Wiwis Worte: Das Leben bekommt wieder einen Sinn – Die Weltmeister-Liga startet in die Saison

So viele Jahre waren Wilfried Wittke - ja d e r wiwi - und ich Kollegen in einem Hause. Ich liebte es, seine Kommentare und Stories über die Liga zu lesen, ich liebte seine profunde Sachkenntnis über Fußball und seine Vereine im allgemeinen und ich liebte den Umstand, dass er Mitglied desselben Vereins war und ist wie ich. In unser beider Haus - der Westfälischen Rundschau - sind wir beide nicht mehr. Schlimmer noch, aus der Distanz mussten wir zuschauen, wie diese Zeitung gemeuchelt wurde. Dass "wiwi" für meinen Blog eine Kolumne verfasste, macht mich heute richtig stolz. Er war und ist es noch heute mein veritables Idol, wenn es um die sportlichen Seiten des Journalismus geht. Und dass seine Zeilen an dieser Stelle zu lesen sind, ist mit "cool" nur unzureichend beschrieben. (Foto: Eckardt Albrecht)

Wilfried Wittke . (Foto: Eckardt Albrecht)

von Wilfried Wittke

DFL Supercup? Ein nettes, prestigeträchtiges Spiel. Der erste offizielle Titel für Briefkopf und Wimpel wird vergeben und das erste große Geld verteilt. 1,25 Mio. Euro für den Sieger, 750 000 Euro für den Verlierer. Sportlicher Wert? Tendiert gen Null. Erste Runde DFB-Pokal? Auch ganz unterhaltsam, weil die Kleinen – mitunter
erfolgreich – versuchen, die Großen zu ärgern. Wie Dynamo Dresden. Wer sich über Schalker Pleiten schlapp lacht, ist schon auf seine Kosten gekommen. Aber für die Hardcore-Fußball-Fans erhält das sportliche Leben erst wieder einen Sinn, wenn die Bundesliga in die Saison startet. Nach einer der längsten Pausen in der Historie, in der uns die Nationalmannschaft mit dem WM-Triumph ein
Sommermärchen bescherte.

Im Juni/Juli schweißten sich in Brasilien Profis aus München, London, Madrid, Dortmund und Schalke zu einem verschworenen Kollektiv zusammen, und die Nation – gleich, mit welchem Club sie sympathisiert – bejubelte vereint die Tore von Hummels, Kroos, Müller oder den „goldenen Final-Schuss“ des Mario Götze.
Nationalmannschaft ist Nationalmannschaft und die Bundesliga ist ein anderer Wettbewerb. Da geht man wieder getrennte Wege. Spieler wie Fans. Das ist gut so. Denn der Fußball bezieht seinen Reiz auch aus Emotionen, Rivalität und Konkurrenzdenken.

Mario Götze, der uns in Rio in den schwarz-rot-goldenen
Fußball-Himmel geschossen hatte, bekam es beim Supercup zu spüren. Die BVB-Fans begleiteten jeden seiner Ballkontakte mit ohrenbetäubenden Pfeifkonzerten. Wegen der Vorgeschichte, seines Nacht- und Nebel-Wechsels zum FC Bayern im April 2013, strafen sie ihn mit krassem Liebesentzug. Der WM-Held bleibt in ihren Augen ein „Verräter“ und „Judas“. Schluss mit Friede, Freude, Eierkuchen.

Ein ähnlich unfreundlicher Empfang droht Manuel Neuer, Deutschlands Fußballer des Jahres, beim Gastspiel am 30. August in der Veltins-Arena auf Schalke. Und selbst das Münchner „Operetten-Publikum“ wird am 1. November die Dortmunder Weltmeister wie Mats Hummels oder Roman Weidenfeller kaum mit Ovationen
begrüßen. Und ein „Ur-Dortmunder“ wie Kevin Großkreutz beim Revier-Derby ganz schnell vergessen, dass er im Campo Bahia mit den Schalkern Höwedes und Draxler eine überaus harmonische Wohngemeinschaft gebildet hat. Mit dem ersten Bundesliga-Anpfiff ist Schluss mit Friede, Freude, Eierkuchen.

Auch Deutschlands Top-Vereine haben sich schon entsprechend positioniert. Die Giftpfeile fliegen zwischen München und Dortmund hin und her. Die Verbal-Attacken strapazieren allerdings die Grenze zur Respektlosigkeit. Auf beiden Seiten. Letzter Auslöser: Eine Ausstiegsklausel, die Marco Reus Ende der Saison 14/15 einen
Transfer für eine vergleichsweise läppische Ablösesumme ermöglicht. Diese höchst unglückliche Vertragssituation und die daraus resultierende Unruhe wird den BVB so lange begleiten, bis der Spieler sie auflöst. So oder so. Das Heft des Handelns hält allein Marco Reus in der Hand. Das zur vom WM-Spieler Christoph Kramer in einem
Spiegel-Interview angezettelten Diskussion über „Sklaverei“ um Profi-Fußball.

Reus möchte gern Titel gewinnen. Das kann er in diesem Jahr mit Borussia Dortmund. Trotz des Abgangs von Weltklasse-Stürmer Robert Lewandowski. Noch nie in jüngster Vergangenheit verfügte der BVB über einen solchen, auch in der Breite, erstklassig besetzten Kader. Seine Qualität eröffnet Jürgen Klopp, obwohl sich Leistungsträger wie Gündogan, Blaszczykowski und Sahin vermutlich erst zur Frühjahrsrunde in Top-Form zurückmelden werden, reichlich personelle und taktische Möglichkeiten.

Trainer-Diskussion auf
Schalke schon eröffnet

Denn Top-Favorit München ist WM-geschädigt wie kein anderer Club. Pep Guardiola muss nach einer holprigen Vorbereitungszeit zumindest in den ersten Saisonwochen improvisieren. Darin liegt die Chance der „Bayern-Jäger“. Dortmund an erster Stelle. Es wird auch spannend sein zu beobachten, wie sich Leverkusens in der Offensive
deutlich verstärke junge Mannschaft unter Trainer Roger Schmidt entwickelt. Oder der schon in der vergangenen Rückrunde bärenstarke VfL Wolfsburg. Auch Mönchengladbachs Manager Max Eberl hübschte sein Team kreativ auf, führte ihm mit den schnellen Außenspielern Hahn und Traore ein deutliches Mehr an
Geschwindigkeit zu.

Und der FC Schalke 04? Seine Bosse haben – offenbar in weiser Voraussicht – erstmals der Versuchung widerstanden, illusorische sportliche Ziele zu formulieren. Das Pokal-Debakel in Dresden befeuert schon wieder die leidige Trainer-Diskussion. Wie auch in Mainz, wo der Däne Kasper Hjulmand einen total missglückten Start
hinlegte. Thomas Tuchel lässt grüßen. Hier wie da. Ob Jens Keller in Ruhe arbeiten kann, darüber wird der Saisonstart (in Hannover, gegen Bayern, in Mönchengladbach) entscheiden. Schalkes im Prinzip gut zusammengestelltes Profi-Ensemble, diese zukunftsträchtige Mischung aus hoffnungsvollen Talenten und gestandenen Profis, müsste von seiner Klasse her Wolfsburg oder Leverkusen locker
Paroli bieten – und auch Dortmund gefährlich werden können. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass nicht nach der ersten Niederlage die emotionale königsblaue Fußball-Welt kollabiert.

„Das wird ein ganz
spannendes Jahr“

Für reichlich Zündstoff ist gesorgt. Oben wie unten. Sensations-Aufsteiger Paderborn gilt als erster Abstiegskandidat. Aber warum sollte den ehrgeizigen und heimstarken Ostwestfalen nicht ein ähnliches Kunststück gelingen wie dem FC Augsburg, der sich
allen Unkenrufen zum Trotz im Oberhaus etabliert hat? Hamburg, Bremen, Frankfurt, Mit-Aufsteiger Köln, Freiburg, auch Mainz und Augsburg – ihnen allen droht eine turbulente Saison.

Freuen wir uns auf den Start der Weltmeister-Liga. Am Freitag, 20.30 Uhr, in München. „Das wird ein ganz spannendes Bundesliga-Jahr“, behauptet Jürgen Klopp. Und der Dortmunder Trainer hält in der Regel, was er verspricht…

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