Alt ist, wenn man…Und wer hat die Definitionshoheit?

Es mag meiner bereits altersgetrübter Sicht oder meinen jugendlichen Irrtümern geschuldet sein. Vielleicht aber glaube ich auch nur, mich spätpubertär zur Wehr setzen zu müssen.

Die Frauen haben sich in Deutschland inzwischen weitgehend emanzipiert, jedenfalls die jüngeren.

Bei mir und anderen mir bekannten Alten, ob nun weiblichen oder männlichen Geschlechts, nehme ich allerdings noch deutliche Defizite wahr. Despektierlich müssen wir uns Seniorinnen und Senioren nennen lassen. Das erzeugt  keineswegs gehobenes Selbstvertrauen, zumal ich selbst kaum auf die Idee gekommen wäre, mich und meine Altersgenossen so zu bezeichnen.

Wer alt ist, und was jener in diesem natürlichen Normalfall zu tun habe, glauben jüngere Mitbürger mit und ohne Migrationshintergrund immer noch besser zu wissen als wir Alten selbst. Allerdings als ich jung war, meinte auch ich schon erkennen zu können, wie Alte sich im Alter verhalten und deswegen zu verhalten hatten.

Faltig, grauhaarig, vergesslich bis dement, kränkelnd, gebrechlich bis inkontinent und irgendwie immer pflegebedürftig, das sind und das waren sie. Darüber hinaus vielleicht noch erfahren, aber langsam und gestrig. Sie schwärmten – zumindestens in meiner Jugend – von guten alten Zeiten und wollten Jüngeren eigene Erfahrungen aufdrängen.

Manche sind und waren für junge und angeblich aktivere Zeitgenossen häufig bemitleidenswerte Sozialfälle. Oder wenigstens auf dem besten (oder dem schlechtesten) Weg dahin.

Ob ich mich als Senior überhaupt für meine wahre Selbstbefindlichkeit interessieren darf, müsste ich eigentlich jene zwischen ungefähr zwanzig und fünfzig Lebensjahren fragen. Und Altersforscher sehen fast immer erstaunlich jung und selten wirklich alt aus.

Ohne eine Spur ureigener Alterserfahrungen zu besitzen, wollen Junge und Mittelalte wissen, wie sich Alt-Sein tatsächlich anfühlt.
Dabei haben sie vermutlich nur Angst. Besonders vor den Behinderungen des Alters, die sie alle vor ihrem Tod noch ereilen könnten.

Wenn die wüssten, wie gut ich mit leichten Schmerzen leben kann und wie angenehm es ist, zu vergessen und sich nicht an jeden Kleinkram zu erinnern. Ich versuche, mich nur noch um das Wesentliche des Lebens kümmern. Und zugegeben, manchmal schaue ich nicht ohne Arroganz lächelnd dabei zu, wie meine jüngeren Zeitgenossen sich mit ihren Nebensächlichkeiten herumquälen.

Sie haben einfach keine Ahnung, was es heißt, über freie Zeit zu verfügen, weil es unter ihnen als nahezu unanständig gilt, nichts zu tun zu haben. Und wie unglaublich angenehm Langsamkeit sein kann, davon haben manche jungen Hektiker offensichtlich keinen Schimmer. Doch auf der vermeintlichen Höhe ihres Lebens halten sich dennoch viele von ihnen für das Maß aller menschlichen Befindlichkeiten.

Dabei könnte auch bei ihnen der Tod plötzlich mit Krankheit, Unfall oder Naturkatastrophe zuschlagen. Und sie haben sich in der Regel nicht einmal mit dem Lebensende auseinandergesetzt. Während ich immer mehr Verwandte und Freunde zu Grabe trage und aufmerksam die Todesanzeigen der Tagespresse durchlese, um Verluste zu betrauern, aber auch um zu genießen, weiterhin zu den Überlebenden zu gehören.

Vermutlich müssen jene Ahnunungslosen mich Alten deswegen in gewisse Schubladen stecken, um sich dort noch nicht selbst einordnen lassen zu müssen. Dabei stecken sie selbst in Schubladen, die mir viel zu eng wären.

Als so genannter Senior weiß ich inzwischen, dass meine Jünglingserfahrungen mit Alten keine Dogmen für die Zukunft sondern nur Irrtümer der Vergangenheit waren.
Alte, die sich nicht abhalten lassen, in der Gegenwart ihren Stil zu leben, wollen trotz gelegentlicher Nostalgie- und Sentimentalitätsanfälle nicht wirklich in die Jugend zurück.
Jedenfalls will ich jetzt auf meine Art leben, solange es eben geht.
Und sollten jüngere Unerfahrene sich tatsächlich für meine Erfahrungen interessieren, können sie mich ja fragen.
Über echtes Interesse freue ich mich immer.

Karl Feldkamp wurde 1943 in Lübeck geboren und lebt seit 2011 In Engelskirchen-Wallefeld. Er schreibt Lyrik, Prosa, Satire, Aphorismen und Rezensionen. Bisher veröffentlichte er 5 Bücher, (darunter AngstAugen, Dittrich Verlag, Köln 1997) ein E-Book, ein Hörspiel sowie Lyrik und Prosa im In- und Ausland in Literaturzeitschriften, Schulbüchern, Anthologien und im Rundfunk. 2 Bücher gab er zudem heraus. Er erhielt den Xylos-Lyrikpreis 1981, 2009 den Preis des Stadtverbandes Kultur Bergisch Gladbach Der Bopp. Er ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) sowie in diversen Kulturinitiativen. Sein Motto: Bei jedem Irrtum gewinnt die Wahrheit Zeit.

Karl Feldkamp wurde 1943 in Lübeck geboren und lebt seit 2011 In Engelskirchen-Wallefeld. Er schreibt Lyrik, Prosa, Satire, Aphorismen und Rezensionen. Bisher veröffentlichte er 5 Bücher, (darunter AngstAugen, Dittrich Verlag, Köln 1997) ein E-Book, ein Hörspiel sowie Lyrik und Prosa im In- und Ausland in Literaturzeitschriften, Schulbüchern, Anthologien und im Rundfunk.
2 Bücher gab er zudem heraus. Er erhielt den Xylos-Lyrikpreis 1981, 2009 den Preis des Stadtverbandes Kultur Bergisch Gladbach Der Bopp. Er ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller (VS) sowie in diversen Kulturinitiativen. Sein Motto: Bei jedem Irrtum gewinnt die Wahrheit Zeit.

1 comment for “Alt ist, wenn man…Und wer hat die Definitionshoheit?

  1. 6. April 2014 at 23:04

    „Über echtes Interesse freue ich mich immer.“ ,sagt sich so leicht. Ich habe Herrn Feldkamps Gedanken schon öfter kritisch kommentiert aber bisher keine Reaktion erfahren. Trotzdem weiter so?

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