Die CDU in Hagen will keine „Nordstadt“: Gibt’s auch nicht, Wehringhausen liegt im Westen

Hagen. Immer, wenn ich glaube, in der Stadt, in der ich mit meiner Familie lebe, habe jemand, der für diese Stadt von Wählerin und Wähler vorübergehend Mitverantwortung erhalten hat, immer wenn ich glaube, irgendwer habe konfusen Unsinn erzählt, dann wird der kurz darauf von irgendwem übertroffen. Sei es, dass der Unsinn noch konfuser wird. Sei es, dass es sich um einen ganz neuen Unsinn handelt. Oder sei es, dass man sich angesichts dieses Unsinns zurückgeworfen fühlt. Zurückgeworfen in eine Vergangenheit, die nicht nur ich für längst überwunden hielt.

Nun trötete es aus den Reihen der CDU (auch genannt Christlich  Demokratische Union), dass man aus ihrer Sicht „keine ‚Hagener Nordstadt'“ wolle. Und zu meiner grenzenlosen Überraschung erkannte ich in den nachfolgenden Zeilen meinen Wohnort Wehringhausen wieder. Dessen allseits gewünschtes Reinheitsgefüge nach den Vorstellungen der im WAZ-Portal derwesten.de zitierten Christdemokraten flugs wiederhergestellt werden könnte, verschwänden alle Suchtkranken und ein Mediziner nebst Praxis aus dem Stadtteil. 

Ali Bülbül, Vorsitzender des Netzwerkes Integration der CDU Hagen, wird zitiert: „Sowohl der Arzt (Anm. d. Red.: behandelt Suchtkranke mittels Methadonausgabe) als auch die Szene müssen aus den Wohngebieten verschwinden, vor allem aus Wehringhausen.“ Oh, Rücksturz ins Mittelalter? Annäherung ans Berufsverbot? Schaffung von neuem Lebensraum für Abhängige in Gewerbegebieten?

Damit keine Missverständnisse aufkommen. Das ist keine grundsätzliche Kritik an Menschen, die vielleicht zu drastisch und kategorisch auf bessere Umstände in ihrem Wohnquartier pochen. Das ist auch kein Vorwurf an diese Menschen, dass sie sich mit vielleicht allzu geharnischt formulierten Forderungen an die Stadt und ihre Vertreter richten. Aber das ist wohl ein Vorwurf an Frauen und Männer, die einer demokratischen Partei welcher Ausrichtung auch immer sie sein möge, angehören, wenn sie in aller Öffentlichkeit

  • erstens einen kompletten Stadtteil ins soziale Verlottern reden ohne auch nur den Hauch von Positivem in diesem Quartier zu erwähnen, das zu den architekturgeschichtlich schönsten in Hagen zählt;
  • zweitens quasi die Umsiedlung von medizinisch gesehen kranken Menschen als politische Forderung in die Welt setzen und zu allem Überfluss noch die Ansiedlungsfreiheit eines Arztes in Frage stellen, die standesgemäß zu den Grundpfeilern des Gesundheitssystems gezählt wird und allenfalls von den dazugehörigen Kammern geregelt werden darf;
  • und drittens durch die Nutzung der Floskel „Hagener Nordstadt“ einen Teil der Dortmunder Nachbarschaft als Synonym für unerträgliche Lebensverhältnisse denunziert, denn die „Nordstadt“ passt in diesem Zusammenhang nur zu Dortmund, Wehringhausen hingegen liegt im westlichen Bereich Hagens.

Es ist durchaus gestattet, von einer Stadt wie Hagen eine eigene und den örtlichen Umständen verpflichtete Sozialpolitik mit Blick auf Drogenabhängigkeit zu fordern (zu den Drogen zählt im Übrigen auch der Alkohol). Es ist ebenso gestattet, die je Verantwortlichen dann und wann daran zu erinnern, dass man sich darüber Gedanken mache. Und es ist natürlich nicht nur gestattet, sondern es wäre zu erwarten, dass die Fordernden sich Gedanken darüber machen, wie vernünftige und gangbare Wege gefunden werden können, sich mit einem gesellschaftlichen Problem konstruktiv auseinanderzusetzen. Vor allem dann, wenn im Namen einer politischen Partei gesprochen wird.

Verdrängen, die spür- und sichtbaren Zeugen des sozialen Problems namens Drogenabhängigkeit einfach aus den Augen zu verscheuchen, das löst keine Probleme, das sorgt nur dafür, dass sie an anderer Stelle neu geschaffen werden. Wenn aus dem verbalen Umsichschlag nun entwachsen würde, dass gemeinsam nach guten Wegen zur langfristigen Verbesserung einer objektiv bejammernswerten Situation gesucht wird und Schaumschlägereien mit platten Parolen unterlassen würden, dann hätte das Ganze am Ende noch einen Sinn.

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