Achim Megger – Der Mann, der die Frauen liebte (wieso liebte?)

Achim-Megger

Unna. Das erste Mal, dass ich mit dem Namen Achim Megger ernsthaft in Kontakt geriet, war, als er sich überraschend zielstrebig darum bemühte, fürs Amt des Unnaer Bürgermeisters zu kandidieren. Nein, ich witterte keine ernsthafte Konkurrenz für meinen Freund Werner Kolter. Aber ja, es entfuhr mir im engen Kreis ganz sicher mal eine allzu herablassende Äußerung über den Umstand, dass Achim sich solche Schlagzeilen einfallen ließ, um sich und sein Kerngeschäft zu promoten. Und auch ja, ich war „not amused“ als er in Begleitung einer augenweidenden jungen Dame neben mir stand und im Landtagswahlkampf 2005 ausgerechnet den rotzfrechen Auftritt des liberalen Prozentplauderers Guido Westerwelle im Katharinenhof frenetisch bejubelte.

Mein lieber Kollege Werner Wiggermann, dessen bedächtige Form einer Urteilsfindung über Menschen ich damals wie heute schätze, machte mich indes seinerzeit darauf aufmerksam, mir mehr Muße zu lassen, wenn ich mir ein Bild von dem Gastronomen aus Königsborn mit sozialdemokratischer Mutter im dortigen Ortsverein machen wolle. Da ich, wie gesagt, gleich hellhörig werde und das auch bleibe, wenn der Werner mir einen Hinweis gibt, war ich auch spontan neugierig, als er mir eine Mail schrieb, die das Erscheinen des Buches mit dem schönen Titel „Im Schatten der Schönen“ ankündigte. Das hatten Achim Megger und er verfasst. Achim schrieb seine individuelle Lebenserfahrung nieder, Ko-Autor Werner formte das Ganze in seine spezifische Sprache.

Sie beide erzählen im wahren Wortsinne, erzählen Geschichten, die zur Geschichte des Achim Megger gehören. Ob da die Rede von „Dana“ ist, der schönen Polin, die in Achims Club einmal ein unvergleichlicher Anziehungspunkt war. Sie verließ den Ort, an dem sie Star sein konnte und kehrte nach Jahren hilfesuchend zurück. Inzwischen – da draußen – war ihre nahezu hoheitliche Anmut von Glücksspiel, Drogen und Verwertung ihrer selbst zerschreddert. Und niemand konnte ihr mehr die Zuflucht geben, nach der sie gierte, weil sie ein Eigentum geworden war, von humorlos-brutalen Ausbeutern.

Oder Achim davon berichtet, wie er von Königsborn nach Bönen im Zechenbus kutschierte, um dort auf „Königsborn III/IV“ 1100 Meter unter Tage zu lernen, wie aus einem kräftigen Kerl ein Bergmechaniker wird. Weil man ja was ordentliches zu lernen hat.

Oder wie er und seine Geschwister plötzlich staatenlos wurden, weil sie innerfamiliär wichtige Behördengänge versäumt hatten und ohne es zu wollen und zu wissen damit das Aufenthaltsrecht in der Republik vergeigten. Eiserner Vorhang und Kalter Krieg verhinderten die Ausweisung nach Polen. Im Schmelztiegel der Zechenregion hatte sein frankophon-polnischer Vater (oder umgekehrt?) anscheinend vergessen, dass er kein gebürtiger Adoptivwestfale war.

Und da waren noch „Molly“ und „Agosto“, die Achim in einem Lüner Etablissement aufgegabelt hatte und quasi als dauerverpflichtete Stimmungsaufheller mit nach Unna nahm. Zwei ältere Herren mit gerüttelter Lebenserfahrung und unverdrossenem Lebensmut, die Gästen wie Inventar gut taten. Nur sich selbst bisweilen nicht, weil sie trotzig rüpeligen Besuchern entgegentraten, wussten sie doch, diese mit Pfefferspray in Schach halten zu können. Nur einmal klappte das nicht. Das rettende Spray streikte, weil sein Haltbarkeitsdatum überschritten war. Und „Molly“ und „Agosto“ bezogen ordentliche Veilchen und eine krumme Nase. Und bei den Gedanken an „Mollys“ Tod, dem Darmkrebs die Kaldaunen fraß, wird Achim noch heute wehmütig.

Achim Megger, der „Mann, der die Frauen liebte“ (wieso eigentlich das Perfekt hier?) und Werner Wiggermann haben da ein eigenwilliges, aber völlig authentisches Stück Stadtgeschichte geschrieben. Sicher ist nicht jede Zeile so wörtlich zu nehmen wie sie im Buche steht. Sicher hat Achim noch ein paar Fehler mehr gemacht in seinem bisherigen Leben als die Menge, die er selbst beschreibt. Sicher war nicht alles so rein, wie es in seiner individuellen Rückschau ausschaut. Aber keinesfalls war es so schmuddelig wie es mancher Pharisäer in den vergangenen Jahren darstellen wollte. Und keinesfalls wird ein Achim Megger mit seiner knorrig formulierten Kritik an Behörden oder gesetzgebenden Politikern nur deshalb ins Unrecht gestellt, weil er eben Achim Megger aus Königsborn ist.

Werner Wiggermann lud mich ein zur Vorleseprobe, die im „Bad Königsborn“ stattfinden sollte. Da konnte ich leider aus Gründen der Tageszeit und wegen logistischer Mängel nicht teilnehmen, was ich echt bedauere. Aber den beiden Autoren möchte ich hier sagen, dass ihnen etwas wirklich gelungen ist: Ich lese komplett und bis ans Ende der Geschichte, weil es sich aus allerlei Gründen lohnt. Und sei es nur für die letzten Sätze im Buch:

„Das sind doch keine Maschinen! Mag die Erotik auch bezahlt sein, das Entscheidende bleibt doch ein absolut intimer Akt, über dessen Form und Grenzen die Frauen selbst entscheiden. Wer diese Grenze nicht achtet, versündigt sich. An seinen Opfern und an sich selbst – als Mensch.“

Achim Megger, „Im Schatten der Schönen“, Books on Demand  ISBN-13: 978-3735714589, 325 Seiten

Beitragsbild: Werner Wiggermann (links) und Achim Megger bei der Präsentation ihres Buches in Achims Königsborner Club. – Foto: Ulrich Bonke

 

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