Von vaterländischen Dichtern, miserabler Lyrik, Geschichtsverdrängung und Kultur im Allgemeinen

Da wurde uns vor ein paar Jahren, ich räume ein, es ist eher ein paar Jahrzehnte her, da wurde uns von vaterlandsbewegten Pädagogen beigebracht, dass wir Sprösslinge seien eines Landes, das Dichter und Denker so zahlreich hervorgebracht habe wie der krumenbrechende Landmann erntebereite Weizenkörner. Und es wurde uns getrichtert, dass wir vaterländisch stolzgeschwellt durchs künftige Leben ziehen mögen, weil (bis auf die Zeiten, da 1000 Jahre  in echt nur 12 dauerten) die toitsche Geschichte voll Ehre und erhabener Größe gewesen sei. Hermann, Arminius, Preussens, Turnvater Jahn und so, ihr wisst schon.

Also: Frühkonditioniert sollten wir keinesfalls vergessen, dass wir hoffnungsvolle Teile einer historisch wunderfeinen und kulturreichen Nation seien, und nicht etwa – wie bissige Kabarettisten uns glauben machen wollten – einer Nation der Richter und Henker.

Nun bin ich ca. in dem Alter, dessen Erreichung wir seinerzeit unseren wenig geschätzten (ich meine auch nur die, die wenigen geschätzten nehme ich da aus) Pädagogen zumaßen und stelle fest: Wir entwickelten uns weder zu Nachfahren aller toitschen Dichter und Denker, noch viel weniger zu denen der Richter und Henker, aber vor allem zu bewussten und von der Kultur einer paneuropäischen Denke geformten Individuen. Und wir erkannten, dass diese Kultur bewahrens- und schützenswert ist, vor einer Überzahl von Zeitgenossen, deren Grundeinstellung ebenso geschichtslos wie kulturlos ist. Und das war sie schon immer.

So lange ich denken kann, schaffen es toitsche Wertebewahrer nur die ihnen angenehmen Teile ihrer Historie ehrend zu bewahren. Das Übrige verbuddeln sie, weil offenbar allzu beschwerend, verstohlen unter einer Grasnarbe des Vergessens. Was zur Folge hat, dass sie weder das hinkriegten, was sie „Bewältigen der Vergangenheit“ nannten, noch aus dieser Vergangenheit die entscheidenden Lehren zu ziehen für eine bessere Zukunft.

Nun möge man mich bloß nicht missverstehen. Weder würde es mir zusagen, wenn weiterhin Straßen oder Plätze nach Herrn „Meier“ oder dem „GröFaZ“ benannt wären, noch wollte ich an einem Ort wohnen wollen, in dessen Ehrenbürgerliste sich noch ein hinkender Demagoge aus den 1930-er Jahren fände. Nur dieser Tilgungseifer, der manche auch heute noch befällt, lässt in mir den Verdacht keimen, dass eben auch heute noch nichts so recht bewältigt ist und schon gar nicht zukunftsfest verarbeitet.

Da fällt dem einen auf, dass Agnes Miegel, die mal die „Droste Preussens“ (Annette, sieh‘ es mir nach) genannt wurde, heute doch keines Straßennamens mehr würdig sei, weil sie ja zu den Bejublerinnen einer braunbehosten Führerfigur zählte. Uns hatte man ihre miserable Poesie noch als so schön toitsch nahezubringen versucht. Jahnstraßen wären auch konsequent zu tilgen, weil der Turnvater ein übler Antisemit war. Und was wurde uns sein freier Geist gepriesen, geradezu basislegend für den toitschen Drang nach nationaler Selbstbestimmung.

Sedanstraßen, was ist mit denen? Verhallende Schlachtgesänge wollen wir doch nicht in unseren Straßenplänen ein historisches Echo liefern? Körner? Nein, mit Mais hat das nichts zu tun, es ist auch ein Dichter-Straßenname, Theodor. Der pries mit geschwollenem Sprachstil die „wilde, verwegene Jagd“ der Lützow’schen Reiter durch die Befreiungsschlachten, das mussten wir auch mal auswendig lernen, weil’s ja toitscher Kulturschatz war, damals. Franzosenhasser, dürfen wir ihn heute nennen. Wie sich die Zeiten ändern.

Oder fassen wir die Sache mal anders an. Vor ein paar Jahren, gute zwei Jahrzehnte ist es her, versuchte die vergrößerte Republik wieder einmal einen Teil ihrer Vergangenheit zu bewältigen. Lenin-Büsten purzelten von Stehlen, mühsam konnten in Chemnitz (kurz zuvor noch Karl-Marx-Stadt genannt) eifernde Stadtbildsäuberer davor bewahrt werden, den kolossalen Marx-Schädel zu verschrotten, heute beliebtestes Fotomotiv einer kriegsvernarbten Innenstadt. Straßennamen rockte es rudelweise. Klara Zetkin und Paul Rockstroh  († 1944, KZ Sachsenhausen) beispielsweise wurden in Döbeln aus dem Verzeichnis getilgt. Beide wären so was von sicher in Honeckers Kerkern gelandet, weil sie ihre individuellen Gedanken über jede dümmliche Ideologie gestellt hätten. Aber, getreu einer offenbar deutschen Umgangsart mit der eigenen Geschichte: Weg mit dem, was an schlimme bis schreckliche Zeiten erinnern könnte.

Würden wir da völlig konsequent sein, dürften Straßen nur noch nach Blumen und Bäumen benannt werden (toitsche Eichen ausgenommen), müssten wir ganze Häuserzeilen abreißen, näherten uns vielleicht einer … nee, man kann die miese Literatur von damals ja heute recyclen. Ich wiederhole es noch mal: Der Tilgungseifer ist es, der mich zutiefst stört, denn er bleibt in meinen Augen verdächtig.

Es ist dankenswert, dass der besonnene und kluge Bürgermeister Unnas, Werner Kolter, unaufgeregt und in Ruhe nach den Kommunalwahlen an das allzu gern emotionalisierte Thema mittels einer Kommission herangehen will. In diese sollten auch Menschen einbezogen werden, die dazu in der Lage sind, abzuwägen, was mahnend erhaltenswürdig bleiben sollte und wahrhaft tilgenswert ist. Und das eine oder andere Straßenschild könnte ja durchaus nach und nach mit erläuternden Texten zum Namen versehen werden, schließlich muss ein Körner ja nicht unbedingt ausradiert werden, man kann ja auch kurz beschreiben, zu welchen Anlässen der so schlechte Lyrik verfasst hat. 

Stadtgeschichte sollte lesbar bleiben, in Architektur ebenso wie in der Benennung ihrer Straßen und Plätze – das im Laufe der Historie fein fühlend und geschichtsbewusst hinzubekommen, ist eine Kunst.

Wer seine Vergangenheit verdrängt, läuft Gefahr, dass sie sich wiederholt.

Aprospos, gut oder schlecht, wert oder -los, den Preis wert oder zu hoch, zurzeit propagandiert’s an jedem wehrlosen Stecken in der Stadt tiefsinnierend, dass man ja ohne jeden Zweifel für die Kultur als solche sei, aber nicht um jeden Preis.

Und schon werfen sich mir Fragen auf, deren Menge ich kaum bemessen kann. Nur ein paar davon: Handelt es sich bei der Kultur, die hier gemeint sein könnte, um eine, die man in Beuteln bei sich trägt, wenn mensch einen Urlaub antritt, oder eine Dienstreise? Handelt es sich um die Kultur der erlesenen Speisen? Wird da an eine Kultur angenehmer Umgangsformen untereinander gedacht? Menetekeln die Propagandisten vielleicht eine ruinöse Kultur an unschuldige Backsteinwände, deren Pflege in dem dazugehörigen Industriedenkmal spürbar Geld kostet, das möglicherweise propagandistisch wirkungsvoller ausgegeben werden könnte? Oder ist gar eine Stadtkultur insgesamt gemeint, die sich durch Kulturbewusstsein, Toleranz, Geschichtsbewusstsein und gesellschaftliche Offenheit auszeichnet?

CDU Kultur

Und, was heißt um jeden Preis? Könnte es ausreichend sein, im Cent-Bereich Geld auszugeben? Wären ein paar Tausend Euro genug, um sich in der Kulturstadt Unna noch ein paar archäologisch erfahrbare Kulturfossilien zu erhalten? Oder messen wir wie einst im Mai den Kosten-Nutzen-Effekt daran, wie viele Menschen mit der je individuell gemochten Kultur erreicht werden? Den „Blauen Bock“ schauten sich unzählige Menschen an, und bisweilen tauchte da mehr Kultur auf als während jeder Soap Opera.

Die gesamte Republik rühmte die Stadt Unna einst dafür, dass sie kulturellen Wallungen nahezu jeder Provenienz eine Chance bot. Talente durften zeigen, was sie konnten, bevor andere auch nur ahnten, dass die mal was werden würden. Aus dem Humus der Unnaer Stadtkultur klomm mancher Sprössling empor, der Unnas Namen in die Republik und darüber hinaus trug. Sie war mit Namen wie Axel Sedlack genau so eng verbunden wie mit der legendären Marianne Hoffmann, deren nachfolgende Parteifreundinnen und -freunde sich heute nach dem Preis für die Kultur fragen und ob der denn dafür stehe.

Auch das ist Stadtgeschichte, und zwar von ihrer besten Seite.

Und nur mal zur Erinnerung. Als es Deutschland bedeutend schlechter ging und das Land Sorgen hatte, sich nach den 1000 Jahren aus Kriegstrümmern wieder aufzubauen, riefen Hubert Biernat und Alfred Gleisner ein Sinfonieorchester ins Leben, dessen Nachfahr mit der Neuen Philharmonie Westfalen noch heute besteht. Die beiden weisen Männer wussten, dass Kultur zum Menschen gehört, und sie sein Leben erst menschenwürdig macht.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.