Heinrich Peuckmann erzählt Dichtes: Held der Kindheit

Er war der Held in meinen

Kindertagen und nicht Fritz Walter

der Weltmeister von vierundfünfzig

den alle sich zum Helden

wählten, nur nicht

die Kinder meiner Straße

 

Acht Menschenleben

acht von seinen Kumpels

hat er gerettet, als die Grube brannte

während vierhundertfünf andere starben

vierhundertfünf, keine Familie

unsrer Stadt ohne einen Toten

 

Grimberg 3/4, Februar sechsundvierzig

Schlagwetterexplosion, ein ganzes

Bergwerk brannte und nichts half

als den Brandherd zuzumauern

egal, wer noch darin war

um so das Feuer zu ersticken

 

Emil Gröne war noch darin

war mitten im Feuer

kletterte die Fahrten hoch

zur nächsten Sohle, wenn er

nicht weiterkam, von dort zur

übernächsten, kämpfte gegen

 

den ausziehenden Wetterstrom

und merkte nicht, wie ihm dabei

die Kleidung vom Leib gerissen wurde

ließ sich zu Boden gleiten

wenn kein Schritt mehr

möglich war im Gegenwind

 

und zog sich vorwärts

an den Schienen der Grubenbahn

längst nackt, total erschöpft

entkräftet, doch mit unbändigem

Lebenswillen und mit

der Lampe an seinem Kopf

 

schwaches Licht, das ihm

den Weg wies aus der Dunkelheit

und das ihn rettete

als er zum Schacht kam

wo seine Kumpels grad dabei

waren, den Stollen zuzumauern

 

Es waren die letzten Steine

die sie setzen wollten als einer

von ihnen den Schimmer eines

Lichts im Stollen sah, der sich

bewegte und langsam näher kam

Emil Gröne. Halt, wartet noch

 

So wurde er gerettet

und mit ihm acht andere

die ihm bei seinem Kampf zum Schacht

nicht folgen wollten, die aufgegeben hatten

weil sie nicht glaubten, schaffen

zu können, was Emil Gröne schaffte

 

auf die er hinwies. Rettet sie!

Erst danach, erst nach ihrer Rettung

wurde der letzte Stein gesetzt

und so der Brand erstickt, nein

nicht nur der Brand

auch viele andre Kumpels

 

die noch darin waren, so wie

Emil Gröne und seine acht

Freunde darin gewesen waren

Ja, es waren noch viel mehr am Leben

als die Mauer geschlossen wurde

endgültig, denn als man sie später

 

niederriss, Jahre, Jahrzehnte später …

Kein Bergmann, der dabei war

hat je erzählt, was sie dort sahen

Emil Gröne hat es nie erfahren

der war schon lange tot

vollendetes, geachtetes Leben

 

Unlängst erschienen ist der Lyrikband:

Heinrich Peuckmann: Erinnern. Vergessen. Gedichte

mit Grafiken von Willi Sitte. Lychatz Verlag Leipzig, 2013.

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