auge fassen, von Werken, die weder ein Hagener kennt noch so schnell zu Gesicht bekäme. „Um den maroden städtischen Haushalt zu sanieren, hat Haspes Bezirksbürgermeister Dietmar Thieser einen Verkauf von Kunstwerken aus dem Karl-Ernst-Osthaus-Museum ins Spiel gebracht. Darüber müsse man angesichts des Spardrucks und der von den Sportvereinen geforderten (gemeint ist abverlangt) Hallennutzungsgebühr diskutieren: ,Es darf keine Tabus geben.’“ So wird er im WAZ-Portal „derwesten.de“ zitiert.

Flugs hat er eine populäre Vokabel zur Hand, weil er mit dem energischen und Headline verdächtigen Schritt „Transparenz“ in den Magazin-Kellern herstellen wolle, flugs auch noch einen griffigen Vergleich, nicht weniger populär: Nur 7,8 Millionen Euro stecke die Stadt derzeit in die Sportförderung, 28,7 Millionen in Wissenschaft und Kulturförderung. Und nun wolle man die Sportler auch noch mit Nutzungsgebühren für ihre Sportstätten belasten. Wenn das nicht kracht.

Ich schrieb unlängst an anderer Stelle, dass es glatter Blödsinn sei, sich mit der Einführung von erfahrungsgemäß ziemlich erlösschwachen Sportstättennutzungsgebühren eine unselige öffentliche Diskussion an den Hals zu laden. Da isse! Klar, es verbietet sich, Ausgaben für Schule, Sport oder Kultur gegeneinander aufzurechnen. Wer so was beginnt, der wird mit der gestaltenden Politik alsbald aufgeben müssen, weil dann nämlich jede Gruppe mit subjektiv für unverzichtbar gehaltenen Einzelinteressen mit demselben Unsinn begänne.

„Es darf keine Tabus geben“, mahnt Dietmar Thieser via Medien. Natürlich nicht, aber dann gilt diese Aussage auch umgekehrt. Es darf dann auch keine Tabus bei der Sportförderung geben, es darf keine bei öffentlichem Nahverkehr geben, es darf keine bei den Grünflächen geben … usw. Wo hören wir denn da auf? Beim Hasper Kirmeszug? Ja, unbedingt, denn der ist meiner Ansicht nach ein unverzichtbares Stück Hagener Lebens. (Das meine ich ernst!)

Aber, Kunst, Kultur, innovative Sprünge in einer städtischen Lebensqualität, auch sie gehörten stets zu Hagen. Karl Ernst Osthaus, dessen Museumsmagazin Dietmar Thieser versilbern will, war ein Mann, der mit dem Geld seiner Bankiersfamilie viel Seliges für Hagen anstellte. Er begründete die Folkwang-Bewegung, schuf eine unvergleichliche Sammlung, ließ den Hohenhof entstehen, bescherte dem Bahnhof eine noch heute unschätzbare Glasmalerei von Jan Thorn Prikker … Renoir, Matisse, van Gogh, Czézanne, Christian Rohlfs füllten seinen Bekannten- und Freundeskreis. Und ohne ihn und die Muttererde Hagens gäbe es in Essen kein Folkwang-Museum.

Nein, wir dürfen keine Tabus setzen. Wir dürfen vor allem keine Angst davor haben, den götzenanbetenden Schwarzzahlenverehrern in Berlin zu sagen, dass sie es sind, die Städte und Gemeinden, namentlich in NRW wortbrechend veröden lassen, dass sie es sind, die ihnen Lasten auferlegen, die der Bund zu tragen hat, dass sie es sind, die versuchen den eigenen finanziellen Sumpf trockenzulegen und gleichzeitig den Kommunen das Wasser bis zum Halse stauen.

Täte der Bund zeitnah das, was er den Städten und Gemeinden nach der zurückliegenden Wahl versprach, müsste in Städten wie Hagen niemand auf so blöde Ideen kommen, Sportstättengeühren als Zwietracht sähendes Folterinstrument zu erheben, müsste andererseits auch kein Sportsfreund sich auf die unfaire Vergleichsdiskussion einlassen, wieviel Geld für was und wen ausgegeben wird in einer einstigen Kulturstadt von europäischem Rang.

Langer Rede kurzer Sinn: Macht lieber Vollfront gegen den Unsinn im Bund als darüber nachzudenken, was man alles versilbern könnte, das dann aber unwiederbringlich weg sein wird.

Beitragsbild: Kunst selbst am Hagener Bahnhof. Jan Thorn Prikkers Glasmalerei wurde von Karl Ernst Osthaus gestiftet und überstand den Krieg fast unversehrt.

 

2 comments for “Na, das ist mal ein krasser Sanierungsvorschlag: Kunstwerke aus dem Osthaus-Museum verkaufen

  1. 6. Dezember 2014 at 14:59

    Lieber Rudi. Gut getroffen.
    Das unselige Gezerre um Sportnutzungsgebühren währt hier seit Jahrzehnten. Als Sportredakteur habe ich hautnah miterlebt, wie sich die Vereine tagtäglich sorgen und mühen, ihr so wichtiges Angebot aufrecht zu erhalten. Zugleich sehen diese Ehrenamtler dann aber, wie im Kulturbereich Millionen verrudert werden. Auf lokaler Ebene – und nicht durch den Beschiss aus Berlin. Thieser hat sich immer stark für die Vereine gemacht und ohne ihn wäre es längst viel schlimmer gekommen.
    Ich finde übrigens den Ansatz, mehr Eintritt im Theater zu verlangen, hoch interessant. Nicht für das junge Theater, sondern für das klassische mit Oper und Ballett. Guck Dir mal an, wer da hingeht. Alte, durchweg bestens situierte Leute, die wir ohne Not hoch bezuschussen. Geh mal hin: Es ist einer der wenigen Orte, wo Du hinterher noch sagen kannst: „Astrein: Ich bin der Jüngste hier…“

    • 6. Dezember 2014 at 15:40

      Ja, das sind wir wieder völlig beisammen: Klar können bei allen kulturellen Angeboten angemessen hohe Eintrittspreise verlangt werden. Die Angebote kosten ja schließlich ordentlich Geld, also kann man da auch ordentlich Geld fordern. Da zu knausern ist sozialdemokratischer Unsinn. Dietmar Thiesers Einsatz für den Sport in hohen Ehren. Aber den Verkauf von Kunstwerken halte ich für Unfug. Ich gestehe Dietmar aber zu, dass er da kräftig provozieren will. Sportstätten sind vorzuhalten als Teil der kommunalen Daseinsfürsorge, nirgendwo haben Gebühren in diesem Zusammenhang bisher das Gewünschte gebracht, meist netto sogar das völlig Unerwünschte, nämlich Mehrkosten. Die sozial und jugendpolitische Rolle des Sports sollte nie unterschätzt werden.

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