Urlaub in Schweden (1): Ich hatte mal einen Traum von einem Fahrrad

Da liege ich nun wieder im matratzengruftigen Bett, in meinem 3,50 Meter hohen Zimmer im Haus an Hagen-Wehringhausens Roonstraße. 3600 Kilometer über Autobahnen, Landstraßen und gut ausgebauten Schotterwegen nach dem Aufbruch vor drei Wochen; gelenkt in der Souveränität à la Björn Waldegård (um im schwedischen Kontext zu bleiben) von der großartigsten Frau von allen; 1766 Fotomotive später nach Autobahn, Landstraßen und gut ausgebauten Schotterwegen mit dem feuerroten Wohnmobil aus dem Hause Knaus, dessen Dienste wir der sympathischen Familie Kitterer aus Neu-Ulm zu verdanken haben, die hoffentlich pünktlich zu eigenen Urlaub einen würdigen Nachfolger geliefert bekam. Da sitze ich nun am Tag 1 nach Autobahn, Landstraßen, gut ausgebauten Schotterwegen und zahlreichen Campingplätzen wieder vor meinem Hochleistungs-PC, dessen gewaltige Festplatte klaglos meine 1766 Fotografien schluckte und habe keinen Schimmer, womit ich denn überhaupt anfangen soll.

Ich hatte mir ja ernsthaft vorgenommen, möglichst viel von dem, was mir während des langen Trips durch gerade mal ein Viertel dieses riesigen Elchlandes Schweden über den Weg laufen sollte, gehörig genau aufzuschreiben. Nur mal angemerkt: Nicht ein Elch war unter denen, die unsere Wege kreuzten. Aber das war auch gut so. Sowohl für alle 400000 geschätzten Exemplare dieser Respekt heischenden größten Hirschart (2,30 Meter hoch, bis zu 3 Meter lang) als auch für unseren feuerroten Knaus, dessen Bleche vor diesem Widersacher hätten kapitulieren müssen – und das Tier hätte es ebenso wenig überstanden.

So blieb es beim Anblick friedlich dösender Tiere, die vor menschlicher Störung im Schutze eines massiven Zaunes bewahrt wurden und im Schatten einiger Bäume liegend die Sonne und deren annähernd 32 Celsius-Grade genossen. Sie waren im Elchpark Laganland nördlich von Ljungby in Småland exakt genauso faul wie auf Stockholms Nationalpark-Insel Djurgården. Aber dort war es auch exakt genau so heiß, denn während unseres Aufenthaltes in Skandinavien gab’s nur eineinhalb Tage Regen, ansonsten nur mediterrane Impressionen als sähe ich Astrid Lindgrens „Ferien auf Saltkrokan“ nach all‘ den Jahren noch mal in flimmernder Realität.

Soll ich es doch chronologisch angehen? Ein anderes Ordnungsprinzip erscheint mir in meiner sattsam bekannten eher mal assoziativen Lebensart (weniger charmante Freunde würden sie chaotisch nennen) nicht richtig. Aber bei dieser Methode müsste manche Begebenheit und manche besonders beeindruckende Wegmarke zu lange warten, bis von ihr erzählt werden kann. Mir wäre so eine Art Mischform das Liebste, so etwa ein nahezu chronologischer Auftakt und danach ein lustiges Hin und Her durch Zeit und Sveriges Großraum. Ich versuche es mal so, wie ich es auch früher gehalten habe, wenn mir eine komplexe Story in Schreibmaschine oder Atex-Tastatur geriet. Ich fange einfach an und schaue, was sich so ergibt.

Wie es so häufig im Leben geschieht, beginnt die Geschichte lange vor der eigentlichen Handlung. Die großartigste Frau von allen, an deren Nachbarschaft zur Unfehlbarkeit ich fest glaube, bereitete schon Monate bevor der Starterschlüssel umgedreht wurde und der Multijet 150 los dieselte vor, dass diese Reise ein störungsfreier Erfolg werde. Parallel dazu sorgte noch während anstrengender Schultage der großartigste Junge von allen dafür, dass unser technisches Equipment so komplett wie möglich sein sollte. Ein Unterfangen, das einerseits angetan war, Begehrlichkeiten aktuell zu erfüllen, andererseits solche neu zu wecken, weil die aktuelle Erfüllung nicht mehr dem aktuellen Stand der Technik entsprach. Ich verstand das nur zu gut, weil ich der Technik im Allgemeinen und ihrem jeweils aktuellen Stand stets etwas positiv-freakig gegenüber stand und noch heute stehe.

Ich als Rentner und somit an Zeit Reichster unternahm es derwil, nach einem Fahrrad zu suchen, das einerseits dem aktuellen Stand der Technik entsprach, andererseits dem aktuellen Stand meiner konditionellen Mängel und zu guter Letzt den Anforderungen der vernünftigen Bezahlbarkeit. Ich fand es zu am glücklichen Ende wie ich alle Fahrräder der zurückliegenden 25 Jahre fand: bei meinem alten Freund Stefan Hübner und Kamens „Rat & Tat„.

Einschub: Eigentlich wollte ich die Geschichte ja gar nicht erzählen, weil sie mir so entsetzlich peinlich ist. Aber dann beschloss ich mich der Peinlichkeit und auch der Lächerlichkeit zu stellen, denn darüber lachen sollte man schon – mich auslachen vielleicht nicht, denn den Schaden habe ich schon, Spott zu kübeln muss nicht zwingend sein.

Okay, Stefan bot mir den Traum eines E-Bikes ab, tiefer Einstieg, dass auch mein bisweilen schmerzender Rücken sich nicht zu beklagen hatte, super Shimano-Schaltung, geniale Bremsen, hybride Technik, bürstenloser Hinterradantrieb … selbst der Ständer dieses Traums war perfekt. Ich griff zu, denn dieses Gebrauchtrad wurde zuvor nur von Stefans Vater gefahren, besser konnte ich es nicht treffen. Stolz fuhr ich mit meiner Neuerwerbung heim, nicht ohne zuvor beim Kaffee in Unnas Extrablatt mit Jacky Giering und Sebastian Laaser noch vom Glücksfall Fahrrad zu erzählen.

 

Das feuerrote Wohnmobil, es dieselte zuverlässig seine 3600 Kilometer durch Skandinavien.

Das feuerrote Wohnmobil, es dieselte zuverlässig seine 3600 Kilometer durch Skandinavien.

Nun passen auf den Fahrradträger unseres feuerroten Wohnmobils nur zwei. Mein altes, das nun der großartigste Junge von allen fährt und jenes, das die großartigste Frau von allen radelt (beide stammen auch aus dem Hause Rad & Tat). Also wurde mein Traum auf zwei Rädern vor der Abreise ins Fiat-Heck gestaut, auf die Betten gelegt und ab ging’s. Beim ersten Halt in Travemünde auf dem Stellplatz wurde abgeladen, die Kostbarkeit ange- und zusätzlich noch verschlossen. Die Betten wieder zum Schlafen genutzt, und am Morgen das Bike erneut auf seinen Transportplatz gestaut.

"Peter Pan", sie erwartet, dass sich ihr riesiger Bauch mit Reisenden füllt.

„Peter Pan“, sie erwartet, dass sich ihr riesiger Bauch mit Reisenden füllt.

Cool, nun konnte es zur Fähre mit Namen „Peter Pan“ gehen, die uns freundlicherweise von TT-Line zur Verfügung gestellt wurde. Während wir noch den Skandinavien-Kai erkundeten, mit uns unternahmen das ganze Heerscharen von Reisenden mit Mobilen, Wohnmobilen und Wohnwagen, kurvte ein angejahrter und ganz offensichtlich kampferprobter Daimler-Bus in Beige heran, dem ein drahtiger Alleinreisender aus dem Ennepetaler Zulassungsbereich entstieg und der freundlich dem Hagener Nachbarn seinen heimatlichen Gruß entbot. Auch er wolle nach Schweden und mache das nicht zum ersten Male (wie wir Greenhorns). Das war sowohl seinem Fahrzeug als auch ihm selbst zu glauben. Wir sollten uns noch mal begegnen.

Einschub: Nun, meine erste Überfahrt von Travemünde nach Trelleborg war es nicht. Vor über 30 Jahren war unsere lustige Gesellschaft mit den „Falken“ unterwegs nach Gotland, „Mad“ Andy Koch war auch dabei, es war ein vom Himmel beschienener Freizeit-Urlaub und der Beginn einer Freundschaft mit der Unnaer Musik-Ikone, die bis heute andauert.

Ein kurzer Blick auf die liebe alte Passat, danach die Langeweile der Überfahrt.

Ein kurzer Blick auf die liebe alte Passat, danach die Langeweile der Überfahrt.

Okay, an der Langeweile einer Überfahrt vom hanseatischen Vorort Lübecks an die Schwedenküste Trelleborgs hat sich seit 30 Jahren auch nichts geändert. Nur stinken die Schweröl verbrennenden Diesel nicht mehr so erbärmlich wie damals. Aber außer dem Verspeisen der Buffet-Angebote, der Seewind durchfurchten Decksaufenthalte und dem misstrauischen Insichforschen Kinetose Anfälliger begegnet einem nun mal wenig Abwechslung. Und so verging die Blauwasserzeit auf „Peter Pan“ nur dann im Fluge, wenn man sie wie ich es tat, teilweise verschlief.

Noch aus der Entfernung auf dem Wasser hatten wir uns auf Trelleborgs Campingplatz angekündigt, den wir nach zügigem Verlassen des Schiffes ebenso zügig ansteuerten, ihn beim Erreichen ungläubig anstarrten und sodann ganz zügig weiter fuhren, weil das Gelände so angefüllt war mit Reisemobilen und Zelten aller Art und Größe, dass wir nicht nur das Weite suchten, sondern auch schnell fanden. Es ging weiter nach Ystad, in der Hoffnung, dass der dortige Platz ein wenig einladender ausfallen würde. Fiel er auch, aber er war auch genauso voll. Macht nix, meinte ein freundlicher Platz-Manager, der zehn Minuten lang mit seinem Radl über das Gelände gekurvt war und nach einem freien gefahndet hatte, wir sollten uns erstmal gegenüber dem kleinen Kaufladen abstellen und morgen den nächsten frei werdenden Platz entern.

Gesagt, getan. Unkomplizierte Lösung im Land unkompliziert netter Leute. Mein Prachtstück wieder ausgepackt, ange- und verschlossen und ab in die Kiste zur ersten Nacht auf schwedischem Hoheitsgebiet. Ich schlief wie ein Säugling, träumte rein Nichts und sabberte plötzlich aufgeregt als ich aus demselben unvermittelt die Stimme der großartigsten Frau von allen sagen hörte: „Die haben Rudis Fahrrad geklaut!“

Ich war schneller wach als meinem Kreislauf lieb war, pellte mich aus dem Nachtlager, zog mir was über das alternde Skelett und trat zerknautscht in Freie, immer noch hoffend, sie habe einen Scherz gemacht. Trügerisch die Hoffnung, an der Stelle, wo noch abends mein Traum von einem Fahrrad stand, befand sich … nichts. Weg, spurlos wech! Ich hätte heulen können.

In heilloser Hektik radebrechte ich meine Fragen in Rudimenten von Schulenglisch in Richtung der greifbaren Schweden nach dem Verbleib des Bikes und jede Person schüttelte ratlos den Kopf. Nur der Ennepetaler von der Fähre, der noch später gekommen war, weil er den Anschluss von Ystad nach Bornholm verpasst hatte, und mit seinem beigen Daimler nahe unseres Eckchens stand, meldete sich zu Wort. Es war nicht so recht tröstlich, auch stützte es manches politisch unkorrekte Vorurteil. Die Zeiten seien unsicher geworden, bedeute unser Landsmann mit langer Schweden-Erfahrung. Direkte Verbindungen mit Polen oder den baltischen Staaten würden auch mal gern von unfreundlichen Zeitgenossen zum Warentransfer genutzt … überwiegend in Einbahnrichtung, überwiegend Eigennutz bringend und überwiegend ohne zuvor das Einverständnis der jeweiligen Eigentümer der jeweiligen Güter eingeholt zu haben.

Einwurf: Ich hoffe mal, das war jetzt zurückhaltend genug formuliert. Welche rachelüsternen Gedanken mir wirklich durch den Kopf gingen, verschweige ich höflich.

Okay, also wird der erste Tag in Schweden damit beginnen, ein Ystader Polizeirevier aufzusuchen, den Verlust ordnungsgemäß zu melden und quasi im Vorübergehen zu testen, wie serviceorientiert die Ordnungshüter im Gastgeberland sind. Das Revier war schnell gefunden, die Wartezeit in der Schalterhalle angemessen, denn in Schweden werden auch alle Pass- oder Aufenthaltsangelegenheiten auf der Polizei abgewickelt.

Eine Beamtin, deren Englisch so gut war, dass ich es für perfekt hielt, half mir freundlich weiter, erahnte den Sinn dessen, was ich zusammen stammelte (verzeih, Egon Wehrlich, ist eben schon lange her) und tippte souverän das Erahnte und von mir Gesagte in einen Bericht, den sie mir mit dem Ausdruck des Bedauerns und der Hoffnungsfreiheit, dass mein Verlust nur vorübergehend sein würde, aushändigte.

Die Touristeninfo in Ystad veräumt s nicht, ausdrücklich auf den berühmtesten Polizisten ihrer Stadt hinzuweisen: Henning Mankells Kurt Wallander.

Die Touristeninfo in Ystad veräumt s nicht, ausdrücklich auf den berühmtesten Polizisten ihrer Stadt hinzuweisen: Henning Mankells Kurt Wallander.

Kurt Wallander, den Henning Mankell stets in Ystad die brillant erzählten Verbrechen lösen lässt, er hätte seine Freude an der Kollegin gehabt. Mein Premierentag in Wallanders Ystad war etwas freudlos, konnte kurzfristig positiv gehoben werden, als ich im dortigen i-Punkt alle Kommissar-Darsteller und Henning Mankells Portrait an der Wand hinter dem Tresen sah, kam zum schwachen Höhepunkt, als mir ein Schweizer Camper strahlend mitteilte, dass Deutschland die brasilianische Elf ziemlich ungastlich mit 7:1 weggeblasen habe. Okay, da war ich überrascht. Zur Begeisterung fehlte mir die nötige Grundstimmung. Na, toll!

Und so kam es, dass wir 3600 Kilometer Deutschland, Schweden und Dänemark durchmaßen, immer mit zwei Fahrrädern auf dem Träger, in der Stockholmer Spitze bis zu 19,3 verbriefte Marschkilometer am Tag per pedes absolvierten, ohne dass diese Fahrräder auch nur einen Meter selbst fahrend zurücklegten. Weil – es waren ja nur noch zwei, und wir benötigten drei.

Einschub: Sagte ich schon, dass ich mit meinem Traum von Fahrrad genau einmal rund um Stefans E-Bike-Ausstellungshalle in Kamen gefahren war? Nein? Ist aber so! Nicht mal ein Bild habe ich von dem Teil gemacht.

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