Joe’s Story (8): Von einem Tag zum anderen die Realität aufs Neue bewältigen

Hugh Joseph Amour – sein Bekanntenkreis in Legion, sein Freundeskreis vielköpfig, die Zahl der Namen, welche genutzt werden, ihn zu rufen, ist allerdings überschaubar: Joe, Joseph, manche nutzen auch Dottore oder Geraldo (warum auch immer ausgerechnet der, bleibt ein Rätsel). Den hübschen Vornamen Hugh mag niemand nennen, obwohl sein Träger, der am 10. Oktober 1947 das grelle Licht Zansibars erblickte, auch zu diesem gut passt. Joe ist Vater dreier Kinder (33, 31 und 15 Jahre alt), ist Doktor der Medizin und bereichert mit seiner schlanken Figur und various Basecaps und Hüten seit langer Zeit das Unnaer Stadtbild. Jeden Abend nimmt er bei Valerio Panareo im Alimentari ein Glas Weißwein-Schorle zu sich und lässt im Kreise seiner Freunde den vergangenen Tag noch einmal vorüber ziehen, gern berichtet er, was er daheim anschließend sich noch als Abendmahl zubereiten möchte. Denn Joe spricht gern mit Freunden, erzählt halt einfach gern. In unregelmäßigen Abständen haben Joe und ich – vor allem aber Joe, da er viel Arbeit mit biografischen Aufzeichnungen hat – seine Geschichte, die Geschichte eines Mannes erzählt, der einem großen Traum hatte, der große Kämpfe focht, dass er diesen Traum einmal verwirklichen konnte. Es ist eine gesamteuropäische, eine gesamtdeutsche und inzwischen eine Unnaer Geschichte, die es lohnt, dass sie aufgeschrieben werde. Sie beginnt in Zansibar, einer schönen Insel vor der ostafrikanischen Küste, die nach Joe’s Geburt mit Tanganjika auf dem Festland zu Tansania vereinigt wurde. Hier begann der Lebensweg, der Joe zunächst in die DDR und später bis zu uns nach Unna führen sollte. Wir hatten einige Monate Pause eingelegt. Joe hatte viel zu tun, oft war er daheim in Ostafrika, um dort wichtige Weichen für die Zukunft zu legen. Ich hatte auch viel zu schaffen, unter anderem, dass ich mich an das ruheständlerische Leben gewöhne. Aber dann wies ich Joe darauf hin, dass erkennbar noch viel Interesse daran herrsche, wie sein Lebensweg weiter gehe. Und so begann er wieder damit, aufzuschreiben – wie es damals war, nachdem seine erste Frau viel zu jung starb, was ihn umtrieb, wie er mit der schlimmen Situation fertig wurde:

Es war der schwerste vorstellbare Schlag für mich, für uns  zu Hause. Kirsten war nicht mehr bei uns. Meine Frau, die Mutter meiner beiden Söhne. Es entstand eine unfassbare Leere. Wir konnten sie nicht füllen, sie war mit nichts zu füllen.

Papa Joe und Dennis. (Fotos: Privat)

Papa Joe und Dennis. (Fotos: Privat)

 

 

 

 

 

 

 

Wir, das waren damals gerade wir 4 Männer. Meine beiden Kinder, sie waren ja noch klein, vier und zwei Jahre alt, und ein Neffe. Auch er war noch sehr jung. Ach ja, und ich. Es war schön, sie bei mir zu haben. Es war wichtig, dass sie mit ihre Alltagsansprüchen halfen, mich abzulenken. Sie konnten einen Teil meines seelischen Vakuums füllen, einen Teil diese verödeten Raumes füllen. Die Präsenz meiner Kinder und des Neffen gab mir, zwang mich quasi, Kraft zu finden und die Aufgaben Tag für Tag zu bewältigen.

Als erstes musste ich Rückführung meiner toten Frau in ihre Heimat Halle an der Saale zu Wege bringen. Dort sollte sie dann auf dem Gertruden-Friedhof beigesetzt werden. Ich durfte sie auf ihrem letzten Weg nicht begleiten. Ein Beamter des Ministeriums für innerdeutsche Beziehung hatte mich gewarnt. Er riet mit ernster Miene davon ab, die Reise mit den Kindern zu diesem Zeitpunkt anzutreten. Die beiden Jungen waren nach drüben geltendem Recht noch DDR-Staatsangehörige. So dass die Gefahr groß war, dass die DDR-Behörden sie mir entzogen hätten. Also blieben wir notgedrungen daheim in Beckum. Nur mein Neffe Reuben nahm reiste zur Beerdigung nach Halle und kehrte wohlbehalteh nach Beckum zurück. An dem Nachmittag der Trauerfeier fand in meinem Geburtsort in Zanzibar eine große Messe in der Anglikanischen Kathedrale statt.

Joe bei der Arbeit: als Notarzt in Beckum.

Joe bei der Arbeit: als Notarzt in Beckum.

 

 

 

 

 

 

 

Nach zwei Wochen Urlaub kehrte der Alltag zurück. Ich musste wieder arbeiten gehen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, wo ich die Kinder während dieser Zeit unterbringen sollte. Als alleinerziehender Vater war ungeübt.

Ich glaube nicht zu sehr an Zufall. Eher daran, dass es vom Zeit zu Zeit es so etwas wie rettende Engel gibt. Wir saßen zu viert beim Mittagstisch, und da klingelte das Telefon. Am Apparat erklang die Stimme einer unbekannten Frau. Etwas leise, aber sehr angenehm. Sie stellte sich mit ihrem Namen vor und nannte ihren Beruf: Sie war Krankenschwester und arbeitete als Nachtschwester in dem Krankenhaus wo ich auch tätig war.

Ich war ihr bisher noch nicht begegnet, kannte sie nicht persönlich. Sie erzählte mir, dass sie auch zwei kleine Kinder habe  und daher gern mit der Nachtarbeit aufhören wolle. Sie bot sich an, weil sie von meinem Dilemma gehört habe,  meine beiden Jungen für ein kleines Entgelt mit zu betreuen. So könne us doch beiden geholfenn werden.

Die Stimme war mir so sympathisch, dass ich beschloss, am gleichen Tag die Familie in Westkirchen zu besuchen. Zu meiner grenzenlosen Freude herrschte unter uns sofort eine sehr freundliche Atmosphäre. Die vier Kinder verstanden sich großartig, und schon am nächsten Tag nahm ich ihr Angebot an. Die frisch gebackene Tagesmutter holte meine Kinder nach dem Kindergarten ab und nahm sie mit zu sich nach Hause. Sobald mein Arbeitstag beendet war, fuhr ich nach Westkirchen und holte dann meine Jungen wieder nach Hause.

Am Tag war ich voll beschäftigt im Krankenhaus und abends genauso eingespannt daheim. Ich musste die Abendstunden nutzen, um den Haushalt bewältigen. Es blieb keine Zeit darüber nachzudenken, was und wie es passiert ist. Leben von einem Tag zum anderen, viel mit de und für die Kinder tun. Da war das stringente und tagtäglich an neuen Realitäten orientiert, was ich von Oma Monica, der taffen Frau aus Nyasaland (heute Malawi), einst gelernt hatte, sehr hilfreich. Ich kann ihr im Nachhinein dafür gar nicht genug danken.

(wird fortgesetzt)

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