Was wohl denkt ein Lehrer, ein Autor, wenn es tönt: „Ich lese nicht!“

Ist es ein rührendes Bild? Ein lächerlich-weltfremdes? Oder ein zum Verzweifeln trauriges? Ein alter Mann sitzt an seinem Schreibtisch und puzzelt an einem Kanon für deutsche Literatur. Soll es ein Mörike-Gedicht mehr sein, dafür ein Trakl-Gedicht weniger? Und was darf es von Büchner sein? Marcel Reich-Ranicki sitzt an seinem Schreibtisch und stellt einen Literaturkanon zusammen. Ein mehrbändiges Werk entsteht, das Vorbild für den Deutschunterricht sein soll.

Ach Gott, denke ich, der ich als Lehrer und Schriftsteller nicht nur nichts gegen ein Grundwissen an Deutscher Literatur habe, sondern mich nach Kräften bemühe, so viel wie möglich davon zu vermitteln, wenn der Reich-Ranicki nur wüsste. Wenn ihm das Leseverhalten heutiger Jugendlicher nur in Ansätzen klar wäre, was dann?

„Ich lese nichts“, sagen mir immer mehr Schüler am Gymnasium. „Dafür haben wir keine Zeit.“

Es sind nicht Sonder- oder Hauptschüler, die dies vertreten. Es sind Gymnasiasten. In meinem zweiten Beruf als Autor komme ich bei Lesungen viel rum an Schulen und erfahre, dass es anderswo genauso ist.

Empathie fehle, sagen Polizeipsychologen, wenn irgendwo jemand brutal von Jugendlichen misshandelt wurde. Wie denn auch? Soll Mitgefühl aus den Nachmittagsshows kommen, in denen sich das Prolovolk anschreit, in Stummelsätzen stammelt und eine differenzierte Fäkalsprache pflegt? Oder aus den Computer-Ballerspielen? Mitleiden lernt man durch Geschichten, auf die man sich einlässt und in die man sich ganz hineinfühlt, mit eigener Phantasie. Durch Lesen also.

Wie äußert sich dieser Verlust an Lesekultur im Schulalltag? Ich nehme jemand dran beim Vorlesen, und er bittet mich, doch einen anderen vorlesen zu lassen. Beharre ich auf meiner Anweisung, folgt oft ein so furchtbares Gestotter, dass niemand etwas von dem Text versteht. Bei Sachtexten ist es besonders schlimm, sie sind abstrakter, nicht so anschaulich.

Hinzu kommt der fehlende Wortschatz. Wie soll derjenige, der wenig oder gar nichts liest, einen differenzierten Wortschatz ausbilden? Eine Novelle wie die „Judenbuche“ von der Droste muss ich inzwischen fast so übersetzen wie einen Englischtext. Was ist eine Lerche, was heißt  „selbstvergessen“, was „melancholisch“? Entsprechend dürftig sind die Aufsätze, die sie schreiben.

Nächstes Beispiel. Jedes Jahr in der achten Klasse machen wir das Projekt „Zeitung“. Kritisches Zeitungslesen soll vermittelt werden.

„Bringt morgen bitte eine Zeitung mit“, sage ich, „dann schauen wir uns an, wie sie aufgebaut ist.“

Früher war das kein Problem, heute bietet mir ein Drittel meiner Schüler das Werbeblatt vom Mittwoch an, das sie allen Ernstes für eine Zeitung halten, denn eine andere haben sie nicht. Ich bin deshalb längst dazu übergegangen, so etwas wie Elternerziehung zu betreiben. Tatsächlich bestellen einige Eltern, nach meinen Ermahnungen bei Elternabenden, dass ein Abiturient die politischen Zusammenhänge kennen müsse, eine Zeitung. Sie verschenken auch nach meinem Ratschlag zu jedem Geburtstag und zu Weihnachten ein Buch.

Nach meiner persönlichen Erfahrung ist es jener Teil der Mittelschicht, der in den siebziger Jahren durch Bildung den Aufstieg geschafft hat, der heute dieses damals erworbene Gut nicht an seine Kinder weitergibt. Ihren sozialen Aufstieg demonstrieren sie lieber durch den Erwerb von Statussymbolen. Es ist, als hätten wir damals Tünche aufgetragen und darunter hätte sich nichts, aber auch gar nichts verändert. Natürlich ist das nicht der einzige Grund für das Verschwinden von Lesekultur, ich weiß das. Es ist ein ganzes Bündel an Gründen, nicht zuletzt der unüberwindbare Einfluss der visuellen Medien.

Dort, bei Facebook oder beim Schreiben einer SMS, wird eine eigene Abkürzungssprache in Denglisch gepflegt. „Hdl, hab dich lieb.“ Sehr geistreich, sehr tief schürfend. Da in diesen Foren alles schnell geht, bleibt eben keine Zeit für komplexe Sprache. „Lesen“, sagte mir mal ein Schüler, „geht mir zum langsam.“ Genau, denke ich, meine Schüler haben durch die neuen Medien ein anderes Zeitgefühl für Sprache. Eines, das auf Tempo ausgerichtet ist, Lesen und Denken aber verlangen Zeit und Geduld.

Die Erfahrungen sind deprimierend, trotzdem, wir Lehrer halten dagegen. In der Klasse 6 beteiligt sich meine Schule jedes Jahr am Lesewettbewerb des Deutschen Buchhandels. Feierlich in der Aula wird der Jahrgangssieger bei einem Wettlesen vor allen Schülern der Klassen 6 ermittelt. Urkunden werden verteilt, dazu Buchgeschenke. Wir veranstalten Autorenlesungen und bringen unsere Schüler mit Schriftstellern ins Gespräch. Als Autor bin ich selbst oft an Schulen unterwegs, weigere mich, bei Lesungen mit Puppen zu hantieren, wie es inzwischen einige Kollegen tun, sondern lese betont mit Spannungsbogen und beantworte jede erdenkliche Frage. Ich will Momente schaffen, in denen nur die Konzentration auf den Text zählt.

Längst führe ich Lesestunden ein. Wir sitzen im Klassenraum, lesen abschnittsweise aus einem Buch, ich stelle Fragen, einfache zuerst, dann auch solche, die nur durch Beachten einzelner Wörter beantwortet werden können. Die Schüler finden sich ein in die Atmosphäre des Nachdenkens und beginnen tatsächlich, die Situation zu genießen. Wo erleben sie das noch, einfach nur zu lesen? Ganz in Ruhe, ohne „Action“.

Und was ist mit dem anderen Teil, den ich nicht erreiche? Der erzählt munter bis zur Oberstufe weiter, dass er nichts lese. Aber dann geht es los. Die Oberstufe hat immer noch den Status der Wissenschaftspropädeutik. Jetzt müssen schwierige Sachtexte gelesen und in ihrer Differenziertheit verstanden werden. Und plötzlich geraten die Nichtleser in Panik.

Also sitze ich wieder da und entwickle das nächste Notprogramm. Wie analysieren wir Sachtexte? Wo ist die Ausgangsthese, wie wird sie argumentativ belegt (mit Beispielen, Statistiken usw.), wie lautet die weitergehende These? Thesen rot markieren, Beispiele gelb. Und manchmal habe ich sogar den einen oder anderen Erfolg. Zum Beispiel: Ich übernehme einen Deutsch-Leistungskurs. Zweiundzwanzig junge Damen sitzen vor mir.  „Merkt ihr eigentlich, dass ich hier der schönste bin?“ Es dauert mir viel zu lange, bis sie den blöden Gag verstehen. Immerhin bricht er das Eis für ein erstes Gespräch und viele geben zu, was ich schon ahnte. Dass sie nämlich den Leistungskurs Deutsch gewählt haben, obwohl sie wenig lesen. Ich beschließe, eisern das vorgeschriebene Programm durchzuziehen. Es ist, auch nach meinem Willen, ein Literaturkanon im Kleinen. Der „Faust“ ist dabei, wir lesen die Romantiker, das Junge Deutschland und so weiter. Ich gucke nicht nach links und rechts, ich ziehe durch. Zwischendurch immer wieder mit meinen „Lesestunden“. Und siehe da, kurz vor dem Abitur  sagen sie mir, dass sie lesen. Auf ihrem Nachtschränkchen – auch so eine Empfehlung von mir – liege jetzt immer ein Buch.

Wie gesagt, es sind Gymnasiasten, von denen ich das höre. Was soll mein Freund, der an der Hauptschule unterrichtet und es nicht fertig kriegt, dass ein Teil seiner Klasse den kleinsten Zeitungsartikel liest, dazu sagen?

Wir erleben eine Spaltung der Gesellschaft, in den kleineren Teil, der liest und den größeren, der – nein, nicht der nicht liest – sondern der es gar nicht mehr richtig kann. Traditionen gehen verloren, eine Abkopplung von der eigenen Kulturgeschichte erfolgt.

Soll mir keiner sagen, dass das nicht erwünscht wäre. Was folgt denn daraus für ein Menschenbild? Leicht beeinflussbare Konsumenten, unfähig, sich gegen die plattesten Modeströme zu wehren, weil ihnen jegliche Verankerung in einem kulturell-geschichtlichen Bewusstsein fehlt.

Früher wollten wir als großes Erziehungsziel den kritischen Schüler, den mündigen Mitbürger ausbilden. Davon höre ich schon lange nichts mehr in den vollmundigen Erklärungen gegenwärtiger Schulminister. Lesen, so viel ist sicher, müsste der kritische Mitbürger auf jeden Fall können. Er müsste es auch gerne tun.

Nachsatz: All meine Bemerkungen sind ungerecht. Ungerecht gegenüber jenen Schülern, die gerne lesen. Ungerecht gegenüber jenen Eltern, die auf Lesekultur bei ihren Kindern achten. Die gibt es noch und ich freue mich über sie.

Aus: Heinrich Peuckmann -Ich lese nichts. Autumnus Verlag Berlin 2014

Heinrich Peuckmann, geb. 1949 in Kamen. Besuch des Aufbaugymnasiums in Unna, Abitur 1968. Viele Jahre lang Lehrer am Gymnasium in Bergkamen. Daneben rege Schreibtätigkeit. Inzwischen fast 50 Einzelpublikationen: Romane, Erzähl- und Gedichtbände, Kinder- und Jugendbücher. Zuletzt erschienen der Ruhrgebietsroman „Saitenwechsel“ und der Krimi „Angonoka“, der sich mit den üblen Machenschaften der Tiermafia auseinandersetzt. Peuckmann hat auch einen Roman geschrieben, der in Unna spielt, weil er sich dieser Stadt sein Schulzeiten verbunden fühlt. „Heimkehr“ heißt der Roman, der einen Soziologieprofessor für einen Vortrag nach vielen Jahren zurück in seine Heimatstadt Unna führt, wo er ermordet wird. Gelegentlich fliegt Peuckmann nach China und hält an Universitäten in Shanghai und Xi´an Vorträge über deutsche Literatur vor chinesischen Germanistikstudenten. Inzwischen kennt er sich dort so gut aus, dass er über China geschrieben hat, unter anderem den Liebesroman „Rückkehr nach Shanghai“. Peuckmann ist Mitglied im Schriftstellerverband, in der Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ und im PEN-Zentrum Deutschland, in dem er vor einem Jahr ins Präsidium gewählt wurde.

Heinrich Peuckmann, geb. 1949 in Kamen. Besuch des Aufbaugymnasiums in Unna, Abitur 1968. Viele Jahre lang Lehrer am Gymnasium in Bergkamen. Daneben rege Schreibtätigkeit. Inzwischen fast 50 Einzelpublikationen: Romane, Erzähl- und Gedichtbände, Kinder- und Jugendbücher. Zuletzt erschienen der Ruhrgebietsroman „Saitenwechsel“ und der Krimi „Angonoka“, der sich mit den üblen Machenschaften der Tiermafia auseinandersetzt. Peuckmann hat auch einen Roman geschrieben, der in Unna spielt, weil er sich dieser Stadt sein Schulzeiten verbunden fühlt. „Heimkehr“ heißt der Roman, der einen Soziologieprofessor für einen Vortrag nach vielen Jahren zurück in seine Heimatstadt Unna führt, wo er ermordet wird. Gelegentlich fliegt Peuckmann nach China und hält an Universitäten in Shanghai und Xi´an Vorträge über deutsche Literatur vor chinesischen Germanistikstudenten. Inzwischen kennt er sich dort so gut aus, dass er über China geschrieben hat, unter anderem den Liebesroman „Rückkehr nach Shanghai“.
Peuckmann ist Mitglied im Schriftstellerverband, in der Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ und im PEN-Zentrum Deutschland, in dem er vor einem Jahr ins Präsidium gewählt wurde.

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