So was wie ein Wort zum Sonntag: Ich habe den festen Glauben, dass Erforschen Erkenntnis bringt, nur ist es mühseliger

Versucht doch einfach mal entkrampfter zu argumentieren. Ich kam als Katholik in Köln zur Welt, bin es also kirchenstreng genommen immer noch. Meine Mutter kehrte kurz nach meiner Geburt der Mutter Kirche den Rücken, weil ihr der Muttersegen verweigert wurde: Man habe ja nie einen Vater – im Sinne von Erzeuger – zu Gesicht bekommen.

Ging auch nicht, der war 14 Tage zuvor gestorben. Als mein Vater und meine Mutter heirateten, konvertierte ich mit Mutter ins protestantische Lager der unfehlbaren westlichen Gläubigen. Meine katholische Verwandtschaft gab sich entsetzt. Nun käme der Junge ja nicht mehr in den Himmel – wie furchtbar eigennützig von den Eltern. Die das sagte, war übrigens eine meiner Tanten.

Damals lernte ich dann den überzeugendsten katholischen Pfarrer ever kennen. Ein gemütlicher, rundlicher Vertreter des lebensfroh drallen Kölner Katholizismus. Nach einem für mich himmelsnähernd gedachten Kirchgang mit meiner Verwandtschaft fasste ich mir ein Herz, trat zu ihm, er beugte sich lächelnd zu mir hinunter und ich fragte besorgt: „Herr Pfarrer, kommen den Evangelischen wirklich nicht in den Himmel?“ Darauf lächelte er noch freundlicher: „Leve Jong, alle Minsche können in de Himmel kumme, aber datt kann ich denen doch nit verzelle!“ Und deutete dabei mit ausfahrender Geste auf die zum Sonntagsbraten strebenden Schäfchen.

Vorübergehend war ich danach mit Glauben im Allgemeinen im Reinen. Das hielt bis zur Oberschulzeit. Ich wurde konfirmiert, fühlte mich noch vertrauensseliger und noch gläubiger als zuvor. Mein Pfarrer hielt mich nicht auf, und er war auch ein überzeugender Protestant. Protestant war auch der lehrende Pfarrer an der Schule, nur kein überzeugender. Er versicherte uns einmal, dass der Herr alle prüfe, wenn er uns leiden ließe. Und es ginge darum, dass hier Prüfungen zu bestehen seien.

An diesen wegweisenden Satz der höheren Erkenntnis fügte er einige Beispiele. Zaghaft hob ich die Hand und fragte neugierig, wie das denn vor ein paar Jahren gewesen sei. Ob denn die Morde an den Menschen jüdischen Glaubens, die ja alttestamentarisch dem auserwählten Volk angehörig waren, ob das denn auch Prüfungen waren? „Ja“, meinte der wenig überzeugende Pfarrer. Ich schwieg, um meine Note nicht zu gefährden, trat in diesem Moment aber innerlich aus der Kirche aus. Später ganz und gar, juristisch sozusagen. Und ich erhielt von einem ebenso wenig überzeugenden Ortspfarrer einen vorgefertigten Brief des Bedauerns und ich möge mir das alles doch noch mal durch den Kopf gehen lassen.

Ich will mit alledem eines deutlich machen. Sobald der Mensch, vermutlich um sich selbst zu erheben, aus einer religiösen Grundüberzeugung eine unumstößliche Ideologie zu machen beginnt, zerstört er die besten Intentionen seines Glaubens. Nimmt ihm die menschlichen Züge, entfernt sich von göttlicher Güte und humanem Handeln. Mit Religionen erklärten sich Menschen die Welt und gaben ihren Gesellschaften Wege, die sie fernab von mordtotschlagenden Regellosigkeiten in gesetzesgebundene Gebilde zu wandeln versuchten.

Signifikanter Weise zeigen sich im Laufe der Geschichte seit dem Auftauchen allein seligmachender monotheistischer Religionen missionarisch unterlegte, höchst aggressive Wesenszüge. Perser, Griechen, Römer, Ägypter usw., sie führten ihre Kriege aus rein machtpolitischen Gründen. Ihre Götter wollten weder gütig noch untereinander freundlich sein.

Weder sollten Jesu Worte „Denkt nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ wortwörtlich genommen werden, und es gibt ausreichend Kommentationen, die diesem Satz die Wortwörtlichkeit nehmen. Noch wäre es klug wortwörtlich zu nehmen, was in Vers 5 der 9. Sure des Koran geschrieben wird: „Wenn nun die Schutzmonate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, ergreift sie, belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf! Wenn sie aber bereuen, das Gebet verrichten und die Abgabe entrichten, dann laßt sie ihres Weges ziehen! Gewiß, Allah ist Allvergebend und Barmherzig.“

Weder die beiden christlichen Testamente noch der Koran sind frei von kritikwürdigen Formulierungen in die eine oder andere Richtung. Sie bedienen sich einer Sprache aus ihrer damaligen Zeit. Und alle, die sich je individuell als des rechten Glaubens mächtig bezeichnen, sollten sich bemühen, die hinterlegte Symbolik ihrer Bücher aller Bücher zu erforschen. Das ist zwar mühselig, aber wird mittelfristig erleuchtend wirken.

Und mit Blick auf die Aktualitäten: Jeder  Rechtsbruch ist mit kompromissloser und gesetzesbasierter Härte zu verfolgen und zu bestrafen. Ob da ein Christ, Moslem oder ein Mensch, welchem selbstgewählten Herrn auch immer folgend, gegen das Gesetz verstößt, muss dabei gleichgültig sein. Kein Gott darf dafür herhalten, dass man sich an die Gurgel fährt. Und allein Richter sind hierzulande berechtigt, Strafen zu verhängen.

Wir befinden uns mathematisch im 21. Jahrhundert. Nur haben es manche anscheinend noch nicht erkannt.

Beitragsbild: Ein Musterbeispiel für gegenseitige Toleranz und Respekt: Der Türkisch-Islamische Verein in Unna versucht erfolgreich die beiden Kultur aufeinander neugierig zu machen. Angeleitet von dem klugen Yussuf Koc hat sich im Laufe der Jahre ein wunderbare Verbindung untereinander entwickelt. Aber so ist es eben: Verständigung wächst aus Verstehen, und dafür sollten sich stets beide Seiten gehörige Mühe geben. – Foto: Rudi Bernhardt

 

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