Von Tierethik und Tiermafia – Wie ein Krimi entsteht

von Heinrich Peuckmann

Schon Albert Schweitzer hat beklagt, dass im Ethikdiskurs unter Philosophen das Tier keine Rolle spiele. Als wichtiger Teil der Schöpfung gehöre es aber sehr wohl in die Überlegungen ethischer Verantwortlichkeit. Seit der Philosoph Peter Singer 1975 in seinem utilitaristischen Ansatz das Tier in die Ethikdiskussion einbezog (egal, wie man zu seinen Überlegungen steht), hat sich viel verändert. Eine breit geführte Diskussion hat begonnen mit immer neuen, weiterführenden Ideen, die aber in eklatantem Widerspruch zur fabrikmäßigen Nutztierhaltung steht. Niemals zuvor ist das Leben von Nutztieren (man achte auf den Begriff!) so gewinnmaximierend durchgeplant worden wie heute.

Und die Wildtiere, die ihr Leben ohne den Menschen führen? In rasantem Tempo sterben Arten aus oder werden bis auf wenige Restexemplare an den Rand gedrängt.

Was unterscheidet uns eigentlich von den Tieren? Das war die Ausgangfrage für viele Diskussionen, die ich mit meinem Sohn zum Thema geführt habe. Die Sprache? Tiere haben ein ausgefeiltes Lautsystem. Der Gebrauch von Werkzeug? Fischottern benutzen Werkzeuge, manche Vogelarten stellen sogar welches her, um an Raupen heranzukommen. Schimpansen kennen das Hammer-Amboss-Prinzip. Bei ihnen gibt es sogar verschiedene Kulturstufen im Gebrauch von Werkzeugen. Robert Spaemann, Philosophie, führt als Unterscheidungskriterium die fehlende Biografie bei Tieren ein. Sie hätten kein Bewusstsein für Zukunft und keine Vergangenheitsbewältigung.

Unrichtig, Elefanten gehen nutzlose Umwege, um zum Skelett der Mutter zu gelangen, das sie mit dem Rüssel betasten. Fast glaubt man, ihnen Trauer ansehen zu können. Aber Vorsicht, platte Vermenschlichung hilft nicht. Selbst der Hund meines Nachbarn, den er aus dem Tierheim geholt hat, hat ein Bewusstsein für Vergangenheit. Niemand darf ihn berühren außer seinem Herrchen. Wenn ihm jemand zu nahe kommt, rennt er weg. „Was der wohl als Jungtier erlebt hat“, sagt mein Nachbar dann.

Mein Sohn hat in seinen ethischen Überlegungen zu Tieren den Begriff der Minderheit eingeführt hat, um Handhabe Schutz zum von Tieren zu gewinnen. In einem Essay hat er die Idee entwickelt. Natürlich haben wir vorher darüber diskutiert.

Ich war also innerlich vorbereitet, als mir mein Verleger vom Kauf einer Agame für seinen Sohn erzählte und von den Vorhaltungen, die sein Freund vom Leipziger Umweltamt ihm anschließend gemacht hat. Er hätte sich eine Cites-Bescheinigung zeigen lassen müssen, die bestätigt, dass das Tier gehandelt werden darf, hat ihm der Freund gesagt. „Convention on International Trade in Endangered Species of Fauna and Flora“ heißt das, eine Übereinkunft, die das Artenschutzabkommen ergänzt, das sich auf den Handel von Großtieren beschränkt. Der Handel mit der Agame meines Verlegers war nicht verboten, seine Empörung, als er von den Hintergründen des Tierhandels mitten in Deutschland erfuhr, blieb trotzdem bestehen. Der Handel mit Tigerknochen und Hörnern von Nashörnern macht uns wütend, aber alles ist ja schön weit weg. Dass es auch mitten in Deutschland einen blühenden Handel mit vom Aussterben bedrohten Tieren gibt, musste auch ich erst lernen. Ein Krimithema, haben wir beide festgestellt, mein Verleger und ich. Eines, das wichtig ist und das etwas aufdecken sollte, das wenig im Bewusstsein der Bürger vorhanden ist.

Geholfen hat mir bei meiner Recherche der Dortmunder Zoodirektor Dr. Brandstätter, den der Zoll manchmal einschaltet, wenn eine Kiste mit einem seltenen Tier eintrifft, das die Beamten nicht identifizieren können. Brandstätter ist Fachmann für Reptilien und weiß, welche Kiste unbedingt festzuhalten ist und welche nicht. Schnell lernte ich das Wort Angonoka. Das ist eine madagassische Schnabelbrustschildkröte, von der es in freier Wildbahn höchstens noch 200 Exemplare gibt. Den Kindern dort zahlt man wenige Euros, dann zeigen sie den Leuten von der Tiermafia, wo es noch welche gibt. Anschließend muss das Personal vom Flughafen mit etwas mehr Geld bestochen werden, denn die Ausfuhr der Tiere aus Madagaskar ist natürlich verboten, und schon landen solche Tiere über Umwege in Deutschland. Übrigens zum großen Ärger der ehrlichen Tierzüchter, die ihr Geschäft verunglimpft sehen.

Der Preis für eine Angonoka? Unglaubliche 50.000 Dollar. In den Kreisen der Tiermafia wird in Dollar bezahlt. Wer um Himmels Willen zahlt so viel Geld für eine simple Schildkröte, egal wie selten sie ist? Die Erklärung des Zoodirektors leuchtet mir ein. Leute eben, die schon alles haben. Boot auf der Ostsee und im Mittelmeer, Finca auf Mallorca, alle möglichen Luxusautos, was ihre Freunde aber ebenfalls haben. Wodurch können sie sich noch unterscheiden? Durch ehrliches Steuerzahlen? Nein, da muss dann eben eine seltene Schildkröte her. „Guck mal, davon gibt es noch 200 Exemplare in freier Wildbahn und ich habe eine davon.“ Von Liebe zum Tier also keine Spur. Der Handel blüht und empörte auch mich. Also setzte ich mich hin und begann zu schreiben. Ich ließ eine Angonoka in einem Waldstück in Dortmund auftauchen, ganz in der Nähe einer Leiche. Die Dortmunder Polizei erkennt den Wert des Tieres natürlich nicht, wie sollte auch, und gibt es zur Pflege an ihren pensionierten Kollegen Völkel. An meinen Kommissar. Der erkennt den Wert ebenfalls nicht, aber er hat einen Sohn und der …

Vieles von dem, was ich über Tierethik mit meinem Sohn diskutiert hatte, ist in den Krimi eingeflossen, sogar der Hund meines Nachbarn. Tiere haben ein Vergangenheitsbewusstsein, stellt mein Kommissar fest, der am Ende feststellt, wer hinter diesen Schweinereien. Spießer, Langweiler, die nichts Sinnvolles mit dem Geld anfangen können, das sie haben oder mit Tierhandel verdienen, so dass sie auf spinnerte, verbrecherische Ideen kommen. Ein bisschen, merke ich an den Rezensionen, ist es mir gelungen, eine längst überfällige Diskussion zu entfachen. Es wird Zeit, dass wir endlich zu grundlegenden Übereinkünften zur Tierethik voran schreiten.

Heinrich Peuckmann, geb. 1949 in Kamen. Besuch des Aufbaugymnasiums in Unna, Abitur 1968. Viele Jahre lang Lehrer am Gymnasium in Bergkamen. Daneben rege Schreibtätigkeit. Inzwischen fast 50 Einzelpublikationen: Romane, Erzähl- und Gedichtbände, Kinder- und Jugendbücher. Zuletzt erschienen der Ruhrgebietsroman „Saitenwechsel“ und der Krimi „Angonoka“, der sich mit den üblen Machenschaften der Tiermafia auseinandersetzt. Peuckmann hat auch einen Roman geschrieben, der in Unna spielt, weil er sich dieser Stadt sein Schulzeiten verbunden fühlt. „Heimkehr“ heißt der Roman, der einen Soziologieprofessor für einen Vortrag nach vielen Jahren zurück in seine Heimatstadt Unna führt, wo er ermordet wird. Gelegentlich fliegt Peuckmann nach China und hält an Universitäten in Shanghai und Xi´an Vorträge über deutsche Literatur vor chinesischen Germanistikstudenten. Inzwischen kennt er sich dort so gut aus, dass er über China geschrieben hat, unter anderem den Liebesroman „Rückkehr nach Shanghai“. Peuckmann ist Mitglied im Schriftstellerverband, in der Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ und im PEN-Zentrum Deutschland, in dem er vor einem Jahr ins Präsidium gewählt wurde.

Heinrich Peuckmann, geb. 1949 in Kamen. Besuch des Aufbaugymnasiums in Unna, Abitur 1968. Viele Jahre lang Lehrer am Gymnasium in Bergkamen. Daneben rege Schreibtätigkeit. Inzwischen fast 50 Einzelpublikationen: Romane, Erzähl- und Gedichtbände, Kinder- und Jugendbücher. Zuletzt erschienen der Ruhrgebietsroman „Saitenwechsel“ und der Krimi „Angonoka“, der sich mit den üblen Machenschaften der Tiermafia auseinandersetzt. Peuckmann hat auch einen Roman geschrieben, der in Unna spielt, weil er sich dieser Stadt sein Schulzeiten verbunden fühlt. „Heimkehr“ heißt der Roman, der einen Soziologieprofessor für einen Vortrag nach vielen Jahren zurück in seine Heimatstadt Unna führt, wo er ermordet wird. Gelegentlich fliegt Peuckmann nach China und hält an Universitäten in Shanghai und Xi´an Vorträge über deutsche Literatur vor chinesischen Germanistikstudenten. Inzwischen kennt er sich dort so gut aus, dass er über China geschrieben hat, unter anderem den Liebesroman „Rückkehr nach Shanghai“.
Peuckmann ist Mitglied im Schriftstellerverband, in der Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ und im PEN-Zentrum Deutschland, in dem er vor einem Jahr ins Präsidium gewählt wurde.

 

 

 

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