Lars Reckermann: Ein Jahr schon in der Ostalb – Am 2. September gehen wir Pizza essen

Ein Jahr ist das schon her? Vor 12 Monaten fand Lars Reckermann eine tollen neuen Job, nachdem ihm wie allen anderen Kolleginnen und Kollegen ihr damaliger von Funke-Managern genommen worden war und die Zyniker in Essen vom „Erhalt des Titels Westfälische Rundschau“ fabulierten, dem sie heute beginnen die unmittelbar bevorstehende Insolvenz an den Hals zu reden? Ja, so ist so lange her, und auch Lars Reckermann hat sich an diese Zäsur in Leben seiner Familie erinnert. Lest mal, was er dazu geschrieben hat:

Der 2. September 2013 war ein Montag. Ich werde dieses Datum nicht so schnell vergessen. Gegen 8 Uhr kam der Möbelwagen, um 16 Uhr war das westfälische Ruhrgebietsleben meiner Familie in einem Lastwagen mit Anhänger verpackt. Freunde kamen noch einmal vorbei. Ich rannte immer wieder hinter das Haus, in dem ich bisher mein Leben verbracht hatte. Ich habe allen erzählt, ich müsste  noch einmal durch den Garten gehen. In Wahrheit habe ich geweint. 

 Ein Jahr ist es jetzt her, dass wir von Holzwickede nach Aalen gezogen sind. Von alter Haustür zur neuen Haustür sind es 478 Kilometer – eine Strecke. Ich habe einen neuen Job, zum Glück noch meine alten Freunde, und inzwischen auch neue Freunde.

Meine erste Pecha Kucha Nacht in Aalen

Meine erste Pecha Kucha Nacht in Aalen

Ich habe die schwäbische Mentalität kennengelernt. Ja, auch die Kehrwoche und die Akkuratesse. Als Reingeschmeckter spiele ich mit den Unterschieden zwischen Westfalen und Schwaben. Meine Glossen haben fast ausschließlich dieses Thema. Ich weiß aber, dass mir die Schwaben das nicht übel nehmen. Man muss an die Sache mit genügend Selbstironie gehen.

Ich habe auch schon viele Lokalgeschichten geschrieben – eben das, was mir am meisten Spaß macht. Ich verfolge natürlich auch – inzwischen fast täglich – die Demontage einer Branche, unserer Branche. Völlig zu unrecht. An dieser Stelle habe ich schon einmal ein Plädoyer für gute Geschichten gehalten. Gute Geschichten werden gelesen, analog und digital. Wir nehmen den Leser ernst, diskutieren mit ihm – inzwischen auf allen Kanälen. Wenn man indes jeden Tag schreit, dass die Suppe nicht schmeckt, vergeht selbst dem treuesten Suppenkaspar irgendwann der Appetit.

Ich selbst habe diesen Sommer genutzt, um mir meine neue Heimat anzuschauen und meine Leser kennenzulernen. “Ich bin dann mal da”, haben wir die Serie getauft. Anfangs wanderten vier Bürger mit, zum Schluss waren wir über 70! Zehn Kommunen auf der Ostalb habe ich so intensiv kennengelernt. Es hat richtig Spaß gemacht. Und es hat mir gezeigt, dass Schwaben sehr wohl ein offenes Völkchen sind. Zumindest kam ich mit vielen auf der Wanderschaft in Kontakt.

Die Zeit, einen halben Tag unterwegs zu sein, hatte ich nur, weil die Redaktion mir diese Freiheit gegeben hat. Wir bauen die Redaktion gerade etwas um. Nicht etwa, weil ein neuer Chefredakteur gerne umbaut, sondern weil wir unseren Redakteuren diese Freiheit des vor-Ort-seins zurückgeben müssen.

Ich muss noch Werbung machen für die Ostalb. Bislang kennen viele Menschen Aalen und die Ostalb nur als Zwischenstopp auf der Fahrt nach Italien oder Österreich. Das ist fatal. Denn die Ostalb ist wunderschön. Burgen, Schlösser, Klöster, Natur, Privatbrauereien, schwäbisches Essen; Ellwangen und Schwäbisch Gmünd haben so viel Sehenswertes.

Mein Kollege Joachim Braun hat seinen Blog “Ankommen in Bayreuth” überschrieben. Ich glaube, meine Familie und ich sind angekommen. Nach nur einem Jahr. Das habe ich meinen Verlegern zu verdanken, meinen Kollegen, vor allem meiner Familie, die mit mir gegangen ist. Inzwischen hat meine Frau neue Freundinnen gefunden. Es sind tolle Beziehungen gewachsen. Den Schwaben als Freund zu gewinnen, dauert, heißt es. Wenn man ihn als Freund hat, ist es eine tiefe Beziehung. Wir haben nicht viele schwäbische Freunde, dafür aber sehr gute.

Ach ja, wir haben auch ein neues Ritual. Als wir am Montag, den 2. September 2013 in Aalen-Ebnat, auf dem schönen Härtsfeld, angekommen waren, hatten alle Geschäfte schon zu. Wir sind dann in die Stadt gefahren und haben Pizza gegessen. Heute, an diesem 2. September, werden wir wieder Pizza essen. Und ich freue mich auf den nächsten Tag, dann gibt es nämlich Spätzle – mit Soße …

leine Tageszeitung inmitten der großen Wochenzeitungen. Links die ZEIT, der rechts der SPIEGEL – und mittendrin die SchwäPo/GT. - Fotos: Privat

Kleine Tageszeitung inmitten der großen Wochenzeitungen. Links die ZEIT, der rechts der SPIEGEL – und mittendrin die SchwäPo/GT. – Fotos: Privat

Schön, das mein alter Freund, Kollege – zeitweise auch Konkurrent – so viel Zufriedenheit gewinnen konnte. Und so viel Zuversicht in die Zukunft eines herrlichen Berufsfeldes, die ich im Übrigen teile, wenn man die Modernisierung der Zukunft auch in der Rückkehr zu den wichtigsten Erkenntnissen großer Kollegen von einst sieht.

Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nicht ist phantastischer als die Sachlichkeit. Und nichts sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit, in der man lebt.“ Egon (Erwin) Kisch

Bis bald, bei Karl.

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