Ralf Stegner – Was ist eigentlich „links“? Subjektive Anmerkungen eines Linken in der SPD

„Wer als junger Mensch nicht links ist, hat kein Herz und wer es als Älterer immer noch ist, hat keinen Verstand „. Dieses Lieblingsbonmot manches Erfolgs- und Machtzynikers ist natürlich großer Mumpitz. Wer zuwenig Verstand hat, wird politisch nie etwas bewegen oder erreichen können, wem es an Herz fehlt, ist nicht nur politisch gefährlich. Das ist eher die Haltung von Rechten (nein das Wort „Haltung“ passt eigentlich nicht da, wo der Geist bekanntlich nie war und auch nie sein wird, wenn Ihr mich fragt…).

Das charakterisiert sicher auch manchen alerten und inhaltlich wendigen Karrieristen, der den Weg in Spitzenfunktionen der Exekutive oder Legislative einfach besser beherrscht als die von ihm meist mit spöttischer Geringschätzung bedachten inhaltlich so schrecklich unflexiblen seilschaftlich unterbelichteten politischen Linken mit ihrer chronischen Abneigung gegen Personenkult.
Die Antwort ist also gar nicht einfach. Auch nicht für einen, der Linkshänder, im Fußball Linksfuß und trotz ausgeprägter exekutiver beruflicher politischer Biografie immer ein Linker gewesen und geblieben ist.

Viel leichter ist es, zu sagen, was nicht links ist. Gar nicht links ist es zum Beispiel, auf Theorien, Texte und Beschlüsse in kanonischer Ideologiestrenge mehr zu geben als auf ganz unmittelbare praktische Verbesserungen im realen Leben von Menschen, für die man doch Politik zu machen immer behauptet. Es ist auch nicht links, für den angeblich guten Zweck die Mittel zu heiligen und Freiheitsrechte zu unterdrücken. Linke Theorie und rechtes Leben passen für mich nicht zusammen, was mitnichten ein Plädoyer für linke Lustfeindlichkeit oder verklemmte Pseudointellektualität ist.

Links ist für mich, unsere Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität nicht als Reliquien zu betrachten, die ab und zu aus der Vitrine der Parteitradition geholt und für Sonntagsreden abgestaubt werden, sondern im Alltagsgebrauch Anwendung finden.

Links ist in dem Sinne, gegen Ungerechtigkeit immer wieder anzugehen, sich eher mit den Mächtigen anzulegen, als den Schwächsten zu erklären, warum Reform heißen soll, ihr Leben zu verschlechtern, weil Schuldenbremsen, kameralistische Zwänge, die Medien oder die IHK, oder, weiß der Teufel wer, das gerade als alternativlos erklärt haben.

Links sein hat nichts Technokratisches, kommt aber gewiss nicht ohne Sachverstand aus – gut gemeint und schlecht gemacht, ist gar nicht links.

Links ist nicht nationalistisch borniert, sondern immer international. Streiten für Frieden und internationale Solidarität, das ist links; nicht unbedingt radikalpazifistisch, wohl aber Hilfsbereitschaft für bedrohte Völker im Rahmen der Völkergemeinschaft und der Stärkung der Vereinten Nationen.

Links ist auch, die individuellen Menschenrechte wirklich niemandem zu versagen und für Toleranz und gegen Fremden- oder Minderheitenfeindlichkeit ganz praktisch einzutreten und nicht nur theoretisch. Links ist auch, sich niemals mit Rechten oder Rechtspopulisten gemein zu machen, sondern ihnen immer entschlossen entgegenzutreten. Das bedeutet nicht, daß man sich nicht um die realen Probleme zu kümmern hätte, die oft den Nährboden für Sündenböcke und rechte Rattenfänger bereiten. Feige ist es aber, den rechten Stimmungen oder Vorurteilen nicht entgegenzutreten, die es auch in den eigenen Reihen, der eigenen Wählerschaft und Klientel mehr gibt, als uns lieb ist.

Links ist immer auch, die Realität nicht auszublenden, nur weil sie einem nicht gefällt, auf Aufklärung und Argumente zu setzen statt auf dumpfe Parolen und Klischees.

Links ist es niemals, Bevormundung und Versorgung und sei es mit noch so hohen Sozialtransfers zu heroisieren, anstatt für echte Teilhabe, Aufstiegsmöglichkeiten und Emanzipation zu kämpfen.

Links ist es, Benachteiligungen niemals zu akzeptieren, die auf Geschlecht, sozialer oder sonstiger Herkunft, sexueller Orientierung, Religion oder sonstigen Überzeugungen beruhen. Links ist es, immer gegen Unterdrückung und Ausbeutung anzutreten.

Linke Politik ist eben tatsächlich eine Haltung, bei der Gerechtigkeit Maßstab und Kompass praktischer Politik bleiben, egal wie die Verhältnisse gerade sind. Linke Politik ist demgemäß idealistisch und pragmatisch. Sie ist nicht rechthaberisch und kompromisslos, sie enthält die Bereitschaft Fehler zu korrigieren, leidenschaftlich zu ringen und zu streiten, aber auch sich mit Andersdenkenden zu verständigen. Links sein heißt auch Verlässlichkeit und Hilfe nicht zu verweigern, wenn sie gebraucht wird.

Links ist für mich die Haltung, mit Herz und Verstand, mit Leidenschaft und in der Überzeugung, dass WIR gemeinsam immer stärker sind Politik zu machen, damit es denen besser geht, die nicht die Macht, das Geld oder den Einfluss haben, das für sich selbst zu regeln. Theoretisch recht einfach, praktisch ziemlich anspruchsvoll, nötiger denn je – allemal!

Alles subjektiv – versteht sich.

Links sein ist also mitnichten eine Frage von Alter oder Position auf der Karriereleiter oder dem innerparteilichen Rankingskaro – es ist Anspruch und Haltung zugleich. Das Herz schlägt links, das scheint auch meistens besser zu funktionieren, die Alternative wird in der Wirklichkeit jedenfalls selten beobachtet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.