Passt mal auf, Fans und Vorstand: Die Stimmung wird schnell zermiest

Dortmund. Westfalenstadion, Osttribüne, Block 44, Reihe 13, Sitz 52 – dahin hatte ich mich zurückgezogen, nachdem ich zahllose Jahre mitten (also symbolisch gemeint, war so ungefähr im heutigen Block 15) im Roar des Südens gestanden hatte und in meine spätere Sitzrichtung verächtlich von den „Sitzplatzkanacken“ gesungen hatte, wenn die mal wieder die „ola“ faul verebben ließen. Dann aber beschloss ich mich genau zu denen zu gesellen. Eddie Boekamp ging Probesitzen, suchte den Platz aus, dass keine Säule im Blickfeld stand und sicherte die begehrenswerten Sitzschalen für mich und Manni Muermann.

Weiter unten saß ich, aber der unvergleichliche Blick auf die Südtribüne war stets ähnlich. - Fotos: Heike Gutzmerow

Weiter unten saß ich, aber der unvergleichliche Blick auf die Südtribüne war stets ähnlich. – Fotos: Heike Gutzmerow

So konnte ich denn jedes Spiel trotz Abendstress in der Redaktion besuchen ohne Angst zu spät zu kommen und es im Süden nicht den Aufgang hinauf zu schaffen und am schlechten Ende im Innenraum Bierduschen (oder was anderes?) zu befürchten. Und: Wenn’s in der zweiten Halbzeit in Richtung Süden ging, konnte ich Dedé beim Spurt über die linke Außenbahn japsen hören (wenn die Gegner ihn mit ihrem Keuchen nicht übertönten), ein Traum.

Dann kam die Zeit, da ich nur noch die Hälfte der Spiele sehen konnte, weil es an der nötigen Zeit fehlte. Immer häufiger vermisste ich, musste ich meinen Sitznachbarn Levent Aktoprak (erster türkischer Absolvent des Kamener Gymnasiums) vermissen, wie er jeden gescheiten Ballkontakt von Nuri bejubelte, konnte nicht mehr zu Jenz Rother hochwinken, den ein paar Reihen hinter mir saß, wenn das Holzwickeder Bürgermeisteramt es zuließ und klaschte immer seltener mit Jupp Appelhoff und seinem Freundeskreis ab, wenn sie sich an uns vorüber zu ihren Plätzen zwängten. Und so vor fünf Jahren wurde mir das denn doch zu teuer, Spiele, die ich verpasste, hoch zu bezahlen. Ach, ich hätte die (am Ende waren’s zwei) Karten bei ebay versteigern sollen.

Und heute lese ich in den ach so ruhigen Nachrichten zu Dortmund, dass der geliebte Verein Sitzplatzinhabern die Kündigung schickt, weil er Gelände für zusätzliche VIP-Bereiche brauche. Mancher von ihnen verbrennt nun zornig Ersttagsausgaben von heilig gesprochen Trikots und Fahnen, die er einst schwenkte, weil Lewa oder seine legendären Vorgänger mal wieder Siegtore schossen, und die echte Liebe, die sie vor ein paar Tagen angesichts des wunderbaren Spiels in Berlin noch beschworen hatten, lenken sie in eine öffentlich formulierte Rosenkrieg-Scheidung um. Nun, das finde ich genauso dämlich, wie wenn ich nach 40 Jahren Mitgliedschaft die SPD verlassen würde, weil einer der Parteioberen Blödsinn erzählt (da hätte ich aber häufig austreten müssen).

Aber zumindest der Zorn ist nachvollziehbar, auf eine solche, einschneidende Veränderung im Leben eines Fans muss man den Betroffenen gehörig vorbereiten, denn Fans im Allgemeinen sind hochsensibel.

Ich will auch gar nicht ansprechen, dass der Verein aus allem und jedem im Umkreis der Farben Schwarz und Gelb Geld zu machen versucht. Das ist erstens sein gutes Recht und zweitens ganz im Sinne der Fangemeinde, weil er immer häufiger diese Knatter in begabte Beine steckt. Und in freundliche Verhandlungen über einen angemessenen Ersatzplatz kann man ja immer mit den Verantwortlichen treten. Ich hätte damals auch den meinen nicht gegen einen im Bergsteigerbereich des Oberranges getauscht.

Aber eines sei auf jeden Fall angesprochen: Es gab einmal eigentümliche und gar nicht Borussen gemäße Stimmungsveränderungen, so zum nahenden Ende der Niebaum-Ära. Da schien es, als schiele die BVB-Vorstandsebene röhrensichtig auf ein „Operettenpublikum“ und vergäße die Wurzelverhaftung mit seiner ureigenen Basis. Mit sichtbaren Folgen, weil Treue nichts Einseitiges ist, sondern den Getreuen auch gelohnt werden muss. Das fühlten wir alle als längst überwunden.

Ich unterstelle auch nicht, dass Acki Watzke und seine führenden Kollegen in solche Zeiten zurückfallen werden. Aber sie sollten darauf achten, dass aus leichten Siedebläschen schnell ein sprudelndes Kochen entstehen kann. Und die so öffentlich sich empörenden Fans seien daran erinnert, dass manche Energie besser in neue Choreografien gesteckt werden sollte und nicht in kecke Formulierungen für ach so (un)ruhige Schlagzeilen.

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