Sein Eisenschädel brachte Deutschland 1978 ins Finale der Handball-WM: RiP, Rudi Rauer

von Heinrich Peuckmann und Rudi Bernhardt

Kreis Unna. Rudi Rauer, zweiter Torwart beim Gewinn der Handball-Weltmeisterschaft 1978, ist im Alter von 64 Jahren in seiner Heimatgemeinde Bönen  gestorben. Rudi Rauer war sicherlich einer der bekanntesten Sportler aus dem Kreis Unna. 67 Länderspiele hat er als Handballer bestritten, meist als zweiter Torwart, denn an Stammtorwart Manfred Hofmann kam er nicht vorbei.

Doch bei der WM 1978 in Dänemark waren es im Halbfinale gegen die DDR seine Paraden, die den Einzug ins Finale ermöglichten. Sogar einen Siebenmeter hielt Rauer in der entscheidenden Phase des Spiels – und zwar im wahren Wortsinne mit „Köpfchen“. Denn Rudi zog seinen Eisenschädel nicht weg als der Ball vom Werfer genau „zwischen seine Ohren“ geworfen wurde. Der Bulle aus Bönen taumelte einen Moment, aber er stand und hielt alles was es könnte bis zum Einzug ins Finale. Rudi Rauer war d e r WM-Held.

1976 gehörte er zur Mannschaft, die Vierter bei der Olympiade wurde. 1980 bei Olympia in Moskau sollte es endlich zum Gewinn einer Medaille reichen, aber die Mannschaft musste nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan auf einen Start verzichten. Mit dem VfL Gummersbach gewann Rauer, was es zu gewinnen gab: die deutsche Meisterschaft, den Pokal und den Europapokal der Landemeister.

Angefangen hat seine Karriere beim VfL Kamen, der damals in der Oberliga, der dritthöchsten Liga spielte. Jahrelang konnte die Klasse gehalten werden, weil vorne Günter „Pocke“ Hartleb, auch ein ehemaliger Nationalspieler, viele Tore warf und hinten Rudi Rauer das meiste hielt, darunter auch pro Spiel ein paar sogenannte Unhaltbare. Es waren die Jahre, in denen die Tribüne in der Sporthalle am Koppelteich voll besetzt war.

Schließlich wechselte Rudi Rauer den Verein und traf auf Vlado Stenzel, der kurz vorher Jugoslawien zum Olympiasieg geführt hatte. Als Stenzel 1974 Bundestrainer wurde, erinnerte er sich an Rudi Rauer und lud ihn zum ersten Länderspiel ein. Rauer bewährte sich und gehörte fortan zum Stamm der Nationalmannschaft. Stenzel war es auch, der ihn noch mal zum Vereinswechsel aufforderte.

Ein Nationaltorwart muss in der Bundesliga spielen, erklärte er Rudi Rauer, der deshalb zuerst zum TuS Wellinghofen und später nach Gummersbach wechselte, damals Deutschlands beste Handballadresse.

Während seiner Handballkarriere war Rudi Rauer stets Polizeibeamter, zuletzt beliebter Bezirkspolizist in Kamen, wo schon sein Vater Dienst machte. Er hatte, wie er das selber ausdrückte, immer erfolgreich den Wechsel vom Tor- zum Gesetzeshüter vollzogen. Erst vor drei Jahren war er pensioniert worden.

Auch in von mir noch ein paar Sätze zu einem alten Freund. Damals kickten wir als Journalistentruppe gegen eine Polizeiauswahl. Malte Hinz machte uns stark, Ecki Albrecht ebenso, und auf der Seite der Polizei stand ein gewisser Rudi Rauer im Kasten. Nahezu täglich hatte ich mit dem zu tun, denn er führte (so war meine Überzeugung) die Kamener Polizeiwache. Ich spielte wie seit Jugendtagen hinten rechts, weil ich da meist Rasen vorfand und mein linkes Bein nur taugte, dass ich nicht umfiel.

Nun wollte ich aber mal schauen, wie der – in meinen Augen „alte Mann“ da auf der gegnerischen Seite sein Tor sauber hielt. So mogelte ist ich mich nach vorn und staunte Bauklötze, als ich den Jüngling (gerade mal ein Jahr jünger als ich) sah – unsere erste Begegnung.

Als er Jahre später das Nationaltor hütete, fieberten wir in der Redaktion am Markt alle mit. Jürgen und Herbert Dörmann, Jolle Neuser, Heinrich Struczszinsky und ich. Jubel im Rudel zum Turniererfolg, aber natürlich besonders für unseren Freund. Der kehrte aus Dänemark heim und wir widmeten dem Helden aus Bönen hymnische Zeilen.

Rudi erzählte natürlich noch von Vlado Stenzels Rat, er möge doch alsbald mal einen Bundesligaverein verstärken. Dem unvergessenen Jürgen Dörmann kam der Geistesblitz. Er rief beim legendären Eugen Haas in Gummersbach an. Ebenso frech wie leutselig fragte er als Unnaer Journalist sich vorstellend, ob das denn stimme, dass der taufrische Weltmeister zum VfL ins Bergische wechsele. „Nöö“, antwortete Eugen Haas. Und nach kurzer Pause fügte er hinzu: „Aber da bringen Sie mich auf eine gute Idee!“

Und als wir später zur ersten großen Friedensdemo nach Bonn zogen, beäugten unsere uns umgebenden Mitdemonstranten plötzlich misstrauisch, nachdem wir an einem Trupp Polizisten aus der Borker Schule vorüber gingen, die unter Rudis Leitung waren. Das Riesen Hallo zwischen dem uniformierten Rudelführer und der langhaarigen Friedenstruppe vom Hellweg erschien ihnen nicht geheuer.

Ich bin traurig!

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