Gerd Puls erzählt: Milchkanne die Treppe hoch

Die 1950er Jahre, das gerade Vergangene kauerte noch hinter den Kulissen. Eine graue Zeit, gleichzeitig geprägt von Aufbruch und Restauration. Viele meiner damaligen Volksschullehrer waren nicht nur nach heutigem Verständnis skurrile Typen. Neben dem Pausenbrot trugen manche ihre „Entnazifizierungsurkunde“ in der Aktentasche, oft anstelle der Unterrichtsvorbereitung.

Der folgende Text entstammt dem Buch „Beste Aussicht – Westfälische Grüße“, erschienen 2014 im Projekt Verlag Bochum/Freiburg, 219 Seiten, 15,90 €

Zur Schule ist es weit. Immerhin muss ich durch das halbe Bindestrichdorf, durch den ganzen größeren Ortsteil.

Im Winter ist das auf überfrorenen oder verschneiten Wegen eine angenehme Abwechslung, ein kleines Abenteuer. Doch die Furcht vor dem schlagenden Lehrer, die Skepsis vor dem, was er uns beibringen will, die leise Ahnung, dass der neue Tag viel Neues nicht bringen wird, bleibt die ersten Schuljahre hindurch.

Meine Erwartungen hinsichtlich langweiliger Schulvormittage gehen meist in Erfüllung. Selten gibt es positive Überraschungen, wenn zum Beispiel der Klasse mitgeteilt wird, dass im Lutherhaus am Nachmittag für 50 Pfennig ein Dick-und-Doof-Film gezeigt wird, oder wenn wir hören, dass wir schon um zehn nach Hause dürfen, weil ein Lehrer krank ist.

Als mir gesagt wird, ich solle dem älteren Lehrerfräulein Mimi Mehlmeyer auf meinem Weg zur Schule doch bitteschön morgens die Milch hochtragen und vor ihre Wohnungstür stellen, bin ich weniger begeistert.

Das alleinstehende Fräulein wohnt in der nächsten Querstraße Richtung Dorfmitte auf halbem Weg zur Schule in der Dachgeschosswohnung eines dunkel und unfreundlich wirkenden Backsteinhauses. Mimi Mehlmeyer ist häufig krank, jedenfalls häufiger als ich, und so trage ich ihr die Milch treu und brav und regelmäßig ein halbes Jahr lang die ausgetretenen Stufen hoch.

Ich klingle kurz, drehe mich augenblicklich auf dem Absatz um und renne aus dem unheimlichen düsteren Flur zurück ins Freie. Ohnehin bin ich froh, dass ich bei dem Fräulein keinen Unterricht habe. Begegnen will ich ihr nicht, dann lieber rasch zur Schule.

Kurze Zeit später bin ich mein Amt los, weil Mimi Mehlmeyer pensioniert wird. Und abermals bald darauf, es mag im dritten oder vierten Schuljahr sein, bekommt die Schule einen neuen hochmodernen Filmapparat der Firma Bauer.

Sind nun die Lehrer krank, müssen zwei oder drei Klassen ihre Stühle nehmen und in der verdunkelten vierten Klasse Stuhl an Stuhl reihenweise möglichst eng  zusammenrücken, was zwar gemütlich ist, wegen der schlechten Luft aber auch ziemlich schläfrig macht.

Dann gucken wir gleich mehrere erbauliche Tier-, Geschichts- oder Gesund-heitsfilme hintereinander. Ich erinnere mich an zahlreiche Igel-, Eichhörnchen-, Specht- und Storchenfilme, auch an die Erstürmung einer mittelalterlichen Burg und einen leicht gruseligen Aufklärungsfilm.

Unser Kind hat Scharlach, hieß der Film, in dem der Herr Doktor zunächst die schlimme Diagnose stellt, worauf das ganze Haus gründlich desinfiziert und ausgeräuchert wird und der arme, schon ein wenig zerzauste Teddybär des kranken Kindes den lodernden Flammen des Küchenherdes übergeben wird.

Die Szene, in der die Mutter mit dem Schürhaken die Ofenringe zur Seite schiebt und den Plüschteddy ins Feuer stößt, habe ich noch Jahre später gut vor Augen. Zur Belohnung, sozusagen als Bonbon hinterher, gibt es noch einen putzigen Märchentrickfilm, Tischlein deck Dich, Die Stadtmaus und die Feldmaus, Hans im Glück oder den Wettlauf zwischen Hase und Igel, alles in Schwarz-Weiß versteht sich.

Beim morgendlichen Milchhochtragen vor Mimi Mehlmeyers Kammertür male ich mir hingegen meine eigenen Bilder und drehe meine eigenen Filme: Wie es wohl hinter ihrer Tür aussehen mag, und was macht die alte Lehrerin wohl in diesem Augenblick?

In die Wohnung gehe ich nie. Doch stelle ich sie mir klein und klamm, karg und düster vor. Doch schnell werden meine Gedanken abgelenkt: Was gibt es heute früh auf dem Schulweg zu beobachten, was gibt es Interessantes hinter der nächsten Toreinfahrt, wer wird mir gleich hinter der Ecke auflauern, mir Prügel androhen oder bloß die Hausaufgaben abschreiben wollen? Was erwartet mich nach acht in der Schule?

Die ersten Jahre hindurch finde ich meine Schulwege allemal aufregender als die Unterrichtsstunden, und auch später, als ich in Unna die Schule besuche, ist es morgens zwischen Haustür und Schultür und mittags zwischen Schultür und Haustür oft interessanter als in den Unterrichtsstunden, was mich nicht hindert, irgendwann selbst Lehrer zu werden.

Gerd Puls, geboren am 5. Januar 1949 in Heeren-Werve, heute Kamen, Schulbesuch in Unna, Studium in Dortmund. Arbeitete als Werbekaufmann in Dortmund, später Lehrer und Schulleiter im Kreis Unna und im Märkischen Kreis; verheiratet, zwei Söhne. Schreibt vorwiegend Erzählungen, Lyrik und Kindergeschichten.  Erste Veröffentlichung von Gedichten 1971 im Westfalenspiegel, Münster, seitdem regelmäßig Literatur-Veröffentlichungen sowie Kunstausstellungen. Buchveröffentlichungen:  Hinterm Haus, Gedichte, Gelsenkirchen 1986 Was Kalle alles kann, Kinderbuch, Balve 1988 Ruhrpott, Gedichte und Grafiken, Bochum 1992, zus. mit Peter Beckmann Hommage an den Regenwald, Dortmund 1999, zus. mit Peter Turz Bis der Baum im Ständer steht, Erzählungen, Münster 2001 Lieder vom Löwenzahn, Gedichte und Farbzeichnungen, Münster 2003 Kathi kommt klar, Erzählungen für Kinder, Münster 2005 Beste Aussicht - Westfälische Grüße, Geschichten und Gedichtcollagen, Bochum 2014 Lass es Liebe sein, Erzählungen, Bochum 2014  Beiträge in Anthologien, u.a.: Der Frieden ist eine zarte Blume, Bochum 1981 Denen, die das Land lieben, Münster 1985 Heimat ist dort, wo du dein Geld verdienst, Dortmund 1986 Geisteskinder, Dortmund 1990 InnenSichtenAußenSichten, Bergkamen 1991 Das Dach ist dicht, Dortmund 1996 Lese-Zeichen, Münster, Rheda-Wiedenbrück 1998 Kreuz und quer den Hellweg, Essen 1999 Schreiben in der Metropole Ruhr, Essen 2009 Schlafende Hunde II, Berlin 2012 Das Gesetz vom Fall der Körper, Münster 2013 Schlafende Hunde III, Berlin 2014 Herausgeberarbeit: Vor Ort, Bergkamen 1980, zus. mit Klaus Goehrke Eh alles in Scherben fällt, Bergkamen 1983, zus. mit Klaus Goehrke Im Autobahnkreuz, zur Eröffnung des westfälischen Literaturbüros Unna,  Essen 1984, zus. mit Gerhard Rademacher Frag doch Strelinski, Bönen 1985, zus. mit Klaus Goehrke

Gerd Puls, geboren am 5. Januar 1949 in Heeren-Werve, heute Kamen, Schulbesuch in Unna, Studium in Dortmund. Arbeitete als Werbekaufmann in Dortmund, später Lehrer und Schulleiter im Kreis Unna und im Märkischen Kreis; verheiratet, zwei Söhne.
Schreibt vorwiegend Erzählungen, Lyrik und Kindergeschichten.
Erste Veröffentlichung von Gedichten 1971 im Westfalenspiegel, Münster, seitdem regelmäßig Literatur-Veröffentlichungen sowie Kunstausstellungen.
Buchveröffentlichungen:
Hinterm Haus, Gedichte, Gelsenkirchen 1986
Was Kalle alles kann, Kinderbuch, Balve 1988
Ruhrpott, Gedichte und Grafiken, Bochum 1992, zus. mit Peter Beckmann
Hommage an den Regenwald, Dortmund 1999, zus. mit Peter Turz
Bis der Baum im Ständer steht, Erzählungen, Münster 2001
Lieder vom Löwenzahn, Gedichte und Farbzeichnungen, Münster 2003
Kathi kommt klar, Erzählungen für Kinder, Münster 2005
Beste Aussicht – Westfälische Grüße, Geschichten und Gedichtcollagen, Bochum 2014
Lass es Liebe sein, Erzählungen, Bochum 2014
Herausgeberarbeit:
Vor Ort, Bergkamen 1980, zus. mit Klaus Goehrke
Eh alles in Scherben fällt, Bergkamen 1983, zus. mit Klaus Goehrke
Im Autobahnkreuz, zur Eröffnung des westfälischen Literaturbüros Unna,
Essen 1984, zus. mit Gerhard Rademacher
Frag doch Strelinski, Bönen 1985, zus. mit Klaus Goehrke

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