„Strafzinsen“ oder von der sprachlichen Verkleisterung der Obszönität des Realen

Was habe ich mich immer über meine Kolleginnen und Kollegen geärgert, wenn sie sich ein Vokabular aneigneten, das von Interessenvertretern erdacht wurde, um das Obszöne am real Existierenden einzukleistern. „Entsorgungspark“ war solch ein Wort, das ist nie schrieb. Oder „Verklappen“, wer konnte nur auf so einen Sprachmüll hereinfallen? „Dünnsäure“ hätten wir ja auch noch, denn die wurde ja „verklappt“.

Also für mich waren die „Entsorgungsparks“ immer in der Schriftsprache das, was sie in Wirklichkeit waren: Müllkippen, die das aufnahmen, was wir gesamtgesellschaftlich aus Haushalten und Wirtschaft an Exkrementen ausschieden. Und statt der „Dünnsäure“ wurde Säure in die Nordsee gekippt und nicht „verklappt“.

Seit kurzem haben Medienmacher und die Interessengruppe namens Banken eine neue Vokabel erfunden. Immer dann, wenn die einschlägigen Wirtschaftsorgane sich mit Recht darüber empören, dann Banker sich nun einfallen ließen, Geld dafür einzufordern, weil die Kundschaft ihr Geld bei ihnen aufs Konto schaufelt, faseln sie so etwas von „Strafzinsen“. Wenn es ganz besonders gutartig wirken soll, dann werden daraus auch mal „Minuszinsen“.

Glauben diese weißbekragten Dilettanten eigentlich, wir wären nicht bei Trost? Vor wenigen Jahre stand die Heerschar der noch Steuern Zahlenden dafür gerade, dass sich Institute wie die Commerzbank von den massiven Fehlern ihres Managements wieder erholen konnten und jetzt? Jetzt erfinden sie „Strafzinsen“ für den Umstand, dass sie von uns Geld geliehen bekommen. Wofür eigentlich sind wir zu bestrafen?

Dafür, dass Signore Draghi die Leitzinsen so niedrig hält, dass manche Banken um ihre Profitraten fürchten? Wir haben den doch nicht in sein Amt gesetzt. Oder gilt die Strafe uns weil wir Öl und andere Güter verbrauchen und damit Konsortien finanzieren, die wiederum heimlich  das Bankenwesen weltweit dirigieren? Ich bin mir keiner Schuld bewusst, die so groß wäre, dass sie mit strafenden Zinsen belegt werden dürfte.

Warum benutzt man solche Vokabeln? Entweder um das Obszöne der Realität zu überdecken oder um die Schuld auf andere zu übertragen. Denn wer „Strafzinsen“ zahlen muss, der muss ja zuvor auch was entsprechendes angestellt haben, dass er Strafe verdient.

Die spinnen! „Banca rotta“, der Wortursprung des Bankrotts. „Lingua rotta“, die Verrottung der Sprache.

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