Gedanken, die sich Karl Feldkamp gern macht: Verlangsamte Entwicklung

Immer öfter verrenne ich mich im Dschungel zwischen Ansporn und Resignation, zwischen großen Worten und geringeren Taten.

Dabei will ich eigentlich nur zeitgerecht leben, jedenfalls ein wenig, zumal die Propheten der Globalisierung rasante Entwicklungen versprechen und behaupten, demnächst alle Grenzen beseitigen zu können. Für mich gilt dieses rasante Tempo offenbar nicht. Als Renter und Senior bewege ich mich trotz aller Fortschritte von Ruhestandstag zu Ruhestandstag zwischen Rheuma, Kurzatmig- und Vergesslichkeit, Schlafstörungen, Harndrang und vor allem der ungewollten Entdeckung körperlicher und geistiger Langsamkeit.

Nur um mich herum leben sie im Geschwindigkeitsrausch, während mir schon beim langsamen Treppensteigen die Puste ausgeht. Dabei habe ich vielleicht noch ausreichend Zeit, obwohl Tag für Tag das Lebensende näher rückt.

 Überall werden Höchstgeschwindigkeiten
und Höchstleistungen erwartet 

Im politischen Geschäft, am Arbeitsplatz, sogar bei zu verlangsamender Gründlichkeit neigenden Beamten, im Straßenverkehr, beim Leistungssport – überall werden Höchstgeschwindigkeiten und Höchstleistungen erwartet.

Ausgenommen in jenem Steinzeit-Indianerstamm, der vor wenigen Jahren im südamerikanischen Urwald entdeckt wurde. Seine Mitglieder können sich noch Zeit lassen, selbst wenn sie vermutlich eher sterben als Durchschnittseuropäer. Doch  auch sie werden sich bald modernisieren und mit Zeit- und Leistungsproblemen anstecken lassen.

Aber ich will mich ja nicht beklagen. Wer mag schon mit Zeit- und Altersgenossen zu tun haben, die ständig ihre körperlichen Einschränkungen, den bevorstehenden Tod oder die schlechten Zeiten bejammern. Gehäuft treten diese Jammer-Gestalten in Wartezimmern bei Hausärzten und Urologen auf.

Kaum betrat ich neulich ein Wartezimmer, sprang mich schon das grauhaarige Elend an wie ein um sein Überleben kämpfendes Raubtier und wollte gierig Mitgefühl aus mir herauspressen. Unverzüglich ergriff ich die Flucht und drehte vor dem Arzttermin noch eine Runde um den Block.

Hinter dem Lächeln entdeckte ich das
mühsam versteckte Leid mit dem Leid der Anderen

Dabei begegnete mir  in einem kleinen Park ein offenbar auch geflohenen Leidensgenosse. Gebeugt schlenderten wir aufeinander zu, hoben kurz den Blick und erkannten hinter unserem Lächeln das mühsam versteckte Leid mit dem Leid der Anderen. Betont gelassen bummelten wir weiter,  jeder in seine Richtung. Dann vernahm ich hinter mir ein typisch kurzatmiges Schnaufen und leises Seufzen.

Als ich mich umdrehte, winkte der Leidensgenosse. „Sie habe ich aber auch schon mal im Wartezimmer bei meinem Hausarzt gesehen.“Unwillkürlich nickte ich. Dabei wollte ich eigentlich den Kopf schütteln.Er legte sofort los. „Wenn die da im Wartezimmer versuchen müssten, mit meinem kaputten Rücken so aufrecht zu gehen wie ich… .“

Ich sah ihn an und zeigte mir mit dem Finger auf die Brust. „Schlaflosigkeit und Rheuma. Hab‘ früher Handball gespielt. Landesliga. Heute kann ich mit meiner Rheuma-Hand keinen Ball mehr halten. Bin die hundert Meter unter Zwölf-Komma-Null gelaufen. Jetzt bin ich allenfalls noch gut zu Fuss.“ Genau genommen schaffte ich in meinen besten Zeiten die hundert Meter knapp über Zwölf-Null.  Aber das war damals auch schon beachtlich.

Ich ging leicht in die Knie, um anzudeuten, mich in Startblöcke hocken zu wollen, richtete mich  wieder auf, lief ein paar Schritte, knickte leicht mit dem rechten Bein um und begann zu humpeln.

„Weh getan?“ wollte mein Leidensgenosse wissen.

„Nein, nein… !“

„Ich war Kugelstoßer“, trumpfte er auf, bückte sich, griff nach einem lockeren Stein in der Wegeinfassung, legte die rechte Hand mit Stein auf die Schulter, hob ein Bein, stieß aus einer knappen Drehung laut aufstöhnend den Stein gut drei Meter vor sich auf den sandigen Weg, griff sich reflexartig mit der linken Hand an die rechte Schulter und verzog das Gesicht.

„Tut’s weh?“

Tapfer schüttelt er den Kopf. „Wenn ich damals viel trainierte, hatte ich auch immer Schulterprobleme.“ Hastig verabschiedete er sich zu seinem Arzttermin.

Eine halbe Stunde später betrat ich leicht humpelnd die Praxis. Der  Kugelstoßer kam mir verlegen lächelnd entgegen. Mit Schulterverband. Den rechten Arm in der Binde.

„Sportunfall…“ murmelte er bemüht beiläufig.

Mir empfahl mein Hausmediziner
gegen mein Rheuma viel Bewegung

Mir empfahl mein Hausmediziner gegen mein Rheuma viel Bewegung, vor allem lockeres Laufen. „Aber nehmen Sie sich Zeit. Fangen Sie mit kurzen Strecken an. Steigern Sie sich von Woche zu Woche. Und keine Rekorde, mein Lieber! Ihre Gelenke sind nicht mehr die jüngsten. Und wenn Sie abends noch einen Spaziergang machen, werden Sie auch besser schlafen.“ Ich stand auf und ging zur Tür des Arztzimmers. „Sagen Sie mal, humpeln Sie?“

„Nein, nein.“

Karl Feldkamp wurde 1943 in Lübeck geboren und lebt seit 2011 In Engelskirchen-Wallefeld. Er schreibt Lyrik, Prosa, Satire, Aphorismen und Rezensionen. Bisher veröffentlichte er 5 Bücher, (darunter AngstAugen, Dittrich Verlag, Köln 1997) ein E-Book, ein Hörspiel sowie Lyrik und Prosa im In- und Ausland in Literaturzeitschriften, Schulbüchern, Anthologien und im Rundfunk. 2 Bücher gab er zudem heraus. Er erhielt den Xylos-Lyrikpreis 1981, 2009 den Preis des Stadtverbandes Kultur Bergisch Gladbach Der Bopp. Er ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) sowie in diversen Kulturinitiativen. Sein Motto: Bei jedem Irrtum gewinnt die Wahrheit Zeit.

Karl Feldkamp wurde 1943 in Lübeck geboren und lebt seit 2011 In Engelskirchen-Wallefeld. Er schreibt Lyrik, Prosa, Satire, Aphorismen und Rezensionen. Bisher veröffentlichte er 5 Bücher, (darunter AngstAugen, Dittrich Verlag, Köln 1997) ein E-Book, ein Hörspiel sowie Lyrik und Prosa im In- und Ausland in Literaturzeitschriften, Schulbüchern, Anthologien und im Rundfunk.
2 Bücher gab er zudem heraus. Er erhielt den Xylos-Lyrikpreis 1981, 2009 den Preis des Stadtverbandes Kultur Bergisch Gladbach Der Bopp. Er ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) sowie in diversen Kulturinitiativen. Sein Motto: Bei jedem Irrtum gewinnt die Wahrheit Zeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.