Demnächst im Ratssaal: Biedermann und die Brandstifter

Ups, das ist wohl wirklich ein neuer Stil in Unnas bisher ziemlich fleckenarmer Polit-Kultur. Erst rüffelt einer, der dem Ganzen noch ein bisschen neulich gegenüber steht, den kooperativen und kommunikativen Kämmerer wegen seiner mutmaßlich (zumindest für christdemokratische Ratsmitglieder) allzu überraschenden Ankündigung, dass nun wg. Gewerbesteuereinbrüchen eine Haushaltssperre bevor stünde. Hätte der Experte doch vorher sehen können, wurde öffentlich gemeint. Und was der Rüffelnde nicht vorher sah, das war, dass der Gerüffelte genau das tat, als er seine und andere Fraktionen schon im März 2014 davon in Kenntnis setzte, dass die letzte und einzig nennenswerte kommunale Steuer trotz konjunktureller Beststimmung ins Tröpfeln geraten war. Konnte der gestrenge Christdemokrat aber nicht wissen, weil er damals noch gar nicht dem Rat angehörte.

Natürlich setzte es aus der gegenseitigen Ecke teils elegante, aber auch eher holzschnittartig getextete Repliken. Eine davon war, dass der rüffelnde Verfasser der Vorwürfe gegen Unnas Kämmerer ein „kommunalpolitischer Brandstifter“ sei. Abgesehen davon, dass es eines vorgeschalteten Gedankens wert gewesen wäre, ob man einen stadtbekannten Ordnungshüter mit einer zu den Offizialdelikten zählenden Vokabel titulieren sollte, mal abgesehen davon, dass die Folgen einer derartigen Stiftung verheerender sein dürften als die vorlaute Äußerungen aus den Reihen einer Partei, die meint die Oppositionsrolle wieder entdeckt zu haben, mal abgesehen davon, dass sich vermutlich tagtäglich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den einschlägigen Ämtern der Stadtverwaltung verletzendere Verbalattacken anhören müssen als diese, einmal ganz abgesehen von alledem:

Dass nun als Echo aufs Echo ein Echo schallt, dessen Inhalt unmittelbar bevorstehende gerichtliche Auseinandersetzungen an die Rathauswand menetekelt, das scheint doch wohl einigermaßen dem Augenmaß entglitten zu sein. Herbert Wehner nannte Herrn Todenhöfer gern mal „Hodentöter“, einen Kollegen namens Wohlrabe taufte er zur „Übelkrähe“ um (über 50 Ordnungsrufe fing er sich in seiner aktiven Zeit ein) Joschka Fischer rumpelte eine zornige Rüge um die Ohren, weil er mit Verlaub zwar, aber doch wörtlich den damaligen Bundestagspräsidenten ein „Arschloch“ schimpfte oder Otmar Schreiner entfuhr im Eifer des Debattengefechtes auch schon mal die ungeschminkte Wahrheit und er machte beim politischen Gegner das eine oder andere „Kamel“ aus. Da klingen die Auseinandersetzungformen in Unna ja geradezu zärtlich.

Okay, nach dem Muskelspiel ist vor dem selben. Es wird wieder einmal ziemlich blödsinnige Äußerungen einer Seite geben, es wird irgendwann wieder schwerst ergänzungsbedürftige Repliken der anderen geben. Und wenn die eine oder andere Seite zukünftig stets als Endlager der Diskussion das Amtsgericht sähe, dann käme da viel Arbeit auf die überlastete Jurisdiktion zu. Erwachsene Menschen in der Politik sagen sich allerdings im Nachgang derartiger Balzrituale einmal beim Bier deftig die Meinung übereinander und geben sich anschließend die Hände … oder lassen es und bleiben Leberwürste.

Im Übrigen: Der einzige, der mit Recht beleidigt sein dürfte, der mit Recht eine Entschuldigung einfordern könnte, das ist der Kämmerer Karl-Gustav Mölle. Aber der ist ja ein kluger Mann, der hat eine sachliche Antwort gegeben und schwieg danach. Der Inhalt der Antwort war indes dergestalt, dass es den Kritikern die Ohren glühen ließ – vor Peinlichkeit.

1 comment for “Demnächst im Ratssaal: Biedermann und die Brandstifter

  1. Manfred Hartmann
    29. August 2014 at 05:16

    Ein schönes Zitat aus dem zitierten Stück: „Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.“
    Biedermann und die Brandstifter
    Max Frisch

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