Volkstrauertag – Gedanken zum kollektiven Gedenken

Volkstrauertag. Was, wen oder welche Zuwiderhandlungen der Menschlichkeit betrauert das Volk?

Betrauert es, dass dieses Volk eine Jahrhunderte währende Geschichte verinnerlicht hat, die kriegerisch und gewalttätig den europäischen Geist von heute zurückwies? (Dem selben  Irrtum waren auch seine Nacbarn verfallen.)

Betrauert das Volk die Opfer von Krieg und Verfolgung auf allen je individuell am befohlenen gegenseitigen Schädeleinschlagen Seiten?

Betrauert das bestürzte Volk, dass jeder volksgeführte Faustschlag gegen benachbarte „Feinde“ immer neu steigerungsfähig war und parallel zur Statistik zahlloser „Gefallener“ (so ein dämliches Wort für zerfetzte Soldaten) am Ende in die Ermordung von Millionen unschuldig unbeteiligter Menschen mündete?

Viele allerdings betrauern auch heute noch nur die Tatsache, dass deutsche Soldaten für deutsche Kaiser oder deutsche Führer und das deutsche Vaterland ihr Leben ließen. Und sie glauben tatsächlich, dass sie ein Recht dazu hätten, an die Toten ihrer von der jeweiligen Regierung auserkorenen „Feinde“ keinen Gedanken verschwenden zu müssen.

„Volkstrauertag! Der erste deutsche Volkstrauertag soll in erster Linie dem Ehrengedenken unserer im Weltkriege gefallenen Väter, Brüder und Söhne gewidmet sein. Es ist nur zu wünschen, daß sich diese ernste Feier recht tief und fest und feierlich, auch ohne viele Reden und Gesänge, aus dem ureigenen deutschen und menschlichen Empfinden heraus geltend macht in den Herzen des ganzen Volkes.“ Das schrieb sentimentalisiert die „Cellesche Zeitung“ 1926 zu Premiere des kollektiven Gedenkens.

Damals war das Volk noch direkten Angesichts mit den Verheerungen des 1. Weltkrieges konfrontiert und nur wenige ahnten, dass kaum mehr Zeit bleibt, bis es sich in den nächsten Weltenbrand stürzen wird.

Dann wird der Volkstrauertag schon in den Heldengedenktag umgetauft sein. Und niemand gedachte mehr „gefallener Soldaten“. Das hatten jetzt Helden zu sein, die ihr Leben im Feld gelassen hatten (wie, liegen gelassen, vergessen?), ehrenvoll, versteht sich.

Nach 1945 wurden dann zwei völlig unterschiedliche Feiertage draus, weil es inzwischen zwei unterwschiedliche Deutschländer gab. Im“Siegerdeutschland“ namens DDR – da, wo es nie wirklich Faschisten gab – wurde hochstaplerisch der „Internationale Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und imperialistischen Krieg“ eingeführt. In der Bonner Republik blieb man bei der Trauer des Volkes um  die „Toten zweier Kriege an den Fronten und in der Heimat“. Immerhin, die Bundesrepublik ganz offiziell gedachte aller Opfer aus allen Ländern.

Aber, ja, es bleibt ein aber. Zu jeder volkstrauernden Sonntagstradition gehört es, dass im Deutschen Bundestag neben der Hymne ein Stück triefender Sentimentalität abgespielt wird. Es heißt „Der gute Kamerad“. Und sein Text lautet:

Der gute Kamerad

Ich hatt einen Kameraden,
Einen bessern find’st du nit
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen,
Gilt’s mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
Er liegt mir vor den Füßen,
Als wär’s ein Stück von mir.

Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ew’gen Leben

Mein guter Kamerad!

Die Nationalhymne zuerst und dann der Kamerad. Es gibt nur zwei Interpretationsmöglichkeiten: Entweder wird hier doch nur um deutsche Opfer und deutsche Soldaten getrauert. Oder – und das nehme ich mal als günstigen Fall an – inzwischen akzeptiert das offizielle Deutschland alle Soldaten und Zivilisten aller Kriege der Vergangenheit als Kameraden, deren gewaltsamer Tod zu betrauern ist.

Jedem, der heute aufrichtig und und im Gedanken an alle Opfer unmenschlicher und von Herrschenden gewollter Kriege gedenkt, gilt mein Verständnis, und ich schließe mich ihm an.

1 comment for “Volkstrauertag – Gedanken zum kollektiven Gedenken

  1. 17. November 2014 at 10:59

    …ja, besonders dem letzten Satz schließe ich mich an.

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